Ist „Hitler“ zu erwähnen, heute ein Tabu?

Rund um den 20. April 1945

Gestatten Sie mir, dieses Tabu kurz zu brechen – und darauf hinweisen, dass der 20. April, also heute, Hitlers Geburtstag war. Gleichzeitig möchte ich versuchen, Ihnen zu erklären, warum ich mich noch heute, so viele Jahre später, noch immer daran erinnere.

Für uns, damals als Kinder, war der 20. April ein Feiertag, ein bemerkenswerter Tag, wie man uns, sagen wir einmal, eingebläut hat. Warum glauben Sie wohl, dass ich mich heute noch daran erinnere. An diesem Tag im Jahr 1945 sollte ich feierlich in den Jungmädelbund (altersmäßiger Vorläufer des BDM – Bund deutscher Mädel) eingeführt werden. Ich sollte eine Uniform bekommen (blauer Rock, weiße Bluse und braunes Jackerl). Allein die Tatsache neues Gewand zu bekommen, war ein „Lichtblick“. „Hart wie Kruppstahl, flink wie Windhunde und zäh wie Leder“ sollten wir werden Es war ein für damals wichtiger Schritt in Richtung „Erwachsenwerdens, Dazugehörens …“

Leiter der Hitlerjugend war seit 1932 Baldur von Schirach (* 9. Mai 1907; † 8. August 1974). Schirach gehörte zu den 24 im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof angeklagten Personen und wurde am 1. Oktober 1946 wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit zu 20 Jahren Haft verurteilt, jedoch von der Anklage des Verbrechens gegen den Frieden freigesprochen.

Grundlage für die Organisation wurde das HJ-Gesetz von 1936. Der Beitritt zur HJ beziehungsweise zum BDM wurde zur Pflicht, aber nicht jeder durfte Mitglied werden. Die Kranken und Schwachen wurden zurückgewiesen und die Juden waren von der Zugehörigkeit zur Hitlerjugend ausgeschlossen. Auch wenn einige Eltern es nicht gerne sahen, wenn ihre Kinder in die HJ gehen wollten, sie davon abzuhalten war nicht leicht. Wer dies dennoch versuchte, dem drohten Geld- und Gefängnisstrafen. 1939 hatte die Hitlerjugend deshalb fast neun Millionen Mitglieder. Die Zehn- bis 14-Jährigen dienten im Deutschen Jungvolk oder beim Jungmädelbund, die 14- bis 18-Jährigen in der HJ (Hitlerjugend) oder im BDM (Bund Deutscher Mädel).

Was mich reizte, war wohl „Zugehörigkeit“, die Ausflüge, Wanderungen und rucksackbeladene Märsche in freier Natur, oft gefolgt von Lagerfeuer mit Kochen und gemeinsamem Gesang. Auch Vollmond-Beobachtungen mit anschließender Übernachtung in Heuschobern erschienen im Sommerhalbjahr „aufregend“. Märchen- und Theateraufführungen, teils mit Puppen und Marionetten, fand ich faszinierend. Die Sportanforderungen machten mir eher Angst, da ich ja diesbezüglich schon immer „patschert“ gewesen bin.

Um die damaligen Zielsetzungen kümmerte ich mich als 10jährige nicht: „Die Gleichberechtigung der Frau besteht darin, dass sie in den ihr von der Natur bestimmten Lebensgebieten jene Hochschätzung erfährt, die ihr zukommt. Auch die deutsche Frau hat ihr Schlachtfeld: Mit jedem Kinde, das sie der Nation zur Welt bringt, kämpft sie ihren Kampf für die Nation.“ Oder: „Die Jungen werden zu politischen Soldaten und die Mädel zu starken und tapferen Frauen erzogen, die diesen politischen Soldaten Kameraden sein sollen – und unsere nationalsozialistische Weltanschauung später in ihrer Familie als Frauen und Mütter leben und gestalten – und so wieder großziehen eine Generation der Härte und des Stolzes. Wir wollen darum bewusst politische Mädel formen. Das bedeutet nicht: Frauen die später in Parlamenten debattieren und diskutieren, sondern Mädel und Frauen, die um die Lebensnotwendigkeiten des deutschen Volkes wissen und dementsprechend handeln.“ die 10- bis 14-jährigen Jungmädel sollten sich in Handarbeit und Kochen auskennen und für „die Wärme des heimatlichen Herdes“ sorgen können. Auch sollten sie es verstehen, ein Heim behaglich einzurichten. Im Zentrum der BDM-Erziehung stand „die Synthese von körperlicher und hauswirtschaftlicher Ertüchtigung“ in Verbindung mit der Aufgabe, „den Zucht- und Auslesegedanken“ der gesamten weiblichen Jugend zu Bewusstsein zu bringen. Durch die Einrichtungen des BDM sollten Mädchen geschlechtsspezifisch sozialisiert und an Themen wie Mutterschaft und kulturelles Brauchtum herangeführt werden.

Daneben gab es aber teils noch andere Meinungen, die den Mädchen mehr Eigenständigkeit zuzusprechen schienen. „Jugend ist keine Vorbereitungszeit, sondern ein Teil des Lebens, der sich nach eigenem Gesetz erfüllen will und soll. Das gilt für Jungen und Mädchen gleichermaßen.“ Manche distanzierten sich auch vom „Kochtopf als Erziehungsziel“ und von den „drei K“ (Küche, Kirche, Kinder).

Alle diese Zielsetzungen waren mir nicht bewusst, und schon damals – und das weiß ich auch heute noch sicher – wollte ich „Bürofräulein“ (das war der von mir verwendete Begriff) werden, also heutig interpretiert, eine Karriere jenseits von Haushalt und Mutterschaft anstreben.  Dass ich dann viel später beides vereinen konnte, verdanke ich auch meiner Mutter, die verlässlich meine Kinder betreute – nicht immer in meinem Sinn erzog, aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Alles kam anders, der Deutsche Heer löste sich zu dieser Zeit auf und die Alliierten waren im Vormarsch. Mein Beitritt zu dieser Jugendorganisation ist am 20.April 1945 ist nicht erfolgt. Meine nationalsozialistische Erziehung war auch mit diesem Datum beendet.

Ist „Hitler“ zu erwähnen, heute ein Tabu?

6 Gedanken zu “Ist „Hitler“ zu erwähnen, heute ein Tabu?

  1. Vielleicht haben wir uns missverstanden. Ich meinte, dass die Urteile viel zu mild waren.
    Schirach hat die „Verteidigung“ Wiens bis zum letzten Mann angeordnet und dadurch direkt und indirekt dazu beigetragen, dass Kinder noch als Kanonenfutter in Uniformen gesteckt und massakriert wurden zu einem Zeitpunkt als der Ausgang des Krieges feststand, ganz abgesehen von seiner Indoktrinierungsmaschinerie für Kinder und Jugendliche.
    Speer war ganz oben in der Nazihierarchie und wurde aufgrund von Lügen zu einer lächerlichen Haftstrafe verurteilt …

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