Der Biedermeierfriedhof in St. Marx

Man sagt doch, man soll jeden Tag etwas machen, das man noch nie gemacht hat? Damit habe ich mich aufgemacht, den Friedhof St. Marx aufzusuchen. Eine, bei Touristen sehr beliebte Sehenswürdigkeit, derzeit aber den Wienern vorbehalten (Lockdown).

Zuerst habe ich die Öffnungszeitenüberprüft, – offen bis 20 Uhr, dann habe ich nachgeschaut, wie ich überhaupt hinkommen kann. Also mit dem Öffentlichen Verkehr ganz gut. Ich habe mich entschieden mit dem 71er hinzufahren (ohne Umsteigen), die Alternative wäre U3 gewesen, mit Umsteigen in den 74A.

In St. Marx bin ich ausgestiegen. Und da habe ich den ersten strategischen Fehler gemacht, es stand „nach rechts“. Das kommt davon, wenn man rechts und links verwechselt, ich bin eine Zeitlang herumgeirrt, zwischen Rennweg, Landstraßer Hauptstraße, Schlachthausgasse – in einer Gegend, die ich nicht gut kenne, mit vielen Baustellen. Dann hab‘ ich’s aufgegeben und das Handy befragt, das mir zwar die Zeit für die Autofahrt angegeben hat – aber auch mitgeteilt hat, dass ich mit dem Auto nicht zufahren kann. Aber die Angabe des Weges hat gestimmt, vielleicht hätte es zu Fuß einen kürzeren Weg gegeben, aber das war mir dann schon egal.

Der Friedhof St. Marx liegt im dritten Wiener Gemeindebezirk, Landstraße. Dort gibt es viele Sehenswürdigkeiten, wie die Russisch-orthodoxe Kathedrale, das Schloss Belvedere, das Hundertwasserhaus, aber auch eben den Friedhof St. Marx. Dieser St. Marxer Friedhof, auch als Biedermeierfriedhof bezeichnet, ist Kultur- und Erholungsstätte zugleich. Er verbindet Friedhof, Gedenkstätte, Kulturdenkmal und Parkanlage. Ich hatte gehofft, dass der Flieder schon zu blühen beginnen würde, aber dazu war ich noch etwas zu früh dran. Aber die Fliederdolden sind schon sehr groß, die Blüten aber noch nicht offen, und man findet sehr viele Fliedersträucher dort.  

Der St. Marxer Friedhof ist der Einzige der fünf von Joseph II. außerhalb des Linienwalls begründeten „communalen Leichenhöfe“ (Kommunalfriedhöfe), der bis heute erhalten ist. Bestattungen am St. Marxer Friedhof wurden zwischen 1784 und 1874 durchgeführt. Der Friedhof wird erstmals am 17. Mai 1784 im Sterberegister der Pfarre Maria Geburt erwähnt. 1820 enthält eine Verordnung der niederösterreichischen Regierung den Hinweis, dass die griechisch-nicht unierte Gemeinde ihre Toten in St. Marx begraben dürfe. 1837 wird der Ankauf eines Grundstücks durch die griechisch-nicht unierte Gemeinde „Zur Hl. Dreifaltigkeit“ genehmigt.

Als der Gemeinderat am 3. November 1863 die Errichtung des Zentralfriedhofs beschloss und dieser am 1. November 1874 eröffnet wurde, stellte man die Bestattungen auf den Kommunalfriedhöfen ein. Über ein halbes Jahrhundert führte der Friedhof ein Dornröschendasein, bewahrte jedoch (da sich zahlreiche Grabstätten bedeutender Persönlichkeiten des Vormärz erhalten haben) im Wesentlichen den Charakter eines Biedermeierfriedhofs. Der Friedhof blieb in seiner ursprünglichen Gestalt erhalten. Er wurde 1936/1937 instandgesetzt und am 22. Oktober 1937 als eine Verbindung von Friedhof und Parkanlage geöffnet. Nach Beschuss im Zweiten Weltkrieg wurde er wiederhergestellt (Wiedereröffnung schon am 21. Oktober 1945).

Also mich hat der Verkehr der Südosttangente, die wirklich sehr knapp an dem Friedhof vorbeiführt, nicht gestört. Es war halt ein kontinuierliches Rauschen. Aber dennoch hat dieser Friedhof für mich seinen „melancholischen; zuweilen fast komischen“ Charakter bewahrt. Melancholisch wohl, weil  viele der Grabsteine verfallen sind, die Schrift ist nicht mehr lesbar – auf einem Grabstein habe ich hervorgehoben „Wiener Zeitung“ gelesen – und dran gedacht, dass geplant ist, diese älteste Zeitung einzustellen. Komisch, faszinierend für mich manche der Diktionen auf den Grabsteinen: z.B. eine Freiin – zärtlichste Mutter, hingebungsvollste Gattin“, oder die Anführung aller erhaltener Orden, bei einem Ritter soundso, bei einer jungen Frau „Bäckermeisters- und Hausbesitzerstochter“. Lange könnte man verweilen und diese alten Texte lesen und darüber sinnieren.

Bei nur zwei Gräbern bzw. Gedenkstätten habe ich feststellen können, dass kürzlich Blumen gepflanzt worden waren, bei der Mozartgedenkstätte, zu der auch gekieste Wege führen, und bei Josef Madersperger – einen Namen, den ich noch aus meiner Kindheit kenne – als Erfinder der Nähmaschine.

Der St. Marxer Friedhof war Begräbnisstätte vieler prominenter Personen (wobei bei manchen eine spätere Exhumierung und Übertragung auf den Zentralfriedhof stattfand.  

Ich glaube, es war gut, dass ich in Lockdown Zeiten – also ohne Touristenrummel – diesen Friedhof besuchen konnte. Mir hat gefallen, wie sich der Efeu über die Gräber ausbreitet, wie die trauernden steinernen Figuren langsam verfallen (manche allerdings sind wieder auf Hochglanz hergerichtet). Ein paar Leute photographieren die wunderschön weiß blühenden Bäume in der zentralen Allee, andere schieben ihre Kinderwägen durch, sitzen auf den Bänken und plaudern – und das alles mit Blick auf die futuristischen en Gebäude von Neu Marx.

Auch das ist Wien – im Lockdown.

Der Biedermeierfriedhof in St. Marx

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