Hugo Portisch

Gerade höre ich die Nachricht, dass unser alter Freund Hugo Portisch mit 95 Jahren gestorben ist. Kürzlich war er noch in einem Fernsehspot zu sehen, er hat dabei für die Corona-Impfung geworben.

Na selbstverständlich habe ich ihn über meinen Mann kennengelernt. Er war einer der wenigen Menschen, der während eines Gesprächs immer seinem Gesprächspartner die volle Aufmerksamkeit widmen konnte, sodass dieser oder diese immer das Gefühl hatte, jetzt und hier besonders wichtig für Hugo zu sein.

Hugo und seine vor ihm verstorbene Frau Traudi – die er sehr, sehr vermisst hatte, haben immer ein offenes Haus geführt. Besonders, wenn sie aus Italien mit all den Köstlichkeiten, die man damals bei uns nicht so ohne weiteres bekommen konnte, zurückgekommen waren, saß man an ihrem großen Küchentisch und man aß in großer, lauter Runde die von Traudi gekochten Köstlichkeiten – in der Wohnung in Dornbach – erinnere ich mich besonders z.B. an Spaghetti mit Trüffeln.  

Traudi war die stillere von beiden, sie hat wunderbare Kinderbücher geschrieben – meine Kinder haben die Hunde von Benevento geliebt. Vieles über sie kann man in ihrem Buch Der Liebe Gott und die Großmama lesen.

Denn es gab da das Landhaus in der Toskana – wir, mein verstorbener Mann und ich – sind nie in den Genuss gekommen, dort gewesen zu sein, aber jahrelang habe ich mit dem Öl gekocht, das dort unter Aufsicht von Traudi aus den Oliven aus dem eigenen Gut gepresst worden war. Von dem eher sehr spontan erworbenen Gut hat Hugo gerne erzählt, es war ein Refugium, das er für die eigenen Bedürfnisse umgestaltet hatte, ohne dass es seine „italienita“ verloren hätte. Und durch Hugos Erzählungen wurde das alles dort so ungeheuer lebendig, dass man es kannte, auch ohne je dort gewesen zu sein.

Ein zweites Hobby – das so gar nichts mit seiner Arbeit zu tun hatte (außer dass Hugo und Traudi gemeinsam einmal ein Buch darüber geschrieben haben: Pilze suchen – ein Vergnügen) war eben Schwammerln suchen.

Aber auch über seine Arbeit (besonders zusammen mit Sepp Riff) berichtete Hugo gerne und animiert. Sepp Riff, * 17. Februar 1928, † 19. Februar 2000, war Kameramann und TV-Produzent. Oft ging es um eine besonderes bisher verschollenes Dokument oder ein besonderes Photo z.B. jene rote Fahne, die am 12. November 1918 vor dem Parlament in Wien aufgezogen worden war: Linke Aktivisten hatten den Parlamentsbediensteten das Fahnentuch mit den Staatsfarben entwunden, das Weiße herausgetrennt und stattdessen die rein rote Fahne, das Erkennungszeichen des Sozialismus, gehisst. Die Lage war kritisch. Karl Renner verkündete eilig die Republikwerdung und den Anschluss an Deutschland, ehe Karl Seitz das Wort ergreift, doch seine Rede allzu rasch wieder beendet. Der geplante musikalische Abschluss der Proklamation geht im allgemeinen Lärm nahezu vollkommen unter, und die Spitzen des Staates ziehen sich schnell wieder ins Innere des Parlamentsgebäudes zurück.

Ja, derartiges und vieles Faszinierendes mehr hat Hugo Portisch in seinen Dokumentationen dargestellt. Bei uns stehen sie in Buch und Kassette zu Hause. Manche der Versionen haben wir zusammen mit der Familie Portisch und Freunden vorweg sehen können. Diese Dokumentationen haben – so glaube ich – fast alle Österreicher einer bestimmten Generation in ihrem Geschichtsbewusstsein geprägt.  Und nachhaltig war seine diesbezügliche Arbeit sowieso, denn diese Generation hat ihr Wissen an die nächsten weitergegeben.

Ich erinnere mich an einen gemeinsamen Urlaub, der sich aber spontan ergeben hatte. Hugo Portisch (dessen Frau eine Reha absolvierte), Hermann Polz von den oberösterreichischen Nachrichten mit seiner Frau und wir, mein Mann und ich fanden uns gleichzeitig im Warmbader Hof ein. Jeden Abend trafen wir einander zu ausgedehnten Gesprächen bei einem oder mehreren Gläsern Wein. Ein Ober damals meinte, es ginge zu wie bei den vormaligen „Club 2“.  Der Club 2 war eine Diskussionssendung, die aufgrund ihrer Aktualität und Themenbrisanz populär war und zunächst vom 5. Oktober 1976 bis 28. Februar 1995 in insgesamt 1401 Ausgaben ausgestrahlt wurde. Vom 12. Dezember 2007 bis zum 12. Dezember 2012 war der „neue“ Club 2 in Neukonzeption jeweils mittwochs zu sehen. Gastgeber des Club 2 waren unter vielen anderen Axel Corti, Klaus Emmerich (der ebenfalls dieser Tage über 90zig jährig gestorben ist), Adolf Holl, Peter Huemer, Kuno Knöbl, Franz Kreuzer, Paul Lendvai, Ernst Wolfram Marboe, Louise Martini, Freda Meissner-Blau, Günther Nenning, Anton Pelinka, Peter Rabl. Auch darunter viele teilweise schon verstorbene Freunde!

Hugo Portisch konnte die komplizierteste nationale oder internationale politische Situation so erklären, dass man wirklich das Gefühl hatte, sie zu verstehen. Aber viel wesentlicher, er war uns ein treuer, verständnisvoller Freund  der mir sehr abgehen wird.  

Es gäbe noch so viel zu ihm zu sagen …

Hugo Portisch

4 Gedanken zu “Hugo Portisch

  1. Othmar E.R. PUSCH sen. schreibt:

    Christa, meine liebste Professorin, danke für diesen interessanten Blog – leider zu einem traurigen Ereignis. Der liebe Verstorbene wird Vielen von uns – eigentlich u/o vermutlich Allen – abgehen. Einen Trost gibt es: Er ist jetzt sicher bei bzw. mit seiner Traudi wieder vereint.

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