Bin ich eigentlich faul?

Naja, in mancher Beziehung schon – und ich genieße es

Einerseits finde ich, dass ich faul bin, andererseits wiederum nicht. Dieser Widerspruch ist leicht zu erklären: es ist eine Frage der Priorität, bei der Ausführung jener Dinge, die mich freuen, bin ich gar nicht faul, andere, die mich weniger locken, da bin ich dann zuweilen ziemlich faul.

Definiert wird Faulheit folgendermaßen: Als Faulheit wird der Mangel an erwartbarer Aktivität bei einem Menschen bezeichnet. Der Begriff wird zur Beschreibung und Bewertung von Anstrengungsvermeidern genutzt (genauer: von Menschen, welche aus der Sicht des Sprechers bzw. Schreibers ihrer gesellschaftlich auferlegten Arbeit nicht bzw. nicht mit hinreichendem Fleiß nachgehen).

Die abwertende, oft als beleidigend empfundene Eigenschaftszuschreibung von Anstrengungsvermeidern als „faul“ basiert auf der Beobachtung, dass die so Charakterisierten offenbar mit einer mangelnden Motivation ausgestattet sind. Mangelnd motiviert kann jemand sein, der unter einem allgemeinen Mangel an Energie leidet (z. B. in Form eines Burnout-Syndroms), der eine Tätigkeit nicht für sinnvoll hält, der von ihr zu wenige Erfolgserlebnisse erwartet oder der zu wenige Erfolge in der Vergangenheit mit dieser Tätigkeit gehabt hat.

Es gibt auch solche, für die ist Faulheit vermutlich weniger eine Kategorie der wissenschaftlichen Definition als eine der praktischen protestantischen Ethik, des Volksmundes und der Ratgeberliteratur. Und ein Zuschreibungsbegriff von Fleißigen.

Ich finde ja eher die besonders Fleißigen suspekt, denn sie denken nicht darüber nach, wie man sich die jeweilige Arbeit erleichtern kann. Jene, die drüber nachdenken, sind aber dann die Erfinder z.B. von Maschinen, die die Arbeit vieler erleichtern. Bis jetzt gibt es mehr Maschinen, die die manuelle Arbeit erleichtern, in Zukunft wird es auch Maschinen geben, die denken können (Artificial intelligence).

In christlichem Sinn gilt Trägheit als eine der sieben Hauptsünden, das umfasst Trägheit des Herzens, Trübung des Willens, Verfinsterung des Gemüts und Verlust der Tatkraft. Die Faulheit kann nach katholischer Lehre dazu führen, dass man tatenlos bleibt und dem Bedürftigen, Schwachen oder Kranken nicht hilft, wenn man es könnte. Für den Protestantismus ist der Fleiß bei der Arbeit Zeichen eines gottgefälligen Lebens, der auch im hiesigen Leben belohnt wird (protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus).

Andererseits galt in der Antike die Muße (im Sinne von Kontemplation) als erstrebenswertes Ideal. Marcus Tullius Cicero prägte den Begriff des otium cum dignitate, der mit wissenschaftlicher und philosophischer Betätigung verbrachten „würdevollen Muße“ in Zurückgezogenheit. Dem Lob der „vita contemplativa“ entsprach eine Abwertung der „vita activa“, die den Sklaven und den Proles überlassen wurde. Negotium, also vielleicht zu definieren als „Geschäfte betreiben“ steht dem gegenüber.  Ich finde diesen Zustand des „Otium“, der Muße, durchaus erstrebenswert, wenn man sie entsprechend nutzt. In Rom beispielsweise hätten Senatoren sich kaum so aktiv den res publica (der Politik) widmen können, hätten sie nicht über Otium, Grundbesitz und eine entsprechende Anzahl von Sklaven verfügt.

Kant, im Sinne der Aufklärung, bewertete „Faulheit“ als einen Hauptgrund dafür, dass am Ende des 18. Jahrhunderts Menschen in großer Zahl keinen öffentlichen Gebrauch von ihrer Gedanken- und Meinungsfreiheit machten. Anderer Ansicht war der Arbeiterführer Paul Lafargue (*1842 in Kuba; † 1911 in Frankreich) französischer Sozialist und Arzt) in seinem Buch Das Recht auf Faulheit: „O Faulheit, erbarme du dich des unendlichen Elends! O Faulheit, Mutter der Künste und der edlen Tugenden, sei du der Balsam für die Schmerzen der Menschheit!“

Arbeitet nie! war eines der Mottos, die Situationisten 1968 in Paris an Wände sprühten. Damals galt  der Traum von weniger Arbeit keineswegs als radikal: In den sechziger Jahren wurde mit Fortschritt die ihn damals legitimierende Idee verbunden, dass Technologie den Menschen in der Zukunft viel mehr Freizeit erlauben würde[CC1] .

In Deutschland wurde der Begriff Fordern und Fördern im Zuge einer sogenannten „Faulheitsdebatte“ im Rahmen der Agenda 2010, im Kontext des „aktivierenden Sozialstaats“, verwendet (Gerhard Schröder: „Es gibt kein Recht auf Faulheit in unserer Gesellschaft“).

Niemand von uns wünscht sich heute Sklaven, wir sind alle froh, dass die Sklaverei abgeschafft wurde.  Obwohl und da muss auch gesagt werden, es gibt noch ausreichend Situationen heute in unserer Gesellschaft, wo der Status mancher Menschen jenen der früheren Sklaven gleicht. Und wir haben heute nicht mehr so großen Bedarf an Sklaven, da wir ja – siehe oben – große Teile der händischen Arbeit an Maschinen delegiert haben. Wir, als Gesellschaft, könnten uns durchaus mehr Muße gönnen. Aber unsere Gesellschaft unterstellt manchen Sozialhilfeempfängern heute Faulheit, und sieht sie als Arbeitsunwillige.

Also um meine Trägheit zu überwinden, werde ich mich kurz (mit Betonung auf kurz) auf einen Spaziergang durch den Park begeben. Aber auch hier spielt meine Prokrastination („Aufschieberitis“) eine gewisse Rolle, denn eigentlich sollte ich (einigermaßen dringend) gewisse Aufräumarbeiten durchführen, die mich aber gr nicht freuen.

Nun, sagen Sie mir, ob ich nun faul bin oder vielleicht doch nicht?


 [CC1]

Bin ich eigentlich faul?

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