Blank-Gehen, im Frühling

Eine Reminiszenz

Heute, am 25. März, bin ich zum ersten Mal in diesem Jahr „blank gegangen“. Das sagt Ihnen nichts? Das wundert mich aber gar nicht. Denn das sagte man in meiner Jugend – und das ist ordentlich lang her – wenn man ohne Mantel oder dicke Jacke, und vor allem ohne lange Strümpfe das Haus verlassen durfte. Ich trug heute bei meinem Spaziergang durch den Stadtpark keinen Mantel mehr. Also bin ich blankgegangen. Klingt heute komisch!

Immerhin. Der Stadtpark war voll, es war kaum eine Bank leer, im Gras saßen die Leute, am Rand des Teiches spielten die Kinder. Die Forsythien gehen gerade auf. Frühling ist! Kaffee wurde gekocht und ausgeschenkt, eine lange Schlange stand an, mit Abstand, selbstverständlich. Herrlich! Ich weiß nicht, wie das gehen wird, mit dem harten Lockdown über Ostern, sollte die Sonne scheinen. Werden die Menschen dann wirklich zu Haus bleiben und beim Fenster hinaus in den Sonnenschein schauen?  Ich fürchte, der Lockdown samt Ausgangssperre wurde von Leuten entschieden, die höchst wahrscheinlich selber einen Garten haben, wohin sie ausweichen können. Aber Wohnungsbesitzer mit Kindern?  Ich kann mich an meine eigene „Penzerei“ (drängendes Betteln) erinnern, aber auch jenes meine Kinder – um hinauszugehen, um die Freunde zu treffen, um zu spielen – es wir ja Ferienzeit sein!

Und was ist das wieder, lange Strümpfe? Das waren Strümpfe, die weit noch über den Oberschenkel gezogen wurden, in hellbraunem Ripp, aus gewirkter Baumwolle, die durch einen Strumpfgürtel gehalten wurden. Der Stumpfgürtel war ein elastisches Band, das man um die Taille trug, an denen wiederum 4 elastische Bänder hingen, mit einer Art Spange, mit der man diese schrecklich hässlichen Stümpfe befestigen konnte.  Sie werden es nicht für möglich halten, aber dieses Konstrukt, Strümpfe und Strumpfhalter, wurden von Buben und Mädchen getragen, da die Buben (in Ermangelung einer langen Hose) das ganze Jahr über zu Lederhosen trugen. Vielleicht können Sie sich vorstellen, wie das war, als man das erste Mal Sockerln bzw. Kniestrümpfe anziehen durfte – welche Erleichterung. Es war jedes Jahr ein neuerlicher Kampf, man plädierte auf Sonne, die Mutter auf Kälte in der Früh. Der Mantel oder die Jacke war dann nicht einmal mehr so sehr das Objekt der Auseinandersetzung.  

Aber vieles hat sich geändert in der Kinder- und Damenoberbekleidung. Man trägt kaum mehr Strümpfe und Strumpfhalter – außer wohl zu erotischen Zwecken, sondern man trägt Strumpfhosen. Welcher Erleichterung gegenüber früher. Ich kann mich zwar erinnern, dass ich einmal als Kind eine Strumpfhose besaß (ebenso beige/grau wie die Strümpfe), aber diese hat meine Mutter nach Maß für mich wirken lassen und sie diente zum Eislaufen.

Für mich gibt es nur ein heutiges Äquivalent zu diesem „Blank-Gehen“. Eine Autofahrt durch das Kanaltal, aus dem noch recht winterlichen Österreich in ein frühlingshaftes Italien.  Beim ersten Stopp – um einen italienischen Espresso zu trinken, kurz verschwinden und die Strumpfhose ausziehen, und die bereits mitgeführten Sandalen anziehen. Naja, da war noch Nicht-Corona-Zeit!

Heutzutage trage ich eigentlich das ganze Jahr über Jeans, nein, keine Destroyed Jeans, aber ich brauche daher auch keine Strumpfhosen mehr. Aber in meiner Gymnasialzeit waren Hosen für Mädchen ein absolutes Tabu, auch im wirklich noch kalten Winter durfte nicht einmal eine Skihose in die Schule getragen werden.  

Es hat sich sehr vieles zum Besseren gewandelt, wenn nicht die blöde Pandemie über uns hereingebrochen wäre. Aber irgendwann im Sommer, wenn die Herdenimmunität greifen wird, wird auch die Pandemie (vielleicht) ihren Schrecken verloren haben (ganz sicher bin ich nicht, aber ich hoffe es!).

Blank-Gehen, im Frühling

2 Gedanken zu “Blank-Gehen, im Frühling

  1. Ach wie schön. Ich freu mich immer sehr, wenn ich wieder locker bekleidet „ins Dorf“ gehen kann. Das war heute in dieser Saison auch zum 1. Mal der Fall, im Poloshirt. Und auf dem Heimweg vom Einkaufen gab es das erste „Eis to go“ und ein paar Minuten später sah ich einen Zitronenfalter. Solche Momente wie heute sind einfach wunderschön.

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