Gedanken an Lilo

Geht’s ihnen auch manchmal so? Plötzlich denken Sie öfter an jemanden, den/die Sie schon lange nicht gesehen haben, die/der vielleicht sogar schon vor einiger Zeit gestorben sind. Sie wissen nicht warum, und dennoch taucht diese Person immer wieder vor Ihrem inneren Auge auf.

So geht’s mir derzeit mit Lilo.  Sie war keine „echte gute Freundin“, sondern Ihr Mann war mit meinem Mann gut bekannt. Wir waren sehr oft bei Ihnen eingeladen, meist zum Essen. Es gab fast immer Wild – weil es sich um einen „Jagdhaushalt“ handelte. (Dabei mochten wir beide, mein jetzt leider verstorbener Mann und ich Reh oder Hirsch gar nicht so gerne, obwohl die Speisen immer köstlich zubereitet waren.) Manchmal waren wir auch zum Baden eingeladen, so vor dem Essen – es gab einen Swimming Pool im Garten. Auch ein Tennisplatz war vorhanden, aber wir waren keine Tennisspieler. Wir luden nicht allzu oft zurück, ich hatte keine Hilfe in der Küche. Aber das schien keine Rolle zu spielen, ich glaube mein Mann wurde aufgrund seines „Entertainment Values“ eingeladen, er konnte die damalige politische Situation erklären. Ich wurde dazu genommen – als Ehefrau (kein so großer Entertainment Value). Die Familie selbst war sehr konservativ, katholisch. Obwohl Lilo selbst sehr dezent protestantisch war. Man ging dennoch gemeinsam sonntags in die Kirche. Und da wurden dann spontan die Einladungen zum Aperitif oder zum schwarzen Kaffee ausgesprochen (aber darüber habe ich schon berichtet:  https://christachorherr.wordpress.com/2021/04/14/einladung-zum-schwarzen-kaffee/)

Man traf einander nicht nur in der Kirche, sondern auch beim Einkaufen. Dort wurde Lilo grundsätzlich nur als Frau Baronin angesprochen, was sie durch ihre Heirat auch war.  Aber sie war nicht, g’schupft, wie man manchmal über etwas überhebliche „Adelige“ sagte.

Lilo selbst hatte sehr viel Humor und war besonders schlagfertig, sie hatte auch eine spitze Zunge und konnte andere herrlich „ausrichten“. Sie war eine fesche, sehr lebenslustige Person, in Pernitz meist im Dirndl, bzw. „Jägerleinen“ oder Lederrock anzutreffen. Lilo war sehr selbstständig, hatte ihr eigenes Auto und war somit recht unabhängig von den Plänen ihrer Familie. Sie war etwas älter als ich und ich gebe zu, ich bewunderte sie sehr. Sie dürfte irgendwann ein Alkoholproblem gehabt haben, denn – obwohl in dem Hause viel Alkohol getrunken wurde – trank sie (in sehr dezenter Form) nur „Alkoholfreies“. Ich erinnere mich an relativ kleine Flascherln, die so aussahen, als ob sie Campari enthielten …

Wir trafen einander fast ausschließlich in Pernitz, sie besaßen ein richtiges gemütliches großes Jagdhaus, mit einem riesigen Garten, der direkt an den Wald grenzte. Fast jedes Schnitzler, oder sonstiges Jahrhundertwende Drama hätte hier gespielt werden können. An eine Einladung in die Wiener Wohnung – groß, vierter Bezirk, Gründerzeithaus – kann ich mich nur einmal erinnern.

Der Garten das war so ein Problem der Hausfrau, denn durch die Nähe zum Wald verirrten (?) sich immer wieder Tiere in den Garten, die alle liebevoll gepflegten Gemüse und Salatpflanzen plünderten, die Rosenstöcke abknabberten und auch sonst viel Unheil anrichteten. Zäune hinderten diese Viecher eher nicht, an ihre Ziele zu gelangen. Jedenfalls ist einmal so ein richtig großer Hirsch in den Swimmingpool gefallen.

Es gab drei Söhne in diesem Haushalt, der jüngste von ihnen war mit unserem Sohn befreundet. Später lernten wir die Schwiegertöchter kennen, und bald darauf auch die Enkelkinder.

Nach dem Tod ihres Mannes hielt Lilo den früheren Lebensstil aufrecht. Wir waren weiterhin bei ihr -und ihren Freunden eingeladen.  Aber dann war sie einmal in einen Autounfall auf der Autobahn verwickelt – ich glaube, es ist nicht viel passiert, aber ob ihres Alters (und vielleicht auch wegen ihres forschen Fahrstils) wurde ihr der Führerschein abgenommen. Und dann war es mit ihrer selbstständigen Mobilität vorbei. Sie war darauf angewiesen, dass sie eines ihrer Kinder oder Enkel nach Pernitz (mit-)nahm und das war halt dann nicht immer zu der Zeit, zu der sie es wollte. Sie zog sich dann gesellschaftlich ganz zurück, man telephonierte ab und zu – und das war’s dann.

Von ihrem Ablebenhabe ich erst sehr viel später erfahren, als ich einmal einen ihrer Söhne getroffen habe und ihn bat, seiner Mutter schöne Grüße auszurichten – aber die is doch schon längst tot, war die etwas erstaunte Antwort. Aber man hatte uns nicht verständigt.   Das war dann schon ein Schock für mich.

Und dann kam’s wie so oft: hätte sich sie doch noch zu ihren Lebzeiten öfter kontaktiert ….

Gedanken an Lilo

7 Gedanken zu “Gedanken an Lilo

  1. Liebe Christine,

    Danke für diese ganz besondere Geschichte. Deine Lilo hätte ich auch gerne kennengelernt (und nicht nur, weil sie evangelisch war), sie gehörte ja zu einer anderen Generation, deren Gedanken, Ideen und deren Lebensgefühl nun so langsam in Vergessenheit geraten.

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  2. Jo schreibt:

    Liebe Christa, Danke, eine wunderschöne Geschichte, die in mir Kindheitserinnerungen weckt. Nonna war sicherlich eine bemerkenswerte Frau, die auf ihre Art eine gewisse Anziehungskraft hatte. Eure Besuche und die vielen oftmals zufälligen Treffen beim Einkaufen oder in der Kirche werde ich ebenso immer in freudiger Erinnerung behalten. Jo jun.

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