„Weg mit der westlichen Zivilisation“

Jetzt bin ich wirklich erbittert. Zum Glück spielt sich das (vorläufig) noch in den USA ab. Aber meist dauert es dann nicht mehr lange, bis es in Europa übernommen wird. Warum geht es? An den Universitäten der USA droht die Auflösung des Studiums der klassischen Antike, denn, diese sei die Grundlage für den westlichen Kolonialismus und Rassismus.

Was war die Aufgabe dieses Faches „Altertumswissenschaft“? Wissen über alte menschliche Kulturen zu vermitteln, die griechische und römische Welt ebenso wie Ägypten, Judäa und den Nahen Osten. Und wie später afrikanische, europäische und amerikanische Traditionen diese alten Kulturen verstanden. Nun wird die Fakultät für Altertumswissenschaften mit dem Studium der „klassischen“, also griechischen und römischen Antike einfach aufgelöst. Ihre Fächer werden auf andere verteilt.  

Dies fand an einer privaten Universität in Washington D.C. statt, eine Einrichtung unter den historisch afroamerikanischen Colleges und Hochschulen, die ursprünglich der Ausbildung von Afroamerikanern dienten. Als einzige unter diesen Universitäten hatte die Howard University eine Abteilung für Altertumswissenschaften – und zwar schon seit 1867. Diese wird aufgrund von Forderungen und Vorwürfen geschlossen, die seit 2019 gegen die „Classical Studies“ erhoben werden. Den Classical Studies wird vorgeworfen, zutiefst von kolonialem Denken verseucht zu sein. Die griechisch-römische Welt sei der Gründungsmythos für das Überlegenheitsgefühl, Herrschaftsdenken und den Rassismus der westlichen Zivilisation, entscheidend für die Konstruktion von „Whiteness“.

Kritische Weißseinsforschung (engl. Critical Whiteness Studies) ist ein transdisziplinäres Studienfeld und beschreibt kulturelle, historische und soziologische Aspekte von Menschen, die sich unter Verweis auf ihre Hautfarbe als weiß identifizieren. Ebenso geht es um die soziale Konstruktion von Weißsein als Statuszeiger. Anders als die klassische Rassismusforschung legt die kritische Weißseinsforschung somit den Fokus nicht primär auf die Erfahrungen von Menschen, die rassistische Diskriminierung erfahren. In Extremfällen wie der White Supremacy untersucht die Weißseinsforschung Konstrukte, die Rassismus rechtfertigen oder begünstigen. Ab 2005 hat das Konzept Eingang in wissenschaftliche Arbeiten im deutschen Sprachraum gefunden. Der daraus entstandene Begriff „Critical Whiteness“ ist keine einheitliche Theorie – verschiedene Gruppen, Autoren und Aktivisten benutzen ihn in unterschiedlicher Art und Weise.

Daher muss dieser Studienzweig völlig umgeändert werden oder im äußersten Fall, wie es einige wünschen, völlig abgeschafft werden.

Der Verfechter dieser Idee ist Dan-el Padilla Peralta (* 1984 in Santo Domingo), er  ist ein US-amerikanischer Klassischer Philologe und Althistoriker, der zur Römischen Republik und zum frühen Kaiserreich forscht. Daneben befasst er sich mit der Klassikrezeption in der US-amerikanischen und lateinamerikanischen Kultur. Er stammt aus einer armen Familie in der Dominikanischen Republik und gilt heute als einer der besten Altphilologen seiner Generation. Er lehrt in Princeton. Diese Gedanken brachte er bei einem jährlichen Treffender Society for Classical Studies in Gang. Er warf dort dieser Disziplin eine bis in den innersten Kreis rassistische Identifikation mit der “weißen“ Kultur vor.

Aber es gibt auch Gegner dieser These, selbst in Princeton.

Da wird der wohl einflussreichste Afroamerikaner des 19. Jahrhunderts Frederic Douglass zitiert: geboren 1817 oder 1818; gestorben 20. Februar 1895; ehemaliger Sklave und späterer Abolitionist und Schriftsteller. Er studierte Sokrates, Cato und Cicero.  Aber auch die Leitfigur der Afroamerikaner des 20. Jahrhunderts war fasziniert von den Schriften antiker Autoren.

Kritik kommt auch von Cornel Ronald West (* 1953), er ist einer der führenden Intellektuellen afroamerikanischer Herkunft. Seit 2012 ist West Professor Emeritus für Theologie und afroamerikanische Studien an der Universität Princeton und seit 2017 Professor of the Practice of Public Philosophy an der Harvard University. Er sieht in der Attacke auf das Studium der klassischen Antike „einen spirituellen Verfall und moralischen Niedergang, eine tiefe intellektuelle Engstirnigkeit, die in der amerikanischen Kultur Amok läuft“.

Aber für Padilla muss die westliche Zivilisation fallen – und damit auch die Wertschätzung unserer Vergangenheit.

Meine recht unmaßgebliche Meinung dazu: ich sehe keine „Superiorität von Weißen“ (Römer und Griechen sahen sich doch nicht als „weiß“). Für mich waren und sind die z.B. homerischen Helden Prototypen, die man heute weltweit immer wieder sieht, der schlaue, trickreiche Odysseus, der reizbare „Kraftlackel“ Achill, die getreue Penelope … Und da der griechisch-römische Raum auch Nordafrika umfasste, werden wohl alle Heldin nicht so weiß gewesen sein, wie ihre Marmorstauen (die damals sowohl bemalt gewesen sind) das heute darstellen.

Wir alle, meine Kinder, meine Enkel sind z.B. mit den Sagen des Klassischen Altertums aufgewachsen. Aber ich werde mit den „Größeren“ dieses Thema diskutieren, denn das Denken in Kategorien der White Superiority/Supremacy werfen sie mir ja allemal vor.

Ich werde berichten!

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