Jeanne

Ich lernte sie in der Mitte der fünfziger Jahre in Nancy kennen. Dort trafen sich viele europa-begeisterte Studenten aus unterschiedlichen Ländern. Wir studierten „Europa“, historisch, soziologisch, wirtschaftlich, politisch. Es war eine Zeit des Aufbruchs, wir glaubten an ein Vereintes starkes Europa. Manche meiner damaligen Kommilitonen haben – viel später – große Karrieren gemacht, einer der (den meisten uns anderen intellektuell ziemlich überlegenen) Studenten aus Polen wurde später, nach der Wende dort Außenminister. Auch er war ein Bewunderer und Freund von Jeanne.

Einige de Bewohner Nancys hatte sich zur Aufgabe gemacht, diesen Europa-Studenten „ihr Frankreich, ihr Lothringen“ näher zu bringen. Sie organisierten Abendessen in Privathaushalten, Sonntag-mittags-in-Familien, Ausflüge in die Umgebung mit Kultur und Landschaft, Picknicks an historischen Stätten. Kurz mit einem Wort gesagt, wir wurden verwöhnt. Und Nancy liegt ja ziemlich in der Mitte der Geburtsregion der Europäischen Gemeinschaft. Und Lothringen hat ja auch einen starken Bezug zu Österreich.

Eine diese sehr engagierten Organisatorinnen dieser so genannten „extra-curricular-Aktivitäten“ war Jeanne. Sie kam aus einer sehr angesehenen Familie – ihr Vater war Universitätsprofessor, ihr Bruder war dann EG-Beamter (ich beneidete ihn sehr, weil mir das als Angehörige eines Nicht-Mitglieds dieser EG verwehrt war). Sie wohnte in einem eleganten Stadthaus mit ihrer Familie, ich durfte dort öfters an verschiedenen Mahlzeiten teilnehmen. Es war eine sehr kultivierte, intellektuelle Familie.

Jeanne selbst übte keinen Brotberuf aus, war aber mit verschiedenen – primär kulturellen – Aktivitäten voll ausgelastet. Wir lernten einander während dieses halben Jahres besser kennen, das war auch darauf zurückzuführen, dass mein gesprochenes Französisch sich in dieser Zeit wesentlich verbessert hatte (was nicht allzu schwer war, denn der Ausgangspunkt war sehr niedrig gelegen).

Am Ende dieser wunderbaren Zeit bekamen alle Studenten den Auftrag eine „Diplomarbeit“ zu schreiben. Inhaltlich war das kein so besonders großes Problem für mich, sprachlich war es schon schwieriger, da ich zwar einen sehr großen Wortschatz betreffend der zu behandelnden Themen hatte, meine Grammatik aber eine bessere Katstrophe war. Um mir diesbezüglich zu helfen, hat mir Jeanne angeboten, die Arbeit „durchzusehen“ und zu verbessern. Sie hat sie soweit verbessert, dass ich dann den Inhalt den Studenten des drauffolgenden Jahrgangs wiederum in Nancy vorstellen durfte.

Wir hielten brieflichen Kontakt, aber auch durch die damals recht häufigen Treffen der „Aciens“, wobei es immer um damals aktuelle Probleme Europas ging.

Als ich dann Ende der fünfziger Jahre heiratete, führte unsere Hochzeitsreise – durch Nancy, wo wir wenige Tage auch blieben. Und wir wohnten selbstverständlich – bei Jeanne. Uns wurde ein ziemlich großes Zimmer zur Verfügung gestellt, indem sich ein riesiges Bett befand, deren Matratze aber schon etwas „abgewohnt“ war. In diesem Zimmer stand bezeichnender Weise auch eine Wiege. Zum Frühstück bekamen wir den köstlichen Café au Lait und wir hatten untertags Zeit, dass ich meinem Mann „mein Nancy“ – mithilfe von Jeanne – zeigen konnte.

Und als dann später meine Tochter geboren wurde, war es für mich naheliegend Jeanne zu bitten, deren Taufpatin zu werden. Sie kam zu uns nach Wien, bescheiden und unauffällig wie immer. Als sie in der Pfarre (Ober Sankt Veit) für das Register ihren Beruf angeben sollte, schreib sie „Privatiere“. Meine Tochter erhielt als zweiten Namen die – allerdings deutsche Variante – des Namens von Jeanne, nämlich Johanna (wohl auch, weil meine Mutter Johann geheißen hatte).

Der Kontakt lockerte sich, es war meine Schuld. Der Grund: Familie mit zwei kleinen Kindern, herausforderndem Beruf, wohl aber auch wen sich zunehmend verschlechternder Beherrschung der französischen Sprache. Ich scheute mich, Briefe in schlechtem Französisch zu schreiben. Bis dann plötzlich, nach nicht allzu langer Zeit ein Paket von Jeannes Bruder eintrudelte, das die Nachricht des Ablebens von Jeanne enthielt, sowie eine Perlenkette für ihr Taufkind.  

Jeanne war ein gläubiger Mensch gewesen, was sie bewogen hat, nie zu heiraten hat sie mir nicht mitgeteilt und ich war wohl auch zu scheu, sie gerade das zu fragen. Dennoch hat sie einen großen Teil ihres Lebens mit der Betreuung von patscherten Studenten verbracht. Sie hat auch versucht, diesen Studenten französische Kultur und Lebensart näher zu bringen. Intellektuelle Auseinandersetzungen hat sie geliebt.

Es tut mir nicht nur leid, dass sie früh gestorben ist, es ist auch traurig, dass ihr Patenkind, meine Tochter sie nie kennen lernen durfte. Dennoch, wir werden ihr ein ehrendes Andenken bewahren.

Jeanne

4 Gedanken zu “Jeanne

  1. Othmar E.R. PUSCH sen. schreibt:

    Liebe Christa! Ein besonders & mich sehr berührender Artikel nämlich so schön, daß es schon wieder weh tut, diese Menschen & Situationen nicht auch kennengelernt zu haben. Mitte der Fünfziger war ich ‚erst‘ ein Baby/Kleinkind (18.III.1955). Bitte schreibe weiter Deinen Erinnerungen für uns nachgeborene Ex-Studenten. Danke & gesund bleiben … CA-BV forever (*ggg*) ! LieGrü/Othi 🙂

    > WordPress.com Christa Chorherr h

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  2. Ich habe Nancy 1996 auf Stippvisite besucht – in einem großen Schlenker auf dem Weg von Contrexéville zurück nach Straßburg – und dann 2008 wiedergesehen. Die Stadt hat sich seit den Fünfziger Jahren sehr verändert. Ganze Stadtviertel sind aus dem Boden gestampft worden, die für sich genommen größer sind als manche Kleinstadt im Umland. Zwischen Laxou und Nancy merkt man nicht, wo das eine anfängt und das andere aufhört. Die Universität hat auch neue Gebäude bekommen, die inzwischen schon recht heruntergekommen wirken. Sie ist eine Lernfabrik geworden, leider sehr „quelconque“. Quasi das Bild dessen, was aus der vor ein paar Jahren als Maxime verkündeten „excellence pour tous“ werden kann. Die Pfarrfrau hat, als wir jung verheiratet waren, ein Jahr dort studiert und dann aufgehört, weil ihr Niveau vom Abitur höher war als das der Professoren.

    Und seit meinem Umzug an den Atlantik 2012 hat sich in der Stadt wieder einiges verändert: als wir im August durch Nancy fuhren, mit dem Wohnwagen am Haken, um unser neues Domizil zu erreichen, da habe ich die Stadt kaum wiedererkannt. Das ländliche Lothringen dagegen hat sich in den letzten 100 Jahren nur wenig verändert. Gewiß, die Straßen sind besser, und Traktoren haben Pferd und Rind vor dem Pflug ersetzt. Der Rhythmus des Lebens ist anders, und kaum noch Kinder spielen in den Dorfstraßen. Aber in den Städten fällt die Veränderung viel deutlicher auf.

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