Jeanne

Ich lernte sie in der Mitte der fünfziger Jahre in Nancy kennen. Dort trafen sich viele europa-begeisterte Studenten aus unterschiedlichen Ländern. Wir studierten „Europa“, historisch, soziologisch, wirtschaftlich, politisch. Es war eine Zeit des Aufbruchs, wir glaubten an ein Vereintes starkes Europa. Manche meiner damaligen Kommilitonen haben – viel später – große Karrieren gemacht, einer der (den meisten uns anderen intellektuell ziemlich überlegenen) Studenten aus Polen wurde später, nach der Wende dort Außenminister. Auch er war ein Bewunderer und Freund von Jeanne.

Einige de Bewohner Nancys hatte sich zur Aufgabe gemacht, diesen Europa-Studenten „ihr Frankreich, ihr Lothringen“ näher zu bringen. Sie organisierten Abendessen in Privathaushalten, Sonntag-mittags-in-Familien, Ausflüge in die Umgebung mit Kultur und Landschaft, Picknicks an historischen Stätten. Kurz mit einem Wort gesagt, wir wurden verwöhnt. Und Nancy liegt ja ziemlich in der Mitte der Geburtsregion der Europäischen Gemeinschaft. Und Lothringen hat ja auch einen starken Bezug zu Österreich.

Eine diese sehr engagierten Organisatorinnen dieser so genannten „extra-curricular-Aktivitäten“ war Jeanne. Sie kam aus einer sehr angesehenen Familie – ihr Vater war Universitätsprofessor, ihr Bruder war dann EG-Beamter (ich beneidete ihn sehr, weil mir das als Angehörige eines Nicht-Mitglieds dieser EG verwehrt war). Sie wohnte in einem eleganten Stadthaus mit ihrer Familie, ich durfte dort öfters an verschiedenen Mahlzeiten teilnehmen. Es war eine sehr kultivierte, intellektuelle Familie.

Jeanne selbst übte keinen Brotberuf aus, war aber mit verschiedenen – primär kulturellen – Aktivitäten voll ausgelastet. Wir lernten einander während dieses halben Jahres besser kennen, das war auch darauf zurückzuführen, dass mein gesprochenes Französisch sich in dieser Zeit wesentlich verbessert hatte (was nicht allzu schwer war, denn der Ausgangspunkt war sehr niedrig gelegen).

Am Ende dieser wunderbaren Zeit bekamen alle Studenten den Auftrag eine „Diplomarbeit“ zu schreiben. Inhaltlich war das kein so besonders großes Problem für mich, sprachlich war es schon schwieriger, da ich zwar einen sehr großen Wortschatz betreffend der zu behandelnden Themen hatte, meine Grammatik aber eine bessere Katstrophe war. Um mir diesbezüglich zu helfen, hat mir Jeanne angeboten, die Arbeit „durchzusehen“ und zu verbessern. Sie hat sie soweit verbessert, dass ich dann den Inhalt den Studenten des drauffolgenden Jahrgangs wiederum in Nancy vorstellen durfte.

Wir hielten brieflichen Kontakt, aber auch durch die damals recht häufigen Treffen der „Aciens“, wobei es immer um damals aktuelle Probleme Europas ging.

Als ich dann Ende der fünfziger Jahre heiratete, führte unsere Hochzeitsreise – durch Nancy, wo wir wenige Tage auch blieben. Und wir wohnten selbstverständlich – bei Jeanne. Uns wurde ein ziemlich großes Zimmer zur Verfügung gestellt, indem sich ein riesiges Bett befand, deren Matratze aber schon etwas „abgewohnt“ war. In diesem Zimmer stand bezeichnender Weise auch eine Wiege. Zum Frühstück bekamen wir den köstlichen Café au Lait und wir hatten untertags Zeit, dass ich meinem Mann „mein Nancy“ – mithilfe von Jeanne – zeigen konnte.

Und als dann später meine Tochter geboren wurde, war es für mich naheliegend Jeanne zu bitten, deren Taufpatin zu werden. Sie kam zu uns nach Wien, bescheiden und unauffällig wie immer. Als sie in der Pfarre (Ober Sankt Veit) für das Register ihren Beruf angeben sollte, schreib sie „Privatiere“. Meine Tochter erhielt als zweiten Namen die – allerdings deutsche Variante – des Namens von Jeanne, nämlich Johanna (wohl auch, weil meine Mutter Johann geheißen hatte).

Der Kontakt lockerte sich, es war meine Schuld. Der Grund: Familie mit zwei kleinen Kindern, herausforderndem Beruf, wohl aber auch wen sich zunehmend verschlechternder Beherrschung der französischen Sprache. Ich scheute mich, Briefe in schlechtem Französisch zu schreiben. Bis dann plötzlich, nach nicht allzu langer Zeit ein Paket von Jeannes Bruder eintrudelte, das die Nachricht des Ablebens von Jeanne enthielt, sowie eine Perlenkette für ihr Taufkind.  

Jeanne war ein gläubiger Mensch gewesen, was sie bewogen hat, nie zu heiraten hat sie mir nicht mitgeteilt und ich war wohl auch zu scheu, sie gerade das zu fragen. Dennoch hat sie einen großen Teil ihres Lebens mit der Betreuung von patscherten Studenten verbracht. Sie hat auch versucht, diesen Studenten französische Kultur und Lebensart näher zu bringen. Intellektuelle Auseinandersetzungen hat sie geliebt.

Es tut mir nicht nur leid, dass sie früh gestorben ist, es ist auch traurig, dass ihr Patenkind, meine Tochter sie nie kennen lernen durfte. Dennoch, wir werden ihr ein ehrendes Andenken bewahren.

Jeanne

Zum Thema „Vorbilder“

Besonders in Corona Zeiten

Welche Vorbilder haben wir heute? Welche Vorbilder haben unsere Jungen gewählt?  Und welche Vorbilder gibt es überhaupt in Corona-Zeiten.  

Fangen wir mit eventuellen Vorbildern in Corona-Zeiten an. Immer wieder gab es in der Vergangenheit die Pest, die sich über die jeweils bekannte Welt ausbreitete. Man kannte ihre Ursache nicht, man wusste nicht, wie man sie zu bekämpfen hätte. Sie verging – und kam oft nach (sieben) Jahren wieder. Die Wiener behielten wenigstens ihren Humor: sie ließen den „lieben Augustin“ betrunken in die Pestgrube fallen – und rechtzeitig, vor dem Begraben-werden, wieder gesund herauskommen.  

Die letzte Pandemie fand vor 100 Jahren statt, das waren böse Zeiten, Reiche zerbrachen, Staaten entstanden, Hunger und Not herrschten. Soldaten verteilten sich über die ganze Welt, da waren die Sieger, die stolz in ihre Heimat zurückkehrten und die Verlierer, die Geschlagenen, die ebenfalls versuchten ihre Heimat irgendwie wiederzufinden – die nicht jenem stolzen Gebilde entsprach, das sie verlassen hatten. Es begann auch die Vertreibung der anderen Volksgruppen, Flüchtlings-Trecks waren unterwegs. Und sie alle verbreiteten die Spanische Grippe.

Das alles kann man wohl kaum mit der heutigen Situation vergleichen. Ich vermute, dass dieser Mangel an Vorbildern auch zu den chaotischen Lösungen führte, mit denen versucht wurde, der Situation Herr zu werden. Man suchte neue „Weise“, jetzt sind es die Virologen, die Epidemiologien, und sonstige Experten. Man setzte auf die Entwicklung neuer Impfstoffe, man war gezwungen, diesen zu bestellen, bevor man wusste, welcher wann auf den Markt kommen würde. Man hoffte auf wärmeres Wetter, man blickte aber auch nach China – als Vorbild? Aber ein autoritärer Staat hat andere Mittel, um eine Pandemie zu bekämpfen, und man wollte diese doch tunlichst vermeiden.

Aber die Krise ist noch nicht zu Ende, wir leiden noch immer unter gewaltigen demokratiebehindernden Maßnahmen, wie Lockdowns verschiedenen Grades. Aber immer mehr Menschen werden geimpft, wir hoffen, dass ein Ende der Pandemie in Sicht ist?

Und welchen Vorbildern sind wir gefolgt? Anfänglich waren da die Schweden, Sie erinnern sich, da gab es keine Einschränkungen, neiderfüllt blickten wir dorthin, bis uns dann die Todeszahlen dort bewusst wurden. Jetzt sehen wir in Großbritannien und Israel unsere Vorbilder. Aber ganz so vergleichbar ist das alles nicht.

Wenn man es genau nimmt, wirkliche Vorbilder in Corona-Zeiten gab es nicht. Wir alle taumeln noch ein wenig und hoffen, bald Fuß fassen zu können, und wieder sicheren Boden unter unseren Füßen zu haben. Die ersehnte „grüne Karte“ hat Schwächen. Sie wird sicher bei allen, die noch keine Impfung erhalten haben, oder bekommen konnten, Neid und Missgunst hervorrufen, wenn die „begünstigten Geimpften“ in Gaststätten sitzen werden, auf Reisen gehen können und in Hotels absteigen werden.

Welche Vorbilder bestehen aber ganz allgemein heutzutage? Vorbild ist eine Person oder Sache, die als richtungsweisendes und idealisiertes Muster oder Beispiel angesehen wird. Im engeren Sinne ist ein Vorbild eine Person, mit der ein – meist junger – Mensch sich identifiziert und dessen Verhaltensmuster er nachahmt oder nachzuahmen versucht.

Bei Erwachsenen sehe ich wenig Wunsch nach Vorbildern. Wo könnten wir sie denn auch finden. Ich könnte mir schon vorstellen, dass manche ganz gerne Superman sein möchten, oder vielleicht James Bond (allerdings die Schwierigkeiten, die dieser oft vorfindet sind sicher nicht für alle attraktiv).  Ich glaube, dass die Menschen Vorbilder in Politikern sehen. Der letzte Bundeskanzler, der mir dazu eventuell einfiele wäre Bruno Kreisky – und dessen politisch aktive Zeit liegt schon recht weit zurück. Vielleicht kommen bei Jüngeren sportliche „Sieger“ als Vorbild in Frage? Bei der Mehrheit der Vorbilder von Jugendlichen handelt es sich um Prominente und Stars aus den Massenmedien: Sportler, Sänger, Schauspieler oder Politiker. Mutter und Vater belegen aber immer noch den ersten bzw. zweiten Platz in der Hitliste der Vorbilder. Dabei muss man allerdings davon ausgehen, dass nicht grundsätzlich nur bewusste Wahlen eine Rolle spielen. Unbewusste oder nicht bewusste Entscheidungen oder Vorbildfunktionen haben mit Sicherheit einen bedeutsamen Anteil am Lernen im Rahmen von Imitationsprozessen.

Aber es gibt „Role-Models“, die einfach nähe liegen – (Eltern, Familie, Peergroup), deren Verhalten unbewusst nachgeahmt wird, was allerdings von großer Bedeutung für einen individuellen Entwicklungsprozess sein kann.  Meine unmaßgebliche Meinung: Erziehung gründet auf einem guten Vorbild der Eltern und Lehrer. Nun, das ist schwer genug, wer schafft es schon, immer ein gutes Vorbild zu sein. Aber versuchen sollte man es allemal. Während Erziehung in der Westlichen Welt heute stark wortlastig ist und explizite verbale Erläuterungen des Elternverhaltens und der Elternintentionen einschließt, setzt z. B. die Erziehung in China vor allem auf das vorbildliche Verhalten der Eltern.

Derzeit können wir nur hoffen, dass wir für unsere Kinder die „richtigen“ Vorbilder waren – und dass die Pandemie endlich soweit besiegt sein wird, dass wir keine Vorbilder in früheren Pandemien suchen müssen.

Zum Thema „Vorbilder“

Doch noch einmal heute – und immer wieder – Völkermord an den Armeniern.

Wie der Völkermord begann

Bei der Deportation der armenischen Elite wurden am 24. April 1915 (‚Roter Sonntag‘) auf Anordnung des osmanischen Innenministers Mehmet Talat Bey (* 1. September 1874; † 15. März 1921; Innenminister und Großwesir des Osmanischen Reichs und Führer der Jungtürken) führende Personen der armenischen Gemeinde in Istanbul und später anderen Ortschaften verhaftet und in Konzentrationslager nahe Ankara verschleppt. Nach der Annahme des Deportationsgesetzes am 29. Mai 1915 wurden sie später zwangsumgesiedelt, gefoltert, enteignet und viele von ihnen getötet. Der 24. April wird in Armenien als Völkermordgedenktag begangen, da mit diesem Tag der Völkermord an den Armeniern begann.

Nun, im Jahr 2021 teilt der US-Präsident Joe Biden teilt dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan mit, dass die USA die Massaker an den Armeniern von 1915 (endlich) als Völkermord anerkennen werden. Der Anruf erfolgte einen Tag vor dem armenischen Gedenktag, an dem erwartet wird, dass Biden mit den jahrzehntelangen Erklärungen des Weißen Hauses bricht. Frühere Administrationen hatten die Ereignisse während des Ersten Weltkriegs als „Metz Yeghern“ (großes Übel) bezeichnet.

In der Türkei wird anerkennt, dass viele Armenier, die im Osmanischen Reich lebten, während des Ersten Weltkriegs bei Zusammenstößen mit den osmanischen Streitkräften getötet wurden, bestreitet aber vehement die Zahlen, wie auch die Tatsache, dass die Tötungen systematisch orchestriert wurden und einen Völkermord darstellten.

Die Beziehungen zwischen Ankara und Washington sind derzeit wegen einer Vielzahl von Themen angespannt, vom Kauf russischer S-400-Verteidigungssysteme durch die Türkei – wegen denen sie Ziel von US-Sanktionen war – bis hin zu politischen Differenzen in Syrien, Menschenrechten und Rechtsfragen. Erdogan hatte zwischen 2017 und 2021 eine enge Bindung zu Donald Trump aufgebaut, aber seit Biden das Amt übernommen hat, ist Washington deutlicher geworden, was die Menschenrechtssituation in der Türkei angeht. Das Weiße Haus hat auch an seiner Forderung festgehalten, dass Ankara die russischen Verteidigungssysteme aufgeben soll.

Der Krieg in Nagorni Karabach (2020), der von der Türkei gegen Armenien unterstützt wurde, hat die armenische Minderheit in der Türkei jetzt wieder in eine schwierige Lage gebracht und alte Wunden aufgerissen. Nach den Anfeindungen der letzten Wochen fühlen sich manche Armenier fremd im eigenen Land.

Aber zurück ins Jahr 1915:

Schon als erster Schritt wurden im Februar 1915 die armenischen Soldaten der osmanischen Armeen entwaffnet und anschließend entweder getötet oder in Arbeitsbataillonen zusammengefasst. Wenig später folgte die Hinrichtung der Angehörigen mehrerer dieser Bataillone. Bereits im Februar und April erfolgten die ersten Deportationen in Anatolien, die jedoch noch nicht die planmäßige Vernichtung zum Ziel hatten.

Im April 1915 hatten sich Armenier in Van erhoben, in der Folge war es zu Gräueltaten gegen die muslimische Bevölkerung gekommen. Ob dieser Aufstand und die revolutionäre Gewalt der sozialdemokratischen Huntschak-Aktivisten eine Reaktion auf die zunehmenden Repressionen darstellte oder im Gegenteil der Zentralregierung als Rechtfertigung dafür diente, mit den Deportationen der Armenier zu beginnen, ist in der Forschung umstritten. Ferner gab es die sogenannten armenischen Fedajin, die von Persien oder Russland aus „in ganz Armenien Schrecken bei Türken und Kurden“ verbreiteten.

Es war Krieg, den Armeniern wurde Zusammenarbeit mit den Russen vorgeworfen, die damals Feinde des Osmanischen Reiches waren.

In der Nacht vom 24. zum 25. April wurden in einer ersten Welle 235 bis 270 armenische Gemeindeführer von Istanbul (Geistliche, Ärzte, Verleger, Journalisten, Anwälte, Lehrer, Politiker etc.) aufgrund des Beschlusses des Innenministeriums festgenommen. Es gab weitere Deportationen aus der Hauptstadt, die erste Aufgabe war die Identifizierung der Inhaftierten. Sie wurden für einen Tag in einer Polizeistation und dem Zentralgefängnis festgehalten. In einer zweiten Welle kam es zur Verhaftung von bis zu 600 Personen. Gegen Ende August 1915 wurden über 150 Armenier mit russischer Staatsbürgerschaft aus Istanbul in Internierungslager deportiert. Wenige der Verschleppten wurden noch am gleichen Wochenende freigelassen, bevor sie nach Anatolien transferiert wurden.

Die meisten Inhaftierten wurden nach der Identifizierung Einzelner vom Zentralgefängnis zur Bahnhofstation Haydar Pasa geschickt. Nach einer Wartezeit von zehn Stunden wurden sie am nächsten Tag mit Sonderzügen in Richtung Ankara gesandt. Ein Zug allein war mit 220 Armeniern unterwegs. Ein armenischer Zugführer erhielt eine Liste von Namen der Deportierten. Diese Listen wurden an den armenischen Patriarchen von Konstantinopel übergeben, der vergeblich versuchte, so viele Deportierte wie möglich zu retten. Der einzige ausländische Botschafter, der ihm helfen konnte bzw. wollte, war der US-Botschafter Henry Morgenthau. Nach einer Fahrt von 20 Stunden kamen die Deportierten in Sincan (nahe Ankara) aus. An der Station führte Ibrahim, der Direktor des Zentralgefängnisses von Istanbul, die Selektion durch. Die Deportierten wurden in zwei Gruppen aufgeteilt.

Eine Gruppe wurde nach Çankırı, und die andere nach Ayaş (ca. 150 Personen) gesandt. Letztere wurden in Pferdewagen für mehrere Stunden dorthin transportiert. Nahezu alle aus dieser Gruppe wurden einige Monate später in Felsschluchten nahe Ankara getötet. Nur ganz wenigen aus dieser Gruppe wurde die Erlaubnis gewährt, von Ayaş in die Hauptstadt zurückzukehren.

Über 150 intellektuelle Gefangene wurden in Çankırı festgehalten. Eine weitere Gruppe von 20 Personen, die am 24. April festgenommen wurden, kam in Çankırı Anfang Mai 1915 an.

Nach dem Waffenstillstand von Mudros (30. Oktober 1918) kamen mehrere armenische Intellektuelle nach Istanbul zurück, das damals noch unter alliierter Besatzung stand. Sie begannen eine kurze, allerdings jedoch intensive literarische Aktivität, die allerdings durch den türkischen Sieg 1922–1923 beim Befreiungskrieg wieder beendet wurde.

Das war nur der Anfang! Dann begannen die Massendeportationen der Armenier aus ihren angestammten Wohnsitzen in die syrische und die mesopotamische Wüste!

Doch noch einmal heute – und immer wieder – Völkermord an den Armeniern.

Allerlei: Heutiges und Früheres

z.B. von Impfterminen, aber auch Brillenschlangen und Blaustrümpfen

Ich bin zum zweiten Mal geimpft. Ich fürchte, diese Information ist schon ein wenig fad, vor allem für jene, die bereits selbst geimpft sind – und für alle, die’s noch nicht sind: eine Provokation. Aber – wirklich nur kurz – zum Ablauf diesmal – etwas anders. Letztes Mal wurde man exakt 10 Minuten vor Beginn des Termins aufgerufen. Da ich wieder zu früh dort war, stellte ich mich auf der gegenüberliegenden Seite in die Sonne.  Aber da fast alle aus dem „Cluster“ vor dem Eingang weg waren, ging in hinüber und stellte ich zum Tor, um zu sehen, wie‘s lief. Prompt schnauzte mich eine junge Frau an: „Hinten anstellen“, ich entschuldigte mich – und stellte mich hinter sie. Heute ging’s nach dem Motto first-come, first-served. Warum werden die Leute immer gleich so aggressiv? Sie war dann vor mir, hatte nicht die richtigen Unterlagen mit, hielt – wie man so sagt, die Partie auf… Aber ich kam dann sofort dran. Zu meinem eigentlichen Impftermin war ich dann schon wieder zurück, am Ring.

Und weil’s so sonnig und schön war, ging ich dann über den Heldenplatz nach Hause. Der Flieder ist im Aufgehen – und der kurzfristig dort errichtete, aber der Öffentlichkeit nicht zugänglich gemachte Pavillon wird grad wieder abgebaut, mit vielen lauten Maschinen. In meiner Kindheit sagte man von den Maurern: Vormittag tan‘s aufipatz’n, Nachmittag tan’s obakratzn – aber für Corona kann halt keiner was.

Und jetzt zu meinem eigentlichen Thema heute: von Brillenschlangen und Blaustrümpfen. Mädchen, die Brillen trugen, galten in meiner Jugendzeit als wenig attraktiv, sie wurden entweder Brillenschlange genannt, oder es wurde ihnen nachgerufen: „mein letzter Wille, eine Frau mit Brille“.  Brillen waren damals kein modisches Objekt, sondern für manche halt eine Notwendigkeit. Daher – selbst wenn ein Mädchen wirklich schlecht sah, ließ sie meist die Brille weg, wenn sie z.B. in die Tanzschule ging. Lieber stolperte sie, als eine Brille zu tragen. Ich trage seit meinem 15. Lebensjahr Brillen. Und ich trug sie auch in die Tanzschule.

Von den Damen aus seiner so genannten Clique wurde mein Mann vor mir gewarnt (er hat mir das später dann selbst erzählt) ich wäre doch ein Blaustrumpf!

Blaustrumpf (von engl. bluestocking) bezeichnete im 18. und 19. Jahrhundert eine gebildete, intellektuelle Frau, die zugunsten der geistigen Betätigung die vermeintlich typisch weiblichen Eigenschaften vernachlässigte. Die pejorative, spöttische Bedeutung für Frauen, die nach Emanzipation strebten, kam erst im späten 19. Jahrhundert auf. Der Begriff geht auf die britische Blaustrumpfgesellschaft zurück, galt zunächst für beide Geschlechter und hatte keine abwertende Bedeutung.

Die Damen aus dieser Clique dürften damals, zu Mitte des Zwanzigsten Jahrhunderts noch dem Denken früherer Zeiten verhaftet gewesen sein oder waren in diesem Sinn erzogen worden. Und ganz so Unrecht hatten sie ja nicht, mir war mein Studium wichtig, ich wollte einen interessanten Job, und Putzen, Nähen, Stricken etc. war so meine Sache nicht. Kochen hätte mich schon fasziniert, aber da war meine Mutter vor, die damals noch meinte, kochen könnte jeder, dazu brauche man kein Studium.

Und woher kommt nun die Bezeichnung „Blaustrumpf“:

Die Bluestocking Society war eine Gruppe gelehrter Frauen, die sich zu literarischen und politischen Diskussionen im Salon von Elizabeth Montagu und ihrer Freundin Elizabeth Vesey trafen, den sie Mitte des 18. Jahrhunderts in London eröffnet hatten und zu dem auch Männer, Intellektuelle und Aristokraten, eingeladen waren. Der Begriff Bluestocking soll auf folgenden Vorfall zurückgehen: Einer der dort verkehrenden Herren war der Botaniker Benjamin Stillingfleet, der statt der zur feinen Herren-Abendgarderobe gehörenden schwarzen Seidenstrümpfe mangels entsprechender Mittel billige blaue Garnstrümpfe trug. Dieses skandalöse modische Vergehen sprach sich herum, und die Teilnehmer der „intellektuellen Feste“, Männer wie Frauen, wurden als „bluestockings“ bekannt. Schriften von Mitgliedern des Bluestocking-Zirkels zwischen 1738 und 1785, werden auch als Bluestocking Feminism bezeichnet.

Seit Mitte des 18. Jahrhunderts hatte sich eine „polarisierte Geschlechterphilosophie“ herausgebildet, die die Trennung von männlicher und weiblicher bürgerlicher Sphäre begründete und der Frau die Selbstbestimmung absprach. Das Ziel war: „Die Erziehung der Frau sollte sich immer auf den Mann beziehen. Uns zu gefallen, für uns nützlich zu sein, unser Leben leicht und angenehm zu machen: das sind die Pflichten der Frau zu allen Zeiten“. Das gelehrte Frauenzimmer war verpönt wie später der Blaustrumpf. Frauen sollten nicht gelehrt, sondern in weiblichen Tugenden und Pflichten gebildet sein. Dem sollte auch das Lesen „guter Bücher“ dienen, die „den Verstand aufheitern und das Herz edler bilden“.

Na zum Glück hat sich diese Einstellung seither etwas gewandelt, aber zu meiner Zeit gab’s schon noch einige Paschas: „meine Frau nehm‘ ich erst seit der Zeit auf Dienstreisen mit, seit ich mir nicht mehr selber meine Schuhbandln binden kann“. Sagte mir ein sehr gefürchteter, hochrangiger Politiker in den späten 1970er Jahren. Von seiner Frau „tratschte“ man nach seinem Tod, dass sie jetzt erst aufgeblüht wäre.

Mein Mann und ich waren trotz dieser Warnungen dann fast 65 Jahre verheiratet:

Allerlei: Heutiges und Früheres

Gedanken an Lilo

Geht’s ihnen auch manchmal so? Plötzlich denken Sie öfter an jemanden, den/die Sie schon lange nicht gesehen haben, die/der vielleicht sogar schon vor einiger Zeit gestorben sind. Sie wissen nicht warum, und dennoch taucht diese Person immer wieder vor Ihrem inneren Auge auf.

So geht’s mir derzeit mit Lilo.  Sie war keine „echte gute Freundin“, sondern Ihr Mann war mit meinem Mann gut bekannt. Wir waren sehr oft bei Ihnen eingeladen, meist zum Essen. Es gab fast immer Wild – weil es sich um einen „Jagdhaushalt“ handelte. (Dabei mochten wir beide, mein jetzt leider verstorbener Mann und ich Reh oder Hirsch gar nicht so gerne, obwohl die Speisen immer köstlich zubereitet waren.) Manchmal waren wir auch zum Baden eingeladen, so vor dem Essen – es gab einen Swimming Pool im Garten. Auch ein Tennisplatz war vorhanden, aber wir waren keine Tennisspieler. Wir luden nicht allzu oft zurück, ich hatte keine Hilfe in der Küche. Aber das schien keine Rolle zu spielen, ich glaube mein Mann wurde aufgrund seines „Entertainment Values“ eingeladen, er konnte die damalige politische Situation erklären. Ich wurde dazu genommen – als Ehefrau (kein so großer Entertainment Value). Die Familie selbst war sehr konservativ, katholisch. Obwohl Lilo selbst sehr dezent protestantisch war. Man ging dennoch gemeinsam sonntags in die Kirche. Und da wurden dann spontan die Einladungen zum Aperitif oder zum schwarzen Kaffee ausgesprochen (aber darüber habe ich schon berichtet:  https://christachorherr.wordpress.com/2021/04/14/einladung-zum-schwarzen-kaffee/)

Man traf einander nicht nur in der Kirche, sondern auch beim Einkaufen. Dort wurde Lilo grundsätzlich nur als Frau Baronin angesprochen, was sie durch ihre Heirat auch war.  Aber sie war nicht, g’schupft, wie man manchmal über etwas überhebliche „Adelige“ sagte.

Lilo selbst hatte sehr viel Humor und war besonders schlagfertig, sie hatte auch eine spitze Zunge und konnte andere herrlich „ausrichten“. Sie war eine fesche, sehr lebenslustige Person, in Pernitz meist im Dirndl, bzw. „Jägerleinen“ oder Lederrock anzutreffen. Lilo war sehr selbstständig, hatte ihr eigenes Auto und war somit recht unabhängig von den Plänen ihrer Familie. Sie war etwas älter als ich und ich gebe zu, ich bewunderte sie sehr. Sie dürfte irgendwann ein Alkoholproblem gehabt haben, denn – obwohl in dem Hause viel Alkohol getrunken wurde – trank sie (in sehr dezenter Form) nur „Alkoholfreies“. Ich erinnere mich an relativ kleine Flascherln, die so aussahen, als ob sie Campari enthielten …

Wir trafen einander fast ausschließlich in Pernitz, sie besaßen ein richtiges gemütliches großes Jagdhaus, mit einem riesigen Garten, der direkt an den Wald grenzte. Fast jedes Schnitzler, oder sonstiges Jahrhundertwende Drama hätte hier gespielt werden können. An eine Einladung in die Wiener Wohnung – groß, vierter Bezirk, Gründerzeithaus – kann ich mich nur einmal erinnern.

Der Garten das war so ein Problem der Hausfrau, denn durch die Nähe zum Wald verirrten (?) sich immer wieder Tiere in den Garten, die alle liebevoll gepflegten Gemüse und Salatpflanzen plünderten, die Rosenstöcke abknabberten und auch sonst viel Unheil anrichteten. Zäune hinderten diese Viecher eher nicht, an ihre Ziele zu gelangen. Jedenfalls ist einmal so ein richtig großer Hirsch in den Swimmingpool gefallen.

Es gab drei Söhne in diesem Haushalt, der jüngste von ihnen war mit unserem Sohn befreundet. Später lernten wir die Schwiegertöchter kennen, und bald darauf auch die Enkelkinder.

Nach dem Tod ihres Mannes hielt Lilo den früheren Lebensstil aufrecht. Wir waren weiterhin bei ihr -und ihren Freunden eingeladen.  Aber dann war sie einmal in einen Autounfall auf der Autobahn verwickelt – ich glaube, es ist nicht viel passiert, aber ob ihres Alters (und vielleicht auch wegen ihres forschen Fahrstils) wurde ihr der Führerschein abgenommen. Und dann war es mit ihrer selbstständigen Mobilität vorbei. Sie war darauf angewiesen, dass sie eines ihrer Kinder oder Enkel nach Pernitz (mit-)nahm und das war halt dann nicht immer zu der Zeit, zu der sie es wollte. Sie zog sich dann gesellschaftlich ganz zurück, man telephonierte ab und zu – und das war’s dann.

Von ihrem Ablebenhabe ich erst sehr viel später erfahren, als ich einmal einen ihrer Söhne getroffen habe und ihn bat, seiner Mutter schöne Grüße auszurichten – aber die is doch schon längst tot, war die etwas erstaunte Antwort. Aber man hatte uns nicht verständigt.   Das war dann schon ein Schock für mich.

Und dann kam’s wie so oft: hätte sich sie doch noch zu ihren Lebzeiten öfter kontaktiert ….

Gedanken an Lilo

Helfen Demonstrationen (in autoritären Staaten)?

Am Beispiel von Hongkong, Belarus und Russland

Traurig sind viele von uns, wenn wir an die Demokratiebewegung in Hong Kong denken. Seit April 2019 gingen die Menschen in Hongkong auf die Straße, um für Demokratie zu protestieren. Massive Polizeigewalt der Behörden in Hongkong und Drohgebärden aus China konnten die Demonstrationen nicht eindämmen.

Mehr als 150 Jahre lang war Hongkong eine britische Kolonie – ein Teil davon, Hongkong Island, wurde nach einem Krieg 1842 an Großbritannien abgetreten. Später verpachtete China auch den Rest von Hongkong für 99 Jahre an die Briten, das nach Ablauf dieser 99 Jahre im Jahr 1997 wieder an China zurückfallen sollte.

Anfang der 1980er Jahre, als das Ende der 99-Jahre-Frist näher rückte, begannen Großbritannien und China Gespräche über die Zukunft Hongkongs. 1984 einigten sich die beiden Staaten auf den Grundsatz „Ein Land, zwei Systeme“. In der gemeinsamen chinesisch-britischen Erklärung legten sie fest, dass dieses Prinzip Hongkong für einen Zeitraum von 50 Jahren ein eigenes Rechts- und Wirtschaftssystem garantieren und die Freiheiten der Region schützen sollte. Dieser Grundsatz sollte die Basis legen für die Zeit nachdem die Volksrepublik China „die Ausübung der Souveränität über Hongkong mit Wirkung vom 1. Juli 1997 wiederaufnehmen würde“.

1997 richtete die chinesische Regierung die Sonderverwaltungsregion Hongkong der Volksrepublik China (HKSAR) ein und erließ mit dem Grundgesetz eine Art „Mini-Verfassung“ Hongkongs. Das Grundgesetz erweiterte den Grundsatz „ein Land, zwei Systeme“ weiter und legte fest, dass Hongkong „ein hohes Maß an Autonomie und exekutive, legislative und unabhängige Justizgewalt“ genießen sollte.

Das Grundgesetz sieht vor, dass die Sonderverwaltungsregion Hongkong die Rechte und Freiheiten der Bewohner und Bewohnerinnen Hongkongs zu schützen hat. Dazu zählen: freie Meinungsäußerungsfreiheit, Pressefreiheit, Vereinigungs-, Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit, das Recht und die Freiheit, Gewerkschaften zu gründen und ihnen beizutreten, sowie die Freiheit, sich an akademischer Forschung, literarischem und künstlerischem Schaffen und anderen kulturellen Aktivitäten zu beteiligen.

Beim Hongkong-Protest ging es längst nicht mehr nur um die inzwischen zurückgenommene Gesetzesänderung. Trotz Verhaftungen, Tränengas, Pfefferspray, Gummigeschossen und Todesopfern protestierten die Menschen Tag für Tag im Kampf um ihre Rechte und Freiheiten.

Und jetzt: ein neues Sicherheitsgesetzes ist vor 2020 in Kraft getreten.  Seither werden in Hongkong immer wieder Oppositionelle festgenommen. Die von Peking diktierte neue Wahlordnung reduziert Demokratie auf ein Minimum. „Ein Land, zwei Systeme“ wird schrittweise ausgehöhlt. Im Jänner 2021 kam es zu der bisher größten Festnahmeaktion, Vorwurf der Regierung: staatsgefährdende Subversion.

Im Westen werden Erklärungen dazu abgegeben.

Und was ist aus den Demonstrationen gegen Lukaschenko in Weißrussland geworden? Die Proteste in Weißrussland 2020 waren die größten Massendemonstrationen seit Ausrufung der Republik Belarus im Jahr 1991. Die meisten Proteste richten sich gegen die Politik und Präsidentschaft von Aljaksandr Lukaschenka, der das Land seit 26 Jahren diktatorisch regiert; es kam aber auch zu staatlich organisierten Unterstützungskundgebungen für Lukaschenka.

Anlass für die Proteste war insbesondere die Präsidentschaftswahl 2020, die am 9. August 2020 endete und die international weitgehend als Scheinwahl gilt, weil relevante Gegenkandidaten festgenommen wurden und Wahlmanipulationen nachgewiesen werden konnten. Die Unterstützung des russischen Präsidenten Wladimir Putin auf dem Höhepunkt der Proteste half Aljaksandr Lukaschenka sich festzuhalten, und nach einer kurzen Pause starteten die Sicherheitskräfte eine aggressive Kampagne, um seine Gegner einzuschüchtern. Trotzdem wurde nach dem Wahlkampf kein einziges Strafverfahren gegen die Gesetzlosigkeit der Sicherheitskräfte eröffnet. Jetzt kommt es neuerlich zu Protesten: begleitet von einem großen Polizeiaufgebot hat es in Belarus vereinzelt neue Proteste gegen Machthaber Alexander Lukaschenka gegeben. Dabei gingen Sicherheitskräfte bei Festnahmen teilweise brutal vor. …

Hier handelt es sich um ein europäisches Land, und es werden im Westen wiederum Erklärungen abgegeben!

Und in Russland selbst? In Russland haben Tausende Menschen für eine Freilassung des Oppositionsführers Alexej Nawalny (weil sich der Gesundheitszustand des 44-Jährigen im Straflager massiv verschlechtert haben soll) demonstriert. Sie forderten auch den Rücktritt von Präsident Putin. Während dieser Proteste hat es in Russland zahlreiche Festnahmen gegeben. Diese Zahlen steigen stetig. Darunter sind auch Inhaftierte in mehreren sibirischen Städten, wo die Menschen aufgrund der Zeitverschiebung schon Stunden früher auf die Straßen gingen als etwa in der Hauptstadt Moskau. Der russische Präsident hatte kurz zuvor in Moskau seine Rede zur Lage der Nation gehalten, in der er unter anderem den Westen vor Überschreiten einer „roten Linie“ (wobei er den Verlauf dieser nicht definierte) warnte.

Auch bei uns werden Stimmen für die Entlassung Nawalnys erhoben …

UND?

Helfen Demonstrationen (in autoritären Staaten)?

Klassische Musik und White Supremacy

Ergänzung, aber auch Relativierung

Gestern habe ich über „Weg mit der westlichen Zivilisation“  (https://christachorherr.wordpress.com/2021/04/22/weg-mit-der-westlichen-zivilisation/) über die Einstellung zur klassischen Antike an US Universitäten geschrieben. Daraufhin wurde ich aufmerksam gemacht, dass auch andere uns sehr lieb gewordenen Ikonen angegriffen werden. Ist die westliche Kunstmusik (klassische Musik) kolonialistisch, wird gefragt. Die Oxford Universität wird künftig weniger klassische Musik, dafür mehr diversere Musikformen zu behandeln. Als Grund hierfür wird angegeben, dass die Notation, auf der die westliche Kunstmusik basiert, von einigen Professoren als „kolonialistisch“ gebrandmarkt werde. In dem Lehrplan werde „Komplizenschaft mit weißer Vorherrschaft“ (white supremacy) gesehen. Sollte man weiterhin komponierte Musik lehren, die „ihre Verbindung zur kolonialistischen Vergangenheit nicht abgelegt habe“, wäre das ein „Schlag ins Gesicht“ für manche Studenten. Künftig solle mehr Wert auf andere Musikformen wie HipHop, Jazz sowie „nicht-eurozentrische Themen“ gelegt werden. Dennoch werde weiterhin kritische Analyse und die Geschichte in westlicher Kunstmusik gelehrt werden. Gleichzeitig bemüht sich die Universität aber um Wege, den Studenten eine größere Bandbreite an nicht-westlichen Kulturen und populärer Musik aus aller Welt anzubieten, als dies bisher geschehen sei.

Es wird darauf hingewiesen, dass z.B. Ludwig van Beethoven  sich für Exotismen, für andere Kulturen als die ihm vertraute europäische und deren Repräsentation in der Kunst interessierte. Finden sich in Beethovens „Ruinen von Athen“ mehr als nur orientalische Exotismen?

Es wird postuliert, dass Musik dazu beigetragen hat, systemische Gewalt zu rechtfertigen.

Allerdings wird später verlautbart, dass die Universität Oxford ihren musikalischen Lehrplan mit Angeboten zu nicht-westlicher und populärer Musik ERWEITERN will. Eine Reduktion des Curriculums bei westlicher Kunstmusik mit Vertretern wie Beethoven oder Mozart sein nicht vorgesehen.

Klassische Musik und White Supremacy

„Weg mit der westlichen Zivilisation“

Jetzt bin ich wirklich erbittert. Zum Glück spielt sich das (vorläufig) noch in den USA ab. Aber meist dauert es dann nicht mehr lange, bis es in Europa übernommen wird. Warum geht es? An den Universitäten der USA droht die Auflösung des Studiums der klassischen Antike, denn, diese sei die Grundlage für den westlichen Kolonialismus und Rassismus.

Was war die Aufgabe dieses Faches „Altertumswissenschaft“? Wissen über alte menschliche Kulturen zu vermitteln, die griechische und römische Welt ebenso wie Ägypten, Judäa und den Nahen Osten. Und wie später afrikanische, europäische und amerikanische Traditionen diese alten Kulturen verstanden. Nun wird die Fakultät für Altertumswissenschaften mit dem Studium der „klassischen“, also griechischen und römischen Antike einfach aufgelöst. Ihre Fächer werden auf andere verteilt.  

Dies fand an einer privaten Universität in Washington D.C. statt, eine Einrichtung unter den historisch afroamerikanischen Colleges und Hochschulen, die ursprünglich der Ausbildung von Afroamerikanern dienten. Als einzige unter diesen Universitäten hatte die Howard University eine Abteilung für Altertumswissenschaften – und zwar schon seit 1867. Diese wird aufgrund von Forderungen und Vorwürfen geschlossen, die seit 2019 gegen die „Classical Studies“ erhoben werden. Den Classical Studies wird vorgeworfen, zutiefst von kolonialem Denken verseucht zu sein. Die griechisch-römische Welt sei der Gründungsmythos für das Überlegenheitsgefühl, Herrschaftsdenken und den Rassismus der westlichen Zivilisation, entscheidend für die Konstruktion von „Whiteness“.

Kritische Weißseinsforschung (engl. Critical Whiteness Studies) ist ein transdisziplinäres Studienfeld und beschreibt kulturelle, historische und soziologische Aspekte von Menschen, die sich unter Verweis auf ihre Hautfarbe als weiß identifizieren. Ebenso geht es um die soziale Konstruktion von Weißsein als Statuszeiger. Anders als die klassische Rassismusforschung legt die kritische Weißseinsforschung somit den Fokus nicht primär auf die Erfahrungen von Menschen, die rassistische Diskriminierung erfahren. In Extremfällen wie der White Supremacy untersucht die Weißseinsforschung Konstrukte, die Rassismus rechtfertigen oder begünstigen. Ab 2005 hat das Konzept Eingang in wissenschaftliche Arbeiten im deutschen Sprachraum gefunden. Der daraus entstandene Begriff „Critical Whiteness“ ist keine einheitliche Theorie – verschiedene Gruppen, Autoren und Aktivisten benutzen ihn in unterschiedlicher Art und Weise.

Daher muss dieser Studienzweig völlig umgeändert werden oder im äußersten Fall, wie es einige wünschen, völlig abgeschafft werden.

Der Verfechter dieser Idee ist Dan-el Padilla Peralta (* 1984 in Santo Domingo), er  ist ein US-amerikanischer Klassischer Philologe und Althistoriker, der zur Römischen Republik und zum frühen Kaiserreich forscht. Daneben befasst er sich mit der Klassikrezeption in der US-amerikanischen und lateinamerikanischen Kultur. Er stammt aus einer armen Familie in der Dominikanischen Republik und gilt heute als einer der besten Altphilologen seiner Generation. Er lehrt in Princeton. Diese Gedanken brachte er bei einem jährlichen Treffender Society for Classical Studies in Gang. Er warf dort dieser Disziplin eine bis in den innersten Kreis rassistische Identifikation mit der “weißen“ Kultur vor.

Aber es gibt auch Gegner dieser These, selbst in Princeton.

Da wird der wohl einflussreichste Afroamerikaner des 19. Jahrhunderts Frederic Douglass zitiert: geboren 1817 oder 1818; gestorben 20. Februar 1895; ehemaliger Sklave und späterer Abolitionist und Schriftsteller. Er studierte Sokrates, Cato und Cicero.  Aber auch die Leitfigur der Afroamerikaner des 20. Jahrhunderts war fasziniert von den Schriften antiker Autoren.

Kritik kommt auch von Cornel Ronald West (* 1953), er ist einer der führenden Intellektuellen afroamerikanischer Herkunft. Seit 2012 ist West Professor Emeritus für Theologie und afroamerikanische Studien an der Universität Princeton und seit 2017 Professor of the Practice of Public Philosophy an der Harvard University. Er sieht in der Attacke auf das Studium der klassischen Antike „einen spirituellen Verfall und moralischen Niedergang, eine tiefe intellektuelle Engstirnigkeit, die in der amerikanischen Kultur Amok läuft“.

Aber für Padilla muss die westliche Zivilisation fallen – und damit auch die Wertschätzung unserer Vergangenheit.

Meine recht unmaßgebliche Meinung dazu: ich sehe keine „Superiorität von Weißen“ (Römer und Griechen sahen sich doch nicht als „weiß“). Für mich waren und sind die z.B. homerischen Helden Prototypen, die man heute weltweit immer wieder sieht, der schlaue, trickreiche Odysseus, der reizbare „Kraftlackel“ Achill, die getreue Penelope … Und da der griechisch-römische Raum auch Nordafrika umfasste, werden wohl alle Heldin nicht so weiß gewesen sein, wie ihre Marmorstauen (die damals sowohl bemalt gewesen sind) das heute darstellen.

Wir alle, meine Kinder, meine Enkel sind z.B. mit den Sagen des Klassischen Altertums aufgewachsen. Aber ich werde mit den „Größeren“ dieses Thema diskutieren, denn das Denken in Kategorien der White Superiority/Supremacy werfen sie mir ja allemal vor.

Ich werde berichten!

„Weg mit der westlichen Zivilisation“

Eine Empfehlung: besuchen Sie den Donaupark

Ich muss ein Geständnis machen! Ich war bisher noch nie im Donaupark gewesen (obwohl nur 4 km von der Stadt entfernt). Man fährt nicht zum Vergnügen auf die andere Seite der Donau.

Aber gestern war so ein Tag, sonnig, warm – aber nicht heiß oder schwül, nur ein bisserl windig. Und die Tage sind schon lang, man kann auch noch etwas unternehmen, wenn es schon später am Nachmittag ist. Ich habe mir einen Plan des Parkes angeschaut, groß ist er, 604.000 m² umfasst er. Ich bin mit der U-Bahn (U1) hingefahren, Station Kaisermühlen (vielen von uns jetzt vom Testen und Impfen bekannt) und durch die „Hochhausschluchten“ zum Parkeingang gegangen. Unterwegs ist mir ein komisches Vehikel untergekommen: ein Lastenrad, aber statt der „Box“ war auf einer Plattform ein Rollstuhl montiert. Ich glaube, meinem Mann – der ja lange einen Rollstuhl benutzen musste, hätte das gefallen (mir weniger, ich fahre nicht gerne Rad).

Als ich den Park betreten habe, war ich vorerst einmal positiv überrascht, eine sehr gefällig gegliederte Parklandschaft, in der es fröhlich grünt und blüht. Ein bewusst „gewellter“ Weg, ganz beim Eingang hat mich schon etwas irritiert. Der Baumbestand ist auch schon ein „alter“, immerhin besteht der Park seit 1964.  Die Gegend hat Geschichte: Zwischen 1871 und 1945 bestand hier der Schießplatz Kagran für Schießübungen des Militärs; er nahm einen großen Bereich des heutigen Donauparks ein. Dass die Gegend während der NS Zeit für zahlreiche Hinrichtungen diente, daran erinnert eine Gedenktafel, an der ich aber nicht vorbeigekommen bin.

Von 1880 bis 1964 wurden weite Teile des Gebietes des heutigen Donauparks als Mülldeponie genutzt. Zuerst lagerte das Gaswerk Zwischenbrücken Koks auf dem Bruckhaufen, ab 1892 brachten auch private Transportgesellschaften Müll auf das Gelände. Sogenannte Banlstierer (Knochensammler) und Koksstierer durchsuchten ihn nach wiederverwertbaren Abfällen. 1923 wurde die Müllentsorgung von der Stadtverwaltung neu organisiert. An einer Rampe wurde der Müll auf Loren umgeladen, die ihn über ein ausgedehntes Gleisnetz auf dem Bruckhaufen verteilten. Die Müllverwertung wurde nun von eigenen Pächtern vorgenommen, bevor der Müll von Straßenwalzen verdichtet wurde. Die Deponie kam wiederholt an die Grenzen ihrer Kapazität und musste vergrößert werden. Im April 1958 informierte Bürgermeister Franz Jonas die Bevölkerung, dass die Stadt von Mülldeponierung auf Müllverbrennung umsteigen werde.

Daneben bestanden noch die im frühen 20. Jahrhundert illegal auf Pachtflächen für Schrebergärten errichteten Siedlungen, Bruckhaufen und Bretteldorf. Das ehemalige Augebiet, in dem teilweise Sand abgebaut wurden, lag bis zu acht Meter tiefer als das umliegende Gelände und wurde bei Hochwasser regelmäßig durch den ansteigenden Grundwasserspiegel überflutet. Die trotz Bauverbots dort errichteten, anfangs einfachen Hütten wurden allmählich durch robustere Bauten ersetzt. 1925 wurden ein Baustopp und Abriss unfertiger Gebäude im Gegenzug für eine infrastrukturelle Aufwertung der Siedlung gefordert.  Dem widersetzten sich verständlicherweise die Siedler. Nach dem so genannten Bretteldorf-Krieg wurde durch eine Änderung im Flächenwidmungsplan 1929 die Siedlung Bruckhaufen legalisiert, nicht aber das Bretteldorf. 1935 kaufte die Gemeinde Wien das Gelände, auf dem sich die Siedlung befand, vom Stift Klosterneuburg. Zu diesem Zeitpunkt lebten dort in 374 Gebäuden etwa 1000 Menschen. Bis 1963 wurden auch die letzten Siedlerfamilien abgesiedelt.

Die Stadt Wien beschloss in Verbindung mit einer Internationalen Gartenschau die Errichtung der Parkanlage. Am 16. April 1964 wurde der Donaupark gemeinsam mit dem Donauturm anlässlich der Wiener Internationalen Gartenschau (WIG 64) eröffnet. Ein bis in die 1980er Jahre betriebener Sessellift und eine Schmalspurbahn dienten damals der Beförderung der Ausstellungsbesucher.

1983 feierte Papst Johannes Paul II. anlässlich des Katholikentages auf einem nahe dem Donauturm gelegenen, rund 20 ha großen, später Papstwiese genannten Teil des Donauparks eine heilige Messe.

Ich spazierte fasziniert – und lang – durch diesen Park.  Der Donauturm, Corona-bedingt gesperrt erinnerte mich an ein Ballon-Unglück: in Gasballon prallte gegen den Donauturm, die Hülle wurde von Eisenstäben aufgeschlitzt, der Ballon stürzt zu Boden, drei Menschen starben. (Einen davon hatte mein Mann gut gekannt). Vieles kann man im Südamerika-Teil des Parks lernen, dort finden sich alle die Freiheitshelden, einschließlich Che Guevara (meinen zwischenzeitlich leider verstorbenen Mann hat es sehr geärgert, dass die Stadt Wien gerade ihm ein Denkmal errichtet hat).

Ich bin entlang des Irissees gewandert, und habe ihn mittels einer Brücke überquert, er ist 1993 renaturiert worden. Durch ihn fließt nun das geförderte und mit Sauerstoff angereicherte Grundwasser.

Er ist nicht überfüllt, der Park, aber er wird von vielen genossen, Familien mit Kindern, Radfahrern, Skateboardern, Tennis- und Ping-Pong-Spielern, Photographen. Man kann in Wiesen lagern oder auf Bankerln sitzen – sehr erholsam. Ich habe bei weitem nicht den ganzen Park ergründen können, aber das, was ich gesehen hat mich interessiert und hat mir teilweise auch sehr gut gefallen, z.B. das Leherb-Mosaik.  

Ich werde den Park wieder besuchen, vielleicht fährt dann schon wieder die Bahn und man kann sich auch sogar wieder irgendwo hinsetzen und etwas essen oder trinken, ohne es mitgebracht zu haben.

Eine Empfehlung: besuchen Sie den Donaupark

Du armes Afghanistan

Abzug der ISAF Truppen am 11. September 2021

Afghanistan ist weit, weit weg von uns. Wirklich?  Aber die zweitstärkste Gruppe von Menschen die Asylanträge in Österreich stellen war z.B. 2020 die Afghanen (nach den Syrern). Und auch Bundesheer war immerhin auch in diesem Krieg in Afghanistan unter dem Mandat der ISAF (Internationale Sicherheitsunterstützungstruppe) vertreten. Am 8. Januar 2002 beschloss die Bundesregierung die Teilnahme von maximal 75 österreichischen Soldaten am ISAF-Einsatz in Afghanistan mit dem Auftrag der Unterstützung der Logistik der deutschen Bundeswehr in Kabul. Im Sommer 2014 waren nur noch 3 Soldaten der in Kabul zur Unterstützung der afghanischen Übergangsverwaltung und im Rahmen der NATO-Partnerschaft für den Frieden im Einsatz. Somit scheint es, dass wir Österreicher nicht sehr durch den Truppenabzug der NATO (primär USA) aus Afghanistan sind.

Warum ist es in diesem so lange Krieg (20 Jahre) in Afghanistan, dem War on Terror, eigentlich gegangen? Um die Jagd nach Bin Laden – wir erinnern uns nach an die Kämpfe um die Höhlen von Tora Bora. Dort wurde Bin Laden jedenfalls nicht gefunden, sondern viel später in Pakistan, in Abbottabad. Und dann ging es um die Zerschlagung der totalitären islamistischen Terrormilizen, um das Besiegen der verschiedenen Warlords. Aber Talibanfürsten paktieren weiter mit al-Qaida, und die zugezogene Konkurrenz vom Islamischen Staat (IS) wetteifert mit den eingesessenen Jihadisten um territoriale Kontrolle.

Man sagte uns, dass die Bekämpfung der Terroristen in ihren Herkunftsländern sie von Attentaten bei uns abhalte. Je stärker dort der militärische Druck des Westens, desto sicherer sei das Leben in der Heimat. Unsere Sicherheit hier werde auch am Hindukusch verteidigt.

Es war ein schwieriger Krieg. Töte man zwei von zehn Taliban, dann habe man es hinterher nicht mit acht, sondern mit zwanzig Kämpfern zu tun, weil Brüder, Clanmitglieder und Stammesangehörige Rache nehmen und die Ungläubigen bestrafen wollten. Die Taliban sind eine deobandisch-islamistische Terrorgruppe, die von September 1996 bis Oktober 2001 große Teile Afghanistans beherrscht hatte. Der Name stammt von talib (Schüler, Suchender). Diplomatisch wurde das im Krieg zertrümmerte Islamische Emirat Afghanistan der Taliban nur von Pakistan, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten anerkannt.

Die Taliban-Bewegung hat ihre Ursprünge in religiösen Schulen für afghanische Flüchtlinge in Pakistan. Die Ideologie basiert auf einer extremen Form des Deobandismus und ist zudem stark vom paschtunischen Rechts- und Ehrenkodex, dem Paschtunwali, geprägt.

Die Taliban traten erstmals im Jahr 1994 in der südlichen Stadt Kandahar in Erscheinung. Sie belagerten und beschossen zwei Jahre lang die Hauptstadt Kabul, nahmen sie im September 1996 ein und errichteten das Islamische Emirat Afghanistan. Im Oktober 2001 wurde ihre Regierung durch Truppen der afghanischen Vereinten Front in Zusammenarbeit mit amerikanischen und britischen Spezialeinheiten während der US-geführten Intervention in Afghanistan gestürzt. Ihre Führer konnten sich durch einen Rückzug nach Pakistan halten. Seit 2003 führen die Taliban ausgehend von Pakistan eine terroristisch-militärische Kampagne gegen die demokratische Islamische Republik Afghanistan und die internationalen Truppen der ISAF. Hierbei verüben die Taliban mehr als doppelt so häufig gezielte Anschläge gegen die afghanische Zivilbevölkerung wie gegen die afghanischen oder internationalen Truppen. Menschenrechtsorganisationen haben den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag dazu veranlasst, eine vorläufige Untersuchung gegen die Taliban wegen systematischer Kriegsverbrechen durchzuführen.

Während der Regierungszeit der Taliban wurde das System durch die Unterdrückung von Frauen weltweit bekannt. Das erklärte Ziel der Taliban war es, ein „sicheres Umfeld für die Frau zu schaffen, in der ihre Keuschheit und Würde wieder unantastbar ist“. Frauen wurden gezwungen, in der Öffentlichkeit die Burka zu tragen, weil, wie ein Sprecher der Taliban es ausdrückte, „das Gesicht der Frau eine Quelle der Korruption für die mit ihr nicht verwandten Männer ist“. Es wurde Frauen verboten zu arbeiten, und sie durften ab einem Alter von acht Jahren nicht mehr unterrichtet werden. Scheinbar und gemäß Aussagen eines Taliban-Pressesprechers im Jahr 2019 gibt es eine Einsicht, dass mindestens in medizinischen Berufen Frauen unabdingbar sind.

Erregt hat uns auch, dass die Taliban gezielt kulturelle Zeugnisse zerstört haben, die sie als unislamisch werteten. Dazu gehörten die von der UNESCO als Weltkulturerbe aufgeführten Buddha-Statuen von Bamiyan sowie buddhistische Ausstellungsstücke des Museums in Kabul.

Nur am Rande muss erwähnt werden, dass die Taliban auch Menschen- sowie Drogenhandel betrieben.

Und nachdem die IFAR Truppen die Taliban weitgehend besiegt hatten, versuchen die Kämpfer der Taliban seit 2015 versuchen in Afghanistan Regionen zu erobern. Bereits im Sommer 2016 standen bis zu einem Drittel Afghanistans nicht mehr unter Kontrolle der Regierung.

Seit Beginn der intra-afghanischen Friedensgespräche in Qatar haben die Extremisten nicht ein einziges Zugeständnis an die Delegation der afghanischen Regierung gemacht. Versprechen, die Rechte von Frauen zu wahren oder die Verbindungen zu al-Qaida zu kappen, sind reine Lippenbekenntnisse. Den Abzug amerikanischer Truppen aus Afghanistan, den Donald Trump in einem Separatfrieden mit den Taliban bereits vereinbart hatte, den will nun auch Biden. Stichtag ist der 11. September, der 20. Jahrestag der islamistischen Angriffe auf Pentagon und World Trade Center.

Dieser bedingungslose Abzug ist eine Fehlentscheidung, für die aber vor allem die Afghanen büßen werden. Jetzt richtet sich die Terrorkampagne gegen Journalisten, Beamte, Lehrer, Wissenschaftler, Richter und zivilgesellschaftliche Aktivisten. Insbesondere nehmen die Extremisten jetzt Frauen ins Visier, jene Afghanen, auf die das Ausland seine Hoffnung setzt; junge Leute, gebildet und progressiv, die eine Zivilgesellschaft und damit die Hoffnung auf eine bessere Zukunft begründet wollen.  

Zwanzig Jahre Blutvergießen und Milliarden Dollar Entwicklungshilfe haben Afghanistan nicht befriedet, haben dort kein stabiles politisches System, keine gute staatliche Verwaltung, schon gar keine verteidigungsfähigen Sicherheitskräfte begründet.

Doch auf die Afghanen und ihr unglückseliges Land wartet nun ein neuer Albtraum.

Du armes Afghanistan