Der Gazastreifen – eine Erinnerung, Teil 2

Dort herrscht jetzt Pandemie; seit 15 Jahren soll wieder eine Wahl stattfinden

Den ersten Teil finden Sie unter: https://christachorherr.wordpress.com/2021/04/08/der-gazastreifen-eine-erinnerung-teil-1/

2006 wählten die Palästinenser zum ersten und bisher letzten Mal ein Parlament. Mit der Hamas gewann aus Sicht von Israel und westlichen Staaten die falsche Kraft – eine Organisation, die auf Terrorlisten steht und Israels Existenzrecht nicht anerkennt.

2007/2008 folgte eine Periode der Maßnahmen bzw. Angriffe der Hamas und Gegenangriffe Israels. Auch Ägypten wandte sich von den Palästinensern ab. Im Juni 2008 trat eine von Ägypten ausgehandelte sechsmonatige Waffenruhe in Kraft. Die Hamas verpflichtete sich, ihre Raketenangriffe auf israelische Gebiete zu beenden; im Gegenzug lockerte Israel schrittweise seine Blockade des Gazastreifens. Damit war es zum ersten Mal seit langer Zeit wieder möglich, die 1,5 Millionen im Gazastreifen lebenden Palästinenser unbeschränkt mit Nahrungsmitteln, Baustoffen, Treibstoff und Konsumgütern zu versorgen. Damals kam es  wiederholt zu Bombenanschlägen islamistischer Extremisten auf die Einrichtungen der christlichen Minderheit unter den Palästinensern; dabei wurden u. a. eine Bibliothek sowie Geschäfte und Internetcafés zerstört. Dezember 2008 begann die israelische Armee als Reaktion auf den fortwährenden Raketenbeschuss Israels durch die Hamas die Operation Gegossenes Blei.

Im Mai 2010 kam es zu einem Zwischenfall vor der Küste Gazas. Das israelische Militär enterte sechs mit Hilfsgütern für den Gazastreifen beladene Schiffe, die die Blockade durchbrechen wollten. Beim Entern der Mavi Marmara wurden nach Berichten mindestens neun Menschen getötet und über vierzig verletzt. Beeinflusst von der Revolution in Ägypten, gingen viele Palästinenser im Februar 2011 auf die Straßen und demonstrierten gegen die aktuelle politische Situation. Im November 2012 erreichten bei Angriffen mit Mörsergranaten und Raketen erneut über 100 Geschosse innerhalb von 24 Stunden Ziele in Israel. Dabei starben drei Menschen im Süden Israels. Als Reaktion griff die israelische Luftwaffe in der Operation Wolkensäule ab dem 14. November 2012 Ziele im Gazastreifen an. Die Ermordung dreier israelischer Jugendlicher und der mutmaßliche Rachemord an einem palästinensischen Jungen waren Auslöser für eine erneute Eskalation im Juli 2014. Am 26. August trat eine unbefristete Waffenruhe in Kraft. Diese kam aufgrund ägyptischer Vermittlung zustande, nachdem Israel Zugeständnisse gemacht hatte. Im August 2017 waren 7 von 10 Einwohnern von humanitärer Hilfe aus dem Ausland abhängig, die Jugendarbeitslosigkeit lag bei rund 60 %. Verbesserungen gab es seither keine.

Die Lage ist auch heute katastrophal: Im Jahr 2000 hatten 98 Prozent der Einwohner von Gaza Zugang zu sauberem Trinkwasser. Schon 2014 war dieser Anteil auf 14% gesunken. Die einzige Wasserquelle Gazas, warnen die Vereinten Nationen, werde sehr bald unwiderruflich beschädigt sein, sollte die Übernutzung anhalten. Strom wiederum gibt es in Gaza nur vier bis sechs Stunden täglich. Die Gesundheitsversorgung, das Bildungssystem, öffentliche Dienstleistungen liegen am Boden. All das hat viel mit der Misswirtschaft und Korruption der radikalislamischen Hamas zu tun, die seit 2007 den Gaza-Streifen kontrolliert, aber auch mit dem innerpalästinensischen Streit zwischen Hamas und der Fatah, die das Westjordanland regiert. Zur katastrophalen Lage in Gaza sorgt aber vor allem die schon lange Jahre anhaltende, umfassende Blockade des Gaza-Streifens durch Israel – die von Ägypten weitgehend mitgetragen wird.

Weil Hamas immer wieder Raketen auf Israel abgefeuert oder auch Tunnel unter der Grenze gebaut hat, beansprucht Israel einen Sicherheitsstreifen – auf dem Territorium von Gaza. Wer sich dem Zaun mehr als 300 Meter nähert, riskiert erschossen zu werden. Das gilt auch für Bauern. Ein bedeutender Teil der ohnehin knappen landwirtschaftlichen Fläche ist damit nicht mehr verfügbar.

Im Friedensabkommen von Oslo wurde den Fischern von Gaza zugestanden, innerhalb der 20 Meilen Zone zu fischen. Seit 2006 hat Israel unter Verweis auf seine Sicherheit diesen Bereich auf drei bis sechs Seemeilen eingeschränkt. Die für die Palästinenser so wichtigen Sardinen schwimmen außerhalb dieser Grenze.

70 Prozent der zwei Millionen Einwohner von Gaza sind jünger als 29 Jahre. Ohne Zukunftsaussichten, ohne Aussicht auf Ausbildung, Abschluss, Job. Heiraten, aus dem Haus der Eltern ausziehen, ein eigenes Leben aufbauen – diese einfachen Dinge, die Menschen in anderen Teilen der Welt anstreben: In Gaza gibt es sie einfach nicht. Die Hälfte der Jugendlichen hat keinen Willen zum Leben. Die Leute begehen Selbstmord, jungen Menschen sind verzweifelt, unglücklich.

In Umfragen liegt die Fatah bei den Parlamentswahlen leicht vor der Hamas, die im Gaza-Streifen an Rückhalt in der Bevölkerung verloren hat. In den Jahren, die sie den Küstenstreifen nun kontrolliert, haben sich die Lebensbedingungen der mehr als zwei Millionen Bewohner massiv verschlechtert. Wählen sollen, neben den Einwohnern des Gaza-Streifens und des Westjordanlands, auch die Palästinenser in Ostjerusalem, das Israel annektiert hat. Ob Israel Wahlen dort zulassen wird, ist noch nicht klar.

Am 22. Mai soll ein neues Parlament und Ende Juli ein neuer Präsident gewählt werden. Ob der greise 85 Jahre alte Mahmud Abbas erneut antritt, ist noch nicht bekannt. Den Umfragen zufolge liegt Hamas-Führer Haniye vor Abbas. Möglich ist auch, dass die Wahlen ohne neuen Termin abgesagt werden – unter Verweis auf die auch in den Palästinensergebieten grassierende Corona-Pandemie.

Wir alle können mit den Palästinensern hoffen, dass sich die Lage dort stabilisiert und die dort Lebenden ein menschenwürdiges Dasein erwartet.

(Über die Situation in Israel-Palästina – aus einem anderen Blickwinkel habe ich 2008 ein Buch geschrieben: „Wessen Heiliges Land   Christen im Israel-Palästina-Konflikt“, erschienen im Braumüller Verlag)

Der Gazastreifen – eine Erinnerung, Teil 2

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