Gedanken anlässlich des großartigen Films „Lawrence von Arabien“

Gestern und vorgestern haben wir uns, auf Vorschlag meines Enkels, „Lawrence of Arabia“ angesehen. Ich habe den Film nach seiner Entstehung in den sechziger Jahren im Kino gesehen, manche der Szenen waren wir beim Wiedersehen noch in Erinnerung, anderes hatte ich vollständig vergessen.  Nach wie vor großartig die Bilder von der Wüste, die Massenszenen, die großen Schauspieler ihrer Zeit und die unvergessene Filmmusik.

Zwischenzeitlich habe ich mich ausgiebig mit der Geschichte dieser Region befasst, aber manches wird durch diesen Film schon nachdrücklich demonstriert. Wie alle im Ersten Weltkrieg besiegten Reichen (Deutschland, Österreich-Ungarn, Osmanisches Reich) wurde diese zerbrochen und instabile Nachfolgestaaten entstanden, wodurch weiteren Kriegen grundgelegt wurde.

Was dieser Film – diesmal zwei Mal überarbeitet, Director’s Cut – zeigt, ist das Dilemma der „Soldaten“ gegenüber den Diplomaten.   Lawrence war einer der Soldaten, der sich in einer besonderen persönlichen Mission befand, er wollte „den Arabern“ ihr eigenes Land „schenken“, und Frieden stiften. Aber was er versucht hat, nämlich aus den verschiedenen Stämmen geeinte Araber zu machen, das ist ihm nicht gelungen. Sie kämpften unendlich tapfer – aber sobald sie ihre Beute erobert hatten, zogen sie sich zurück. Und da sie ein Leben – in der Wüste verbringend und ihre Wasserlöcher verteidigend – indem es im städtischen Umfeld erforderlich gewesen wäre, technische Geräte zu benutzen, verstanden sie diese nicht – und vergaben auch damit ihre Chance auf ein geeintes Arabien (da sie ja selbst aber auch nicht die Kolonialmächte gar nicht anstrebten).

Für mich ist das Bespiel von Faisal 1. signifikant. Faisal wurde als dritter Sohn von Hussein ibn Ali des Scherifen von Mekka geboren. 1913 wurde er als Abgeordneter von Dschidda in das Parlament des Osmanischen Reichs gewählt. Nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs plante Hussein ibn Ali eine Revolte gegen die Osmanen mit dem Ziel der Bildung eines arabischen Staates unter der Herrschaft der Dynastie der Haschemiten. Hussein entsandte seinen Sohn Faisal 1915 nach Syrien um Kontakte für diesen Plan herzustellen. Faisal schloss sich in Damaskus der arabisch-nationalistischen Gruppe Al-Fatat an. Im Juni 1916 erklärte Hussein ibn Ali die Arabische Revolte. Faisal fiel dabei die Rolle des Militärführers zu. Nach der Eroberung Akabas durch Auda ibu Tayi und T. E. Lawrence, der als britischer Offizier, mit dem Hussein eine persönliche Freundschaft verband, führte der Aufstand weiter nach Damaskus. Nach der Eroberung der Stadt durch die Aufständischen (und durch ein Corps australischer Lanzenreiter) marschierte am 26. September Faisal in Damaskus ein und beendete die vierhundertjährige Herrschaft der Osmanen in Syrien.

Als Leiter der arabischen Gesandtschaft trat er auf der Pariser Friedenskonferenz 1919 für die Unabhängigkeit der arabischen Emirate vom Osmanischen Reich ein. Am 3. Januar 1919 unterzeichnete er gemeinsam mit dem späteren Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation (WZO), Chaim Weizmann, das Faisal-Weizmann-Abkommen, in dem die arabische Seite die Balfour-Deklaration akzeptierte. Durch den weiteren Verlauf der Geschehnisse in Palästina wurde dieses Abkommen jedoch nicht wirksam.

Vom syrischen Nationalkongress wurde Faisal am 7. März 1920 zum König von Syrien proklamiert. Aufgrund des Sykes-Picot-Abkommens erhielt Frankreich jedoch auf der San-Remo-Konferenz im April 1920 das Völkerbundmandat für Syrien und Libanon. Faisal I. wurde daraufhin am 24. Juli 1920 durch die Franzosen vertrieben und ging nach Großbritannien ins Exil.

Die Briten fanden für Faisal eine weitere Verwendung in ihrem Mandatsgebiet Mesopotamien. Am 12. März 1921 schlug Kolonialminister Winston Churchill Faisal als neuen König für den Irak vor. Nach einem Plebiszit, bei dem Faisal 96 % der abgegebenen Stimmen erhielt, traf Faisal Ende Juni 1921 im Irak ein. Die Schiiten, die das Plebiszit aufgrund von Aufrufen ihrer Geistlichen weitgehend boykottiert hatten, bereiteten ihm einen äußerst kühlen Empfang.

Faisal war zwar König des Irak, musste allerdings die britische Herrschaft über den Irak als Mandat des Völkerbundes anerkennen. Der Irak erhielt 1925 die Staatsform der konstitutionellen Monarchie. 1930 erreichte Faisal in einem Freundschaftsvertrag die Anerkennung der irakischen Unabhängigkeit durch Großbritannien, wobei sich Großbritannien weiterhin wirtschaftlichen Einfluss und Militärstützpunkte sicherte.

Am 8. September 1933 erlitt Faisal einen Herzinfarkt und starb. Sein ältester Sohn Ghazi I. folgte ihm auf dem Thron.

In dieser Geschichte sind bereits die „diplomatischen Aktivitäten“ zutage getreten, die eigentlich den kriegerischen entgegenliefen.  Das Sykes-Picot-Abkommen vom 16. Mai 1916 war eine geheime Übereinkunft zwischen den Regierungen Großbritanniens und Frankreichs, durch die deren koloniale Interessengebiete im Nahen Osten nach der erwarteten Niederlage des Osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg festgelegt wurden. Dass man irgendetwas den Arabern übergeben werde, davon war nie die Rede.

Mit dem Sykes-Picot-Abkommen wurden Staatsgrenzen unabhängig von bestehenden ethnischen oder religiösen Gruppierungen gezogen. Als Folge von Sykes-Picot entstanden unter anderem die Staaten Libanon, Syrien, Jordanien und Irak mit ihren bis heute bestehenden Grenzen. Aktuelle Kriege zeigen, dass die damalige Aufteilung des Nahen Ostens immer noch zu Konflikten führt.

Unabhängig davon kam es zur Balfour Erklärung (vom 2. November 1917): Darin erklärte sich Großbritannien einverstanden mit dem 1897 festgelegten Ziel des Zionismus, in Palästina eine „nationale Heimstätte“ des jüdischen Volkes zu errichten. Damals befand sich Palästina noch im Machtbereich der Osmanen. Man versprach sich von der Zusage an die zionistische Bewegung Vorteile in der Mobilisierung zusätzlicher Ressourcen während des Krieges und auch langfristige strategische Vorteile.

Die Welt leidet noch heute unter den damaligen Entscheidungen.

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