Vorfrühling im Wiener Wald

Ein Spaziergang

Ein Anruf am Vormittag: Hast Lust im Wald spazieren zu gehen? Natürlich hatte ich Lust, vor allem nicht allein zu gehen – aber Du bist doch früher gerne und oft alleine gegangen – Ja, da war ich froh, dem familiären Trubel kurz zu entrinnen – aber jetzt, da bin ich halt viel allein.

Also wir fahren von Hütteldorf Richtung Schottenhof, vorbei an dem Schild zur Knödelhütte (noch immer „lustig“ für mich, es steht schon seit Menschengedenken dort), wir bogen nicht in Richtung Knödelhütte, sondern etwas später ab. Wenn man die Gegend dort betrachtet, ist sie schon sehr mit Einfamilienhäusern mit kleinem Grundstück verbaut, verhüttelt halt, aber es heißt ja schließlich auch Hütteldorf. Parkplätze waren rar, aber in der Karl-Bekehrty-Straße, 14. Bezirk, Penzing, Hadersdorf fand sich dann doch einer. Und wenn Sie es wirklich wissen wollen: Karl Bekehrty (1822-1882) war ein Realitätenbesitzer und Wohltäter, der die sozialen Einrichtungen von Hadersdorf förderte, besonders die Ausbildung von Lehrlingen war ihm ein Anliegen.

Mit Ende der Straße hörte schlagartig die Verbauung auf – wir waren im Wiener Wald, entlang des Halterbaches wanderten wir in Richtung Rieglerhütte. Der Waldboden war ganz grün, nicht zu übersehen, denn da wächst der Bärlauch in reichem Maße, nicht zu „überriechen“.  Ja, wir waren nicht allein unterwegs, es waren hauptsächlich Familien die wir trafen, mit Kindern. An einer Stelle hatten Kinder eine Hängematte über den Halterbach gespannt, ich frage mich, wie lange es dauerte, bis eines der Kinder in diesem Bach landen würde.

Bald zweigten wir von diesem Bach ab – nachdem wir eine riesige Wiese hinter uns gelassen hatten, eine für Hunde zugelassene Wiese, und es ging eigentlich langsam und gemächlich bergan. Es war wunderbar, die Bäume waren noch komplett unbelaubt, hier in der Gegend, die Sonne schien durch, wir hörten unterschiedliche Vögel, und sahen – für mich die ersten – Schmetterlinge, braun-schwarz gemustert. Später kam dann auch noch ein Zitronenfalter vorbei. Und wenn ein Windstoß kam, dann rauschte der Wald, ein Geräusch, das ich schon lange nicht mehr gehört hatte.  Ganze Polster von Leberblümchen nahmen wir wahr, an manchen Stellen blühten die Veilchen – und auch andere Blumen, deren Namen ich leider nicht kenne. Hummeln brummten ….

Zuweilen kamen Mountainbiker vorbei, aber alle recht freundlich und rücksichtsvoll, man war einander nicht im Weg. Ich genoss diesen Spaziergang in Wiener Wald – hier nur ein Laubwald – wirklich sehr, mir fielen die Zeilen ein: Wer hat dich, du schöner Wald / Aufgebaut so hoch da droben? / Wohl den Meister will ich loben / So lang noch mein‘ Stimm erschallt: Meiner Tochter fiel ein, dass der Text von Eichendorff wäre. Wirt fanden es passend, den entsprechenden Chor zu hören, der uns aber dann gar nicht gefiel, doch zu martialisch.

Ich bin schon sehr froh, dass dieser Wiener Wald bewahrt wurde, denn um 1870, am Höhepunkt der Gründerzeit (1837–1914) in Wien, nicht zuletzt wegen großer Überschuldung der habsburgischen Finanzen, gab es Pläne, den Waldbestand Großteils zu roden. Entsprechende Verträge waren bereits unterschrieben. Dies führte zu Widerstand in der Öffentlichkeit. Besondere Verdienste um die Rettung des Wienerwaldes erwarb sich Josef Schöffel durch seinen publizistischen Kampf gegen die Abholzung. Josef Schöffel (* 1832 in Böhmen; † 1910 in Mödling) war ein österreichischer Journalist, Politiker, Heimat- und Naturschützer, gilt als Retter des Wiener Waldes, als er 1870–1872 durch eine journalistische Kampagne verhinderte, dass ein Viertel der Waldfläche des Wienerwalds an den Wiener Holzhändler Moritz Hirschl zur Schlägerung verkauft wurde. Für sein Vorhaben fand Schöffel zunächst kaum Mitstreiter. Im Neuen Wiener Tagblatt und später in der Deutschen Zeitung berichtete Schöffel über Amtsmissbrauch der von ihm „Staatsgüter-Verschleuderungs-Bureau“ genannten Ministerialkommission und deren Beamten. Mehrmals wurde er vor Gericht geladen. Die Presse stand offensichtlich den Privatisierungsinteressenten näher als den Naturschützern und Gegnern des unterpreisigen Verkaufs von öffentlichem Eigentum. Da Schöffels Recherchen aber hieb- und stichfest waren, wurden sämtliche Klagen zurückgezogen. Ihm wurde sogar Schweigegeld angeboten, um ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Es gab das Gerücht, dass ein Jagdschütze, der Schöffel „irrtümlich“ bei der Jagd treffe, mit keinen Konsequenzen zu rechnen habe. Daraufhin nahm Schöffel an keiner Jagd mehr teil. Schöffels Freispruch von der Anklage wegen „Herabwürdigung von Verfügungen der Behörden“ am 20. März 1872 leitete die Wende ein. Die Regierung entzog dem Finanzministerium zugunsten des Ackerbauministeriums die Verfügung über die Staatsforste, und der Börsenkrach von 1873 beendete die fieberhafte Baukonjunktur, die den Hintergrund der Affäre gebildet hatte. Der prominent gewordene Schöffel wurde 1873 Mitglied des Reichsrates und 1873–1882 Bürgermeister von Mödling. Sein Leitsatz war: „Ich wünsche mir nur, dass, wenn der Wienerwald, was nicht unmöglich ist, wieder einmal von Spekulanten bedroht werden sollte, sich zur rechten Zeit ein Mann finde, der denselben mit Erfolg verteidigt.“

Heute habe ich wirklich allen Grund, Josef Schöffel dankbar zu sein. Ein bissel gestört hat uns, als wir an einer Wegkreuzung einen Container voll mit alten Möbeln gefunden haben. Es steht nur hoffen, dass der von dort irgendwann abgeholt werden wird.

Sonst hat unseren Spaziergang über Stock und Stein, über zuweilen gatschige Stellen wirklich nichts gestört, die dunkeln Wolken haben wir nur von der Ferne gesehen.

Is‘ schon schön, bei uns in Wien!

Vorfrühling im Wiener Wald

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