Erinnerungen anlässlich der Maiandacht.

Als Kind nahm mich meine Mutter in die Maiandacht mit. Darüber habe ich damals nicht viel nachgedacht, sondern bin einfach mitgegangen, diese Maiandachten fanden in der Votiv-Kirche (unsere damalige Pfarrkirche) statt, die eigentlich im Inneren keine sehr heimelige Kirche ist.

In der Tradition der römisch-katholischen Kirche ist der Monat Mai als Marienmonat seit der Barockzeit in besonderer Form von marianischer Frömmigkeit und diesbezüglichem Brauchtum im kirchlichen und privaten Bereich geprägt. Die Verehrung Mariens als Jungfrau und Gottesmutter in Gottesdiensten der Marienfeste im Mai und in speziellen wortgottesdienstlichen Maiandachten bilden dabei die feierlichen Höhepunkte. Hierbei können die Maiandachten als öffentliche Gottesdienste oder im privaten Bereich stattfinden. Für die Andacht wird ein Marienbildnis oder eine Marienstatue mit Blumen besonders geschmückt. Historisch reicht die Feier des Maimonats in Europa in die Mythologie der vorchristlichen Zeit zurück. Der Mai ist nach der römischen Fruchtbarkeitsgöttin Maia benannt. Diese wurde auch mit den Fruchtbarkeitsgöttinnen „Bona Dea“ und „Terra“ gleichgesetzt. Ein Entstehungsmotiv der Maiandacht ist in der mittelalterlichen Kreuzesfrömmigkeit im Frühling zu sehen. Die marianischen Maiandachten hatten ihren Ursprung 1784 in Ferrara in der Kirche der Kamillianer, wo öffentlich den ganzen Monat hindurch Marienandachten abgehalten wurden. Die Hochphase der Maiandachten fällt in die Zeit des sogenannten „Marianischen Jahrhunderts“ zwischen 1850 und 1950, der Zeit zwischen der Verkündigung der beiden Mariendogmen von der unbefleckten Empfängnis Mariens (1854) und der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel (1950). Aktuell habe die Maiandacht nach der Umbruchsphase des Zweiten Vatikanischen Konzils in der Frömmigkeit der katholischen Bevölkerung sowie in der kirchlichen Kunst kaum noch eine besondere Bedeutung.

Heute noch wundert mich, dass wir damals die Maiandachten besuchten, denn ich weiß, dass meine Mutter keineswegs kirchenaffin war.  Das war sie wohl ob ihrer schwierigen Kindheit. Sie hatte zwar 5 Geschwister, aber diese waren nach dem sehr frühen Tod (Tuberkulose) ihrer Mutter bei einer Tante in Pernitz geblieben. Sie war als einziges Kind beim Vater (Maurerpolier) im Wien/Ottakring/Habichergasse geblieben. Sie musste ihm wohl den Haushalt führen. Aber der Vater war nicht lange allein geblieben und so kam eine Stiefmutter ins Haus. Und diese Stiefmutter behandelte meine Mutter schlecht. Meine Mutter hungerte (allerdings war dies auch Zeit und Nachkriegszeit des Ersten Weltkriegs), sie musste im Vorzimmer (mit Gangfenster) schlafen wo es nur die Beleuchtung, die eventuell vom Gang hereinkam, gab.

In den Ferien wurde meine Mutter nicht etwa zu ihren eigenen Verwandten geschickt, sondern zu jenen der Stiefmutter – in Oberschützen im Burgenland. Dort musste sie, die wohl sehr zart war, in den Backofen kriechen, um das gebackene Brot herauszuholen. Und welches Kind würde sich – in Kenntnis all der Märchen Backöfen betreffend – nicht fürchten, in so ein Ding zu kriechen.

Aber das war’s nicht, was ihre Abneigung gegen Priester begründet hatte. In ihrer damaligen Schule wurde vom Pfarrer, der dort Religion unterrichtete, das Thema des Sonntagsevangeliums abgefragt, um festzustellen, ob die Kinder auch brav die Sonntagsmesse besucht hatten. Die Stiefmutter war evangelisch, mein Großvater verlangte wohl eher von seiner Tochter, dass sie der Stiefmutter im Haushalt helfen sollte, daher war meine damals wahrscheinlich verschüchterte Mutter nicht in der Lage am Sonntag in die Kirche zu gehen. Der dort unterrichtende Pfarrer jedoch bestrafte Kinder, die nicht die Sonntagsmesse besucht hatten, er zog sie an den Ohren, blamierte sie vor der ganzen Klasse und verwendete zuweilen auch das Rohrstaberl.

Ich glaube, dass meine Mutter sehr wohl an Gott glaubte, besonders aber an die hilfreiche gnadenreiche Maria. Daher besuchte sie regelmäßig die Maiandacht, nicht aber sonstige Messen. Selbst auf dem Sterbebett kommunizierte sie nicht mit dem vom mir angeschleppten besonders freundlichen Priester. Vielleicht kam auch die in ihrer Generation unter den Sozialisten übliche Religionsablehnung und Kirchenfeindlichkeit dazu. Ich kann mich gut erinnern, wie meine Mutter über Prälat Seipel sprach. Ignaz Seipel (* 19. Juli 1876 in Wien; † 2. August 1932 in Pernitz) war österreichischer Prälat, katholischer Theologe und Politiker der Christlichsozialen Partei. Von 1921 bis 1930 war Seipel deren Parteiobmann, löste die erste Koalition mit den Sozialdemokraten auf und amtierte zweimal als Bundeskanzler (1922–1924 und 1926–1929). In Seipels Amtszeiten fielen einerseits die Sanierung der Staatsfinanzen und die Bundesverfassungsnovelle 1929, andererseits bekämpfte er besonders in seiner zweiten Amtszeit die Sozialdemokratische Arbeiterpartei sowie den Austromarxismus und unterstützte die Militarisierung von paramilitärischen Milizen wie der Heimwehr. Bei der heftigen Ablehnung durch meine Mutter half auch die Tatsache nicht, dass Seipel in Pernitz, besser gesagt im Erholungsheim in Feichtenbach gestorben war (Dieses Erholungsheim war in der Nazizeit dem „Lebensbornkonzept“ gewidmet).

Auch für den Ständestaat hatte meine Mutter gar nichts übrig. Die Heimwehr bezeichnete sie als „Hahnenschwanzler“.

Und dennoch besuchten wir regelmäßig die Maiandacht in der Votivkirche.  

Erinnerungen anlässlich der Maiandacht.

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