Tadschikistan – eine Spurensuche im Kopf

Es hat mich schon erstaunt, als ich nachgesehen habe, woher die Aufrufe meiner G’schicht’ln stammen: einer kam gestern aus Tadschikistan. Soweit ich das feststellen konnte, gibt es nicht einmal eine österreichische Botschaft dort.

Tadschikistan war für lange Zeit einmal Sowjetrepublik – ich, die ich mit der Gegend nicht so vertraut war, nannte diese nach der Wende neu entstandenen Staaten lange noch der Einfachheit halber „Koranistans“. Aber an etwas erinnerte ich mich genau: aus der Zeit, in der ich mich intensiv mit Alexander dem Großen auseinandergesetzt hatte (auch schon ein Weilchen her), ist mir das Ferghanatal in Erinnerung. Historisch wird das Ferghanatal zu Transoxanien gerechnet, das hat mit heutigen Grenzen nichts mehr zu tun. Das Tal verteilt sich auf die Staatsgebiete von Usbekistan, Tadschikistan und Kirgisistan. Mehr als zehn Millionen Menschen und damit 20 % der Bevölkerung Zentralasiens leben in dem lediglich 300 km langen und bis zu 110 km breiten Tal auf einer Gesamtfläche von rund 22.000 Quadratkilometern. Dieses wird allgemein als das kulturelle Zentrum Zentralasiens betrachtet.

Schon vor Eroberung durch Alexander war das Land für seine hoch entwickelte Landwirtschaft und seine Pferdezucht bekannt. Um 329 v. Chr. eroberte Alexander der Große das Ferghanatal, im 3. Jahrhundert v. Chr. wurde es dann Teil des Gräko-Baktrischen Reiches. In der Folgezeit wurde das Ferghanatal wechselnd von verschiedenen Völkern beherrscht, bis es im 6. Jahrhundert vom Reich der Göktürken erobert wurde. Von hier aus brach Babur, ein Nachkomme Timurs, zur Eroberung Indiens und der Begründung der Moguldynastie auf. Das in den Jahren 1710 bis 1720 gegründete Chanat von Kokand, das sein Zentrum im Ferghanatal hatte, umfasste auch die Oasen von Taschkent und Chimkent sowie das Siebenstromland. Dieses Chanat entwickelte sich im 19. Jahrhundert zu einem bedeutenden Flächenstaat, der in direkter Nachbarschaft zum Emirat von Buchara lag und dessen schärfster Konkurrent wurde. In der Zeit zwischen 1810 und 1822, als ʿUmar Chān über das Chanat herrschte, erlebte die Literatur im Ferghanatal ihre Blütezeit.

Während der sowjetischen Zeit war das Ferghanatal ein Zentrum der Uranerz Förderung. Die erste Abbaustätte Taboschar ging 1945 in Betrieb.

In den frühen 1990er Jahren, nach der Auflösung der Sowjetunion, wurde das Ferghanatal zum Operationsgebiet verschiedener islamistischer Gruppierungen wie der Hizb ut-Tahrir und in geringerem Umfang besonders in Usbekistan der Akramiyya. Im tadschikischen Teil des Ferghanatals ist der Distrikt Isfara seit der sowjetischen Zeit das Rückzugsgebiet eines konservativen Islam. Das dortige Dorf Tschorkuh ist eine Hochburg islamistischer Gruppen.

Darüber hinaus tragen die ethnische Vielfalt, Drogenhandel, die hohe Bevölkerungsdichte und daraus folgende hohe Arbeitslosigkeit zu zahlreichen gewaltsam ausgetragenen Konflikten bei. Zudem ist der Grenzverlauf zwischen Kirgistan und Tadschikistan in weiten Teilen umstritten.

Tadschikistan (9,1 Millionen Einwohner) ist ein islamisch geprägtes und autoritär regiertes Land. Das Klima ist extrem kontinental mit kalten Wintern und heißen Sommern. Außer in den Tal- und Beckenländern, wo ein subtropisches feuchtes Klima herrscht, werden in den Sommermonaten Temperaturen von bis zu 45 °C erreicht. Mit 84,3 % Bevölkerungsanteil (2010) bilden die Tadschiken, ein iranisches Volk, die Mehrheit. Die Einwohner Tadschikistans sind zu über 90 % Anhänger des Islam, vorwiegend sunnitisch. Dass oppositionelle Islamisten die Errichtung eines islamischen Gottesstaates anstreben, dient der Regierung als Vorwand, um seit 2007 Moscheen zu schließen.    Gemäß dem „Gesetz über die Gewissensfreiheit und religiöse Vereinigungen“ ist jede religiöse Betätigung ohne staatliche Registrierung verboten. Minderjährigen ist jegliche Teilnahme an Gottesdiensten, religiösen Veranstaltungen und Religionsunterricht nicht-registrierter Glaubensgemeinschaften verboten. Etwa ein Viertel der Mädchen in Tadschikistan vollendet die Grundschule trotz formaler Pflicht aufgrund von Armut und geschlechtsspezifischer Diskriminierung nicht.

Präsident Tadschikistans ist der zuletzt 2013 wiedergewählte Emomalij Rahmon, der bei der Wahl am 6. November 2013 83,92 % aller Stimmen erhielt. Das demokratische Zustandekommen des Ergebnisses wird angezweifelt, da drei ernsthafte Gegenkandidaten ihre Kandidatur zurückzogen, was nicht zuletzt daran liegt, dass Rahmon rigoros gegen die Opposition vorgeht. Das Land zählt zu den korruptesten Staaten der Welt. Die Hauptindustrien in dem Land sind der Bergbau, die Metallverarbeitung und die Landwirtschaft. Tadschikistans Wirtschaft ist stark abhängig von den Rücküberweisungen der in Russland lebenden und arbeitenden knapp 1 Million zählenden Auslandstadschiken. Nach wie vor ist die Bedeutung der Landwirtschaft sehr groß. Aber nur etwa 7 % des Landes sind landwirtschaftlich intensiv nutzbar. Die Hinterlassenschaften des Uranbergbaus, der im Norden des Landes bis Anfang der 1990er Jahre stattfand, führen mit Abraumhalden, Absetzseen und technischen Einrichtungen zu einer möglichen Gefährdung der Bevölkerung, des Trinkwassers und der Umwelt in diesen Regionen durch radioaktive Stoffe.

Die COVID-19-Pandemie tritt in Tadschikistan seit Anfang Mai 2020 in Erscheinung, als das Land die ersten Fälle an die Weltgesundheitsorganisation (WHO) meldete. Die autoritäre Regierung von Tadschikistan behauptet bislang, schon frühzeitig große Versammlungen verboten und die Verwendung von Masken verordnet zu haben.

Und jetzt überlege ich hin und her, wer wohl dieser anonyme „Leser“ meines Blogs in Tadschikistan wohl sein könnte? Oder hat er nur „danebengegriffen“, als er etwas anderes suchte?

Tadschikistan – eine Spurensuche im Kopf

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