Allerlei: Heutiges und Früheres

z.B. von Impfterminen, aber auch Brillenschlangen und Blaustrümpfen

Ich bin zum zweiten Mal geimpft. Ich fürchte, diese Information ist schon ein wenig fad, vor allem für jene, die bereits selbst geimpft sind – und für alle, die’s noch nicht sind: eine Provokation. Aber – wirklich nur kurz – zum Ablauf diesmal – etwas anders. Letztes Mal wurde man exakt 10 Minuten vor Beginn des Termins aufgerufen. Da ich wieder zu früh dort war, stellte ich mich auf der gegenüberliegenden Seite in die Sonne.  Aber da fast alle aus dem „Cluster“ vor dem Eingang weg waren, ging in hinüber und stellte ich zum Tor, um zu sehen, wie‘s lief. Prompt schnauzte mich eine junge Frau an: „Hinten anstellen“, ich entschuldigte mich – und stellte mich hinter sie. Heute ging’s nach dem Motto first-come, first-served. Warum werden die Leute immer gleich so aggressiv? Sie war dann vor mir, hatte nicht die richtigen Unterlagen mit, hielt – wie man so sagt, die Partie auf… Aber ich kam dann sofort dran. Zu meinem eigentlichen Impftermin war ich dann schon wieder zurück, am Ring.

Und weil’s so sonnig und schön war, ging ich dann über den Heldenplatz nach Hause. Der Flieder ist im Aufgehen – und der kurzfristig dort errichtete, aber der Öffentlichkeit nicht zugänglich gemachte Pavillon wird grad wieder abgebaut, mit vielen lauten Maschinen. In meiner Kindheit sagte man von den Maurern: Vormittag tan‘s aufipatz’n, Nachmittag tan’s obakratzn – aber für Corona kann halt keiner was.

Und jetzt zu meinem eigentlichen Thema heute: von Brillenschlangen und Blaustrümpfen. Mädchen, die Brillen trugen, galten in meiner Jugendzeit als wenig attraktiv, sie wurden entweder Brillenschlange genannt, oder es wurde ihnen nachgerufen: „mein letzter Wille, eine Frau mit Brille“.  Brillen waren damals kein modisches Objekt, sondern für manche halt eine Notwendigkeit. Daher – selbst wenn ein Mädchen wirklich schlecht sah, ließ sie meist die Brille weg, wenn sie z.B. in die Tanzschule ging. Lieber stolperte sie, als eine Brille zu tragen. Ich trage seit meinem 15. Lebensjahr Brillen. Und ich trug sie auch in die Tanzschule.

Von den Damen aus seiner so genannten Clique wurde mein Mann vor mir gewarnt (er hat mir das später dann selbst erzählt) ich wäre doch ein Blaustrumpf!

Blaustrumpf (von engl. bluestocking) bezeichnete im 18. und 19. Jahrhundert eine gebildete, intellektuelle Frau, die zugunsten der geistigen Betätigung die vermeintlich typisch weiblichen Eigenschaften vernachlässigte. Die pejorative, spöttische Bedeutung für Frauen, die nach Emanzipation strebten, kam erst im späten 19. Jahrhundert auf. Der Begriff geht auf die britische Blaustrumpfgesellschaft zurück, galt zunächst für beide Geschlechter und hatte keine abwertende Bedeutung.

Die Damen aus dieser Clique dürften damals, zu Mitte des Zwanzigsten Jahrhunderts noch dem Denken früherer Zeiten verhaftet gewesen sein oder waren in diesem Sinn erzogen worden. Und ganz so Unrecht hatten sie ja nicht, mir war mein Studium wichtig, ich wollte einen interessanten Job, und Putzen, Nähen, Stricken etc. war so meine Sache nicht. Kochen hätte mich schon fasziniert, aber da war meine Mutter vor, die damals noch meinte, kochen könnte jeder, dazu brauche man kein Studium.

Und woher kommt nun die Bezeichnung „Blaustrumpf“:

Die Bluestocking Society war eine Gruppe gelehrter Frauen, die sich zu literarischen und politischen Diskussionen im Salon von Elizabeth Montagu und ihrer Freundin Elizabeth Vesey trafen, den sie Mitte des 18. Jahrhunderts in London eröffnet hatten und zu dem auch Männer, Intellektuelle und Aristokraten, eingeladen waren. Der Begriff Bluestocking soll auf folgenden Vorfall zurückgehen: Einer der dort verkehrenden Herren war der Botaniker Benjamin Stillingfleet, der statt der zur feinen Herren-Abendgarderobe gehörenden schwarzen Seidenstrümpfe mangels entsprechender Mittel billige blaue Garnstrümpfe trug. Dieses skandalöse modische Vergehen sprach sich herum, und die Teilnehmer der „intellektuellen Feste“, Männer wie Frauen, wurden als „bluestockings“ bekannt. Schriften von Mitgliedern des Bluestocking-Zirkels zwischen 1738 und 1785, werden auch als Bluestocking Feminism bezeichnet.

Seit Mitte des 18. Jahrhunderts hatte sich eine „polarisierte Geschlechterphilosophie“ herausgebildet, die die Trennung von männlicher und weiblicher bürgerlicher Sphäre begründete und der Frau die Selbstbestimmung absprach. Das Ziel war: „Die Erziehung der Frau sollte sich immer auf den Mann beziehen. Uns zu gefallen, für uns nützlich zu sein, unser Leben leicht und angenehm zu machen: das sind die Pflichten der Frau zu allen Zeiten“. Das gelehrte Frauenzimmer war verpönt wie später der Blaustrumpf. Frauen sollten nicht gelehrt, sondern in weiblichen Tugenden und Pflichten gebildet sein. Dem sollte auch das Lesen „guter Bücher“ dienen, die „den Verstand aufheitern und das Herz edler bilden“.

Na zum Glück hat sich diese Einstellung seither etwas gewandelt, aber zu meiner Zeit gab’s schon noch einige Paschas: „meine Frau nehm‘ ich erst seit der Zeit auf Dienstreisen mit, seit ich mir nicht mehr selber meine Schuhbandln binden kann“. Sagte mir ein sehr gefürchteter, hochrangiger Politiker in den späten 1970er Jahren. Von seiner Frau „tratschte“ man nach seinem Tod, dass sie jetzt erst aufgeblüht wäre.

Mein Mann und ich waren trotz dieser Warnungen dann fast 65 Jahre verheiratet:

Allerlei: Heutiges und Früheres

2 Gedanken zu “Allerlei: Heutiges und Früheres

  1. Elena schreibt:

    Ich freue mich sehr, daß Sie bereits die zweite Impfgabe erhalten haben.
    Was ich aber nicht verstehe: der Intervall wurde doch bei BiontechPfizer auf sechs Wochen verlängert; Sie bekamen die zweite Impfung aber schon wie ursprünglich empfohlen und angewandt, nach drei Wochen. Wissen Sie eine Erklärung dafür? Handhabt das Bundesland Wien dies anders als andere Länder? Wobei drei Wochen treffender/besser sein dürften als sechs..

    Herzliche Grüße – und lassen Sie nach ca zwei Wochen Ihren Antikörper-Status feststellen
    Elena

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s