R. I. P. Hans Küng

Ein Großer hat uns verlassen

Hans Küng (* 19. März 1928 in Sursee, Kanton Luzern; † 6. April 2021 in Tübingen) war ein Schweizer Theologe, römisch-katholischer Priester und Autor. Von 1960 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1996 war er Theologie-Professor an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen, zuletzt für Ökumenische Theologie. Bis März 2013 war er Präsident der von ihm mitgegründeten Stiftung Weltethos.

Sieben Jahre hatte Küng in Rom Philosophie und Theologie studiert, dann aber das konservative Milieu der päpstlichen Universität Gregoriana verlassen, um sich im fortschrittlichen Paris, am Institut Catholique, promovieren zu lassen. In seiner Doktorarbeit postuliert er, dass es keinen unüberbrückbaren Gegensatz zwischen protestantischer und katholischer Theologie gerade in jener Lehre gibt, die seit dem 16. Jahrhundert als kirchentrennend galt. Keine Uneinigkeit mehr, das bedeutet: Der Weg für ökumenische Verständigung ist frei.

Küng wurde bereits 1957, im Jahr seiner Promotion, als der Irrlehre Verdächtiger bei den römischen Kirchenbehörden angezeigt. In Rom wurde die Akte „399/57i“ angelegt, ein Konvolut, das in den Folgejahren immer umfangreicher wurde. Der Betroffene allerdings konnte es, vatikanischer Gepflogenheit gemäß, nie einsehen.

Es waren Zeiten des Umbruchs, besonders den Glauben betreffend – denn z.B. 1971 konnten wir in Österreich über ein Buch wie „Da Jesus & seine Hawara“ (Übertragung des Neuen Testaments ins Wienerische von Wolfgang Teuschl) mächtig aufregen, oder auch über ein anderes Buch „Jesus in schlechter Gesellschaft“ von Adolf Holl.  Dieser (* 13. Mai 1930; † 23. Jänner 2020) – also ein Zeitgenosse Küngs – war ein österreichischer Theologe, Religionssoziologe, Publizist und (vom Amt suspendierter) katholischer Priester.

Selbst wir, mein (inzwischen leider verstorbener) Mann und ich waren nicht einer Meinung über diese „Revolution“. Mein Mann, Thomas Chorherr, konnte sich zu dem Thema in „seiner“ Zeitung äußern, ich schwieg und kaufte mir Bücher, geschrieben von Hans Küng.

Sommersemester 1969, Seminarsitzung im Institut für ökumenische Forschung in Tübingen. Der katholische Theologe Hans Küng lässt Studenten über die Reaktionen zu seinem Buch „Die Kirche“ (1967) referieren. „Der Papst ist nicht unfehlbar“, stellt Küng fest. Im gleichen Augenblick wird ein schreckliches Poltern hörbar. Alles erschrickt. Die an der Wand angebrachten Bücherregale schwanken, einige Bücher fallen zu Boden. Dann lachen alle, Küng am lautesten. Es war ein kleines Erdbeben- oder war es – wie viele meinten – vielleicht doch ein Zeichen Gottes?

Küng meinte, die Kirche habe eine umfassende Reform der Lehre und der Organisation bitter nötig. Das, obwohl das 2. Vatikanische Konzil (1962–1965) gerade stattgefunden hatte, an dem Hans Küng ebenso wie Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI mitgewirkt hatten.

Da kam die Veröffentlichung der kirchengeschichtlichen und dogmatischen Untersuchung „Unfehlbar? Eine Anfrage“ (1970). Zwei weitere, umfangreiche Bücher – „Christ sein“ (1974) und “Existiert Gott?“  (1978) – wurden internationale Bestseller. Diese Werke waren zur Zeit Pauls VI. (* 26. September 1897; † 6. August 1978) als Papst entstanden. Die meisten nicht so sehr theologisch Interessierten kennen aus dieser Ära dieses Papstes wohl nur die Enzyklika Humanae vitae (25. Juli 1968) über die Weitergabe des menschlichen Lebens (die so genannte Pillenenzyklika). Erschienen sind die Bücher dann bereits zur Zeit von Papst Johannes Paul II, (* 18. Mai 1920; † 2. April 2005, Papst ab 16. Oktober 1978).

Von katholischen Traditionalisten als Angriff auf die Kirche verstanden, führten diese Bücher zu einer Zuspitzung der Auseinandersetzung. Für Küng unerwartet kam es zu einer kirchlichen Strafmaßnahme: Ohne Ankündigung und ohne rechtliches Verfahren wurde dem Tübinger Theologen am 18. Dezember 1979 mitgeteilt, ihm sei die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen.

Da aber Küng mit seiner Lehre nicht gegen das Beamtenrecht verstoßen hatte, blieb ihm sein Lehrstuhl an der Universität Tübingen erhalten. Auch Priester durfte er bleiben. Nur dürfe er sich nicht mehr als „katholischer Theologe“ bezeichnen. Damit war ein Paradox geschaffen: Der international bekannteste katholische Theologe sollte sich nicht mehr „Theologe“ nennen dürfen.

Auch nach 1979 hat Küng nicht aufgehört, Reformen in der Kirche anzumahnen, etwa in dem Pamphlet „Ist die Kirche noch zu retten?“ (2011) So blieb Küng einer der Wortführer des weltweit verbreiteten informellen liberalen Katholizismus, der keine organisatorische Gestalt fand. Eine neue Kirche wollte Küng nie gründen. Sein Anliegen war es, die römisch-katholische Kirche – die größte religiöse Organisation der Welt – zu einer Reform zu bewegen.

Aber Küng gab 1979 nicht auf. Sein neues Thema hieß: Dialog zwischen den Weltreligionen, insbesondere zwischen Judentum, Christentum und Islam, denen Küng jeweils ein umfangreiches Buch widmete. Im Fall des Islam-Buches mit der an Christen gerichteten Forderung, Mohammed als Propheten anzuerkennen.

1993 hat das in Chicago tagende Parlament der Weltreligionen Küngs „Erklärung zum Weltethos“ angenommen, 2001 sprach der Autor, wie vor ihm nur Päpste, zur Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York. Das Weltethos und der in der heutigen Welt durch Missverständnisse zwischen Naturwissenschaft und Theologie belastete Gottesglaube waren auch die Themen eines brisanten, 2005 in Castel Gandolfo zustande gekommenen Gesprächs zwischen Küng und seinem alten Gegner Joseph Ratzinger, der inzwischen, als Benedikt XVI., zum Papst aufgestiegen war.

In „Was ich glaube“ (2009) kann Küng sich christlichen Glauben auch ohne Kirche vorstellen: Christsein sei eine Lebenshaltung, die sich unmittelbar – also ohne Gottesdienst, Priester und Papst – an Jesus und der Bibel orientiere, steht da geschrieben.

Denker wie Hans Küng fehlen in der heutigen Zeit.

R. I. P. Hans Küng

2 Gedanken zu “R. I. P. Hans Küng

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