Ein Vorschlag: den Umfang des Gedenktages gegen Gewalt und Rassismus etwas zu erweitern

Gestern, 5. Mai war also der Gedenktag gegen Gewalt und Rassismus. Er wird seit 1998 alljährlich am 5. Mai begangen und erinnert synonym an die nach der deutschen Okkupation zwischen dem 12. März 1938 und Frühjahr 1945 der auch von österreichischen Nationalsozialisten begangenen Gräueltaten. Konkret bezieht sich das Datum auf die Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen.

Es wurde würdig gedacht – wie immer. Auch unser Herr Innenminister hat einen Kranz niedergelegt. Es wurde versprochen, nicht auf die Nebenlager von Mauthausen (z.B. Gusen) in Zukunft zu vergessen.

Der Gedenktag ist Ausdruck eines seit den 1990er Jahren geänderten Geschichtsbewusstseins in Österreich, nachdem an die Stelle der sogenannten „Opfer-These“ die „Mittäter-These“ getreten war. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Mai 1945 herrschte lange Zeit die Vorstellung, dass Österreich „das erste Opfer des Nationalsozialismus“ gewesen sei und dass es daher keine Mitverantwortung für die Verbrechen der Nationalsozialisten trage. Die Erinnerung an den Nationalsozialismus war zumeist nur geprägt von der „Erinnerung an das Leid der Soldaten und an das durch Krieg und Not bestimmte Elend der Zivilbevölkerung“; für die „Erinnerung an die Opfer von rassistischer, menschenverachtender und faschistischer Verfolgung“ war dabei nur selten Platz.

Nun, das hat sich ja sehr geändert.

Aber ich denke auch an die vielen jungen Menschen in Österreich, für die diese Ereignisse schon ziemlich in „grauer Vorzeit“ liegen, also Geschichte sind.

Gewalt und Rassismus gibt es aber auch im Heute und weltweit. Das umfasst selbstverständlich den Antisemitismus, aber doch nicht nur diesen. Sollte an diesem Tag nicht auch anderer Opfer, geschädigt durch andere Täter, gedacht werden? Ja, wir leben in Österreich, der Terroropfer in anderen Ländern sollen die Menschen dort gedenken, dennoch allein z.B. die Getöteten in der Charlie Hebdo Redaktion fallen mir spontan ein, oder auch jene der sogenannten 9/11 Ereignisse.

Und warum konzentriert man sich in Österreich ausschließlich auf Antisemitismus? Gibt es nicht auch z.B.Antiislamismus, den sehr viele hier Lebende erleiden müssen.

Auch in Österreich gibt es Terroropfer, und nicht nur aus 2020. Die Angehörigen dieser hätten es sicherlich als Genugtuung empfunden, wenn man an diesem Tag auch ihrer Toten gedacht hätte.

Aber wir sollten auch nicht vergessen, dass es in Österreich schon früher Terroranschläge und Opfer von Gewalt und Rassismus gegeben hat:

  • 24. Mai 2009: Bei einem Anschlag fundamentalistischer Sikhs auf einen Tempel in Wien-Rudolfsheim wird ein aus Indien angereister Guru getötet, neun weitere Personen werden teils schwer verletzt.
  • 13. Jänner 2009: Umar Israilow, ein nach Österreich geflohener Bodyguard des Tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow, wird in Wien-Floridsdorf auf offener Straße erschossen. Der mutmaßliche Todesschütze kann nach Russland fliehen, drei Komplizen erhalten langjährige Haftstrafen.
  • 11. April 1995: Bei einem misslungenen Anschlag auf einen Starkstrommasten in Ebergassing bei Wien sterben die beiden mutmaßlich linksradikalen Attentäter Gregor Thaler und Peter Konicek.
  • 4. Februar 1995: Eine vom Rechtsradikalen Franz Fuchs gelegte Rohrbombe tötet in Oberwart vier Roma. Josef Simon, Peter Sarközi, Karl Horvath und Erwin Horvath sind damit die Opfer des bisher folgenschwersten innenpolitisch motivierten Attentats in Österreich. Fuchs, Urheber weiterer Rohr- und Briefbomben mit zahlreichen Schwerverletzten, wird 1997 gefasst und begeht 2000 in Haft Selbstmord.
  • 13. Juli 1989: Iranische Agenten erschießen in einer Wiener Privatwohnung drei hochrangige kurdische Politiker, darunter den österreichischen Staatsbürger Fadel Rasoul. Die Täter können in der iranischen Botschaft untertauchen und dürfen nach Interventionen aus Teheran unbehelligt ausreisen – einer wird sogar unter Polizeischutz zum Flughafen Schwechat gebracht.
  • 27. Dezember 1985: Bei einem Anschlag der palästinensischen Abu Nidal-Gruppe auf den Schalter der israelischen Fluglinie El Al am Flughafen Wien sterben drei Passagiere und ein Attentäter, 38 Personen werden verletzt. Bei einem zeitgleichen Anschlag in Rom gibt es 16 Tote.
  • 19. November 1984: Der türkische Diplomat Enver Ergun wird am Wiener Schottenring in seinem Auto erschossen. Der Täter kann fliehen. Zum Anschlag bekennen sich armenische Extremisten. Bereits am 20. Juni war ein weiterer türkischer Diplomat Opfer eines Anschlags geworden.
  • 29. August 1981: Ein palästinensisches Terrorkommando überfällt die Synagoge in der Wiener Seitenstettengasse. Der Pensionist Nathan Fried und die 25-jährige Ulrike Kohut werden getötet, zahlreiche Menschen verletzt. Polizei und der zufällig anwesende Leibwächter des Industriellen Leopold Böhm verhindern ein schlimmeres Blutbad. Die Täter – auch für den Mord an Nittel (siehe unten) verantwortlich – werden festgenommen.
  • Mai 1981: Die palästinensische Abu Nidal-Gruppe ermordet den Wiener Stadtrat und Präsidenten der Österreichisch-israelischen Gesellschaft, Heinz Nittel (SPÖ).
  • 21. Dezember 1975: Ein Kommando unter dem berüchtigten Terroristen „Carlos“ überfällt die Opec-Zentrale in Wien. Die Bilanz: drei Tote und zahlreiche Verletzte. Die Terroristen erhalten freies Geleit und dürfen mit mehreren Geiseln nach Algier fliehen. Innenminister Otto Rösch (SPÖ) verabschiedet „Carlos“ mit Handschlag. Der Terrorist wird 1994 gefasst und sitzt in Frankreich in Haft.
  • 22. Oktober 1975: Terroristen erschießen in Wien den türkischen Botschafter Danis Tunaligil. Für den Anschlag werden armenische Extremisten verantwortlich gemacht.

Aus dieser Reihe wäre doch auch der ein oder andere des Gedenkens an diesem Tag würdig gewesen.

Ich schlage vor, den Umfang und die „Zeremonien“ anlässlich dieses Gedenktages gegen Gewalt und Rassismus doch etwas zu erweitern.

Ein Vorschlag: den Umfang des Gedenktages gegen Gewalt und Rassismus etwas zu erweitern

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