Doch noch einmal heute – und immer wieder – Völkermord an den Armeniern.

Wie der Völkermord begann

Bei der Deportation der armenischen Elite wurden am 24. April 1915 (‚Roter Sonntag‘) auf Anordnung des osmanischen Innenministers Mehmet Talat Bey (* 1. September 1874; † 15. März 1921; Innenminister und Großwesir des Osmanischen Reichs und Führer der Jungtürken) führende Personen der armenischen Gemeinde in Istanbul und später anderen Ortschaften verhaftet und in Konzentrationslager nahe Ankara verschleppt. Nach der Annahme des Deportationsgesetzes am 29. Mai 1915 wurden sie später zwangsumgesiedelt, gefoltert, enteignet und viele von ihnen getötet. Der 24. April wird in Armenien als Völkermordgedenktag begangen, da mit diesem Tag der Völkermord an den Armeniern begann.

Nun, im Jahr 2021 teilt der US-Präsident Joe Biden teilt dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan mit, dass die USA die Massaker an den Armeniern von 1915 (endlich) als Völkermord anerkennen werden. Der Anruf erfolgte einen Tag vor dem armenischen Gedenktag, an dem erwartet wird, dass Biden mit den jahrzehntelangen Erklärungen des Weißen Hauses bricht. Frühere Administrationen hatten die Ereignisse während des Ersten Weltkriegs als „Metz Yeghern“ (großes Übel) bezeichnet.

In der Türkei wird anerkennt, dass viele Armenier, die im Osmanischen Reich lebten, während des Ersten Weltkriegs bei Zusammenstößen mit den osmanischen Streitkräften getötet wurden, bestreitet aber vehement die Zahlen, wie auch die Tatsache, dass die Tötungen systematisch orchestriert wurden und einen Völkermord darstellten.

Die Beziehungen zwischen Ankara und Washington sind derzeit wegen einer Vielzahl von Themen angespannt, vom Kauf russischer S-400-Verteidigungssysteme durch die Türkei – wegen denen sie Ziel von US-Sanktionen war – bis hin zu politischen Differenzen in Syrien, Menschenrechten und Rechtsfragen. Erdogan hatte zwischen 2017 und 2021 eine enge Bindung zu Donald Trump aufgebaut, aber seit Biden das Amt übernommen hat, ist Washington deutlicher geworden, was die Menschenrechtssituation in der Türkei angeht. Das Weiße Haus hat auch an seiner Forderung festgehalten, dass Ankara die russischen Verteidigungssysteme aufgeben soll.

Der Krieg in Nagorni Karabach (2020), der von der Türkei gegen Armenien unterstützt wurde, hat die armenische Minderheit in der Türkei jetzt wieder in eine schwierige Lage gebracht und alte Wunden aufgerissen. Nach den Anfeindungen der letzten Wochen fühlen sich manche Armenier fremd im eigenen Land.

Aber zurück ins Jahr 1915:

Schon als erster Schritt wurden im Februar 1915 die armenischen Soldaten der osmanischen Armeen entwaffnet und anschließend entweder getötet oder in Arbeitsbataillonen zusammengefasst. Wenig später folgte die Hinrichtung der Angehörigen mehrerer dieser Bataillone. Bereits im Februar und April erfolgten die ersten Deportationen in Anatolien, die jedoch noch nicht die planmäßige Vernichtung zum Ziel hatten.

Im April 1915 hatten sich Armenier in Van erhoben, in der Folge war es zu Gräueltaten gegen die muslimische Bevölkerung gekommen. Ob dieser Aufstand und die revolutionäre Gewalt der sozialdemokratischen Huntschak-Aktivisten eine Reaktion auf die zunehmenden Repressionen darstellte oder im Gegenteil der Zentralregierung als Rechtfertigung dafür diente, mit den Deportationen der Armenier zu beginnen, ist in der Forschung umstritten. Ferner gab es die sogenannten armenischen Fedajin, die von Persien oder Russland aus „in ganz Armenien Schrecken bei Türken und Kurden“ verbreiteten.

Es war Krieg, den Armeniern wurde Zusammenarbeit mit den Russen vorgeworfen, die damals Feinde des Osmanischen Reiches waren.

In der Nacht vom 24. zum 25. April wurden in einer ersten Welle 235 bis 270 armenische Gemeindeführer von Istanbul (Geistliche, Ärzte, Verleger, Journalisten, Anwälte, Lehrer, Politiker etc.) aufgrund des Beschlusses des Innenministeriums festgenommen. Es gab weitere Deportationen aus der Hauptstadt, die erste Aufgabe war die Identifizierung der Inhaftierten. Sie wurden für einen Tag in einer Polizeistation und dem Zentralgefängnis festgehalten. In einer zweiten Welle kam es zur Verhaftung von bis zu 600 Personen. Gegen Ende August 1915 wurden über 150 Armenier mit russischer Staatsbürgerschaft aus Istanbul in Internierungslager deportiert. Wenige der Verschleppten wurden noch am gleichen Wochenende freigelassen, bevor sie nach Anatolien transferiert wurden.

Die meisten Inhaftierten wurden nach der Identifizierung Einzelner vom Zentralgefängnis zur Bahnhofstation Haydar Pasa geschickt. Nach einer Wartezeit von zehn Stunden wurden sie am nächsten Tag mit Sonderzügen in Richtung Ankara gesandt. Ein Zug allein war mit 220 Armeniern unterwegs. Ein armenischer Zugführer erhielt eine Liste von Namen der Deportierten. Diese Listen wurden an den armenischen Patriarchen von Konstantinopel übergeben, der vergeblich versuchte, so viele Deportierte wie möglich zu retten. Der einzige ausländische Botschafter, der ihm helfen konnte bzw. wollte, war der US-Botschafter Henry Morgenthau. Nach einer Fahrt von 20 Stunden kamen die Deportierten in Sincan (nahe Ankara) aus. An der Station führte Ibrahim, der Direktor des Zentralgefängnisses von Istanbul, die Selektion durch. Die Deportierten wurden in zwei Gruppen aufgeteilt.

Eine Gruppe wurde nach Çankırı, und die andere nach Ayaş (ca. 150 Personen) gesandt. Letztere wurden in Pferdewagen für mehrere Stunden dorthin transportiert. Nahezu alle aus dieser Gruppe wurden einige Monate später in Felsschluchten nahe Ankara getötet. Nur ganz wenigen aus dieser Gruppe wurde die Erlaubnis gewährt, von Ayaş in die Hauptstadt zurückzukehren.

Über 150 intellektuelle Gefangene wurden in Çankırı festgehalten. Eine weitere Gruppe von 20 Personen, die am 24. April festgenommen wurden, kam in Çankırı Anfang Mai 1915 an.

Nach dem Waffenstillstand von Mudros (30. Oktober 1918) kamen mehrere armenische Intellektuelle nach Istanbul zurück, das damals noch unter alliierter Besatzung stand. Sie begannen eine kurze, allerdings jedoch intensive literarische Aktivität, die allerdings durch den türkischen Sieg 1922–1923 beim Befreiungskrieg wieder beendet wurde.

Das war nur der Anfang! Dann begannen die Massendeportationen der Armenier aus ihren angestammten Wohnsitzen in die syrische und die mesopotamische Wüste!

Doch noch einmal heute – und immer wieder – Völkermord an den Armeniern.

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