Eine Buchempfehlung und ein bissel rundherum

Marc Elsberg: der Fall des Präsidenten

Das Buch ist ausnehmend spannend und rasant. Ich „musste“ es zulasten des Schlafes zu Ende lesen. Ich mag ja Politthriller, und das ist einer der guten. Ein ehemaliger Präsident der USA wird verhaftet, um sich für Verbrechen gegen die Menschenrechte zu verantworten. Dieser Präsident landet in Athen um einen Vortrag auf einem wichtigen Kongress zu halten. Ein Einsatzkommando der Polizei verhaftet ihn im Namen des Internationalen Strafgerichtshofs. All das belastet aber die Wiederwahl des amtierenden Präsidenten, der seine Getreuen ebenfalls nach Athen schickt, nicht so sehr um den ehemaligen Präsidenten zu retten, sondern seine eigene Wiederwahl zu sichern. Der Internationale Gerichtshof hat viel weniger Mittel um seine Anklage zu stützen. Das Weiße Haus stößt sofort Drohungen in alle Richtungen aus, gegen den internationalen Gerichtshof, gegen alle europäischen Staaten. Die US-Geheimdienste suchen fieberhaft nach dem Whistleblower, der die Anklage überhaupt erst möglich gemacht hat. Eine gewaltsame Rettung steht auch im Raum. Mir scheint es wie eine David-Goliath-Situation. Vielleicht noch eines, ohne Ihre Spannung zu gefährden: es geht um „Verbrechen“ – und das ist für die Beteiligten strittig – die in Afghanistan begangen wurden, und für die der ehemalige Präsident persönlich beschuldigt wird. Mehr erzähl ich Ihnen lieber nicht, sollten Sie das Buch lesen wollen.

Aber es ist nicht nur ein „Tschin-Bumm“ Roman, es geht auch viel um rechtliche Fragen, und um die Rolle der sozialen Medien. Wie bei den guten US-Thrillern, lernt man auch viel beim Lesen.

Was nun das „Rundherum“ betrifft: derzeit werden alle ausländischen Truppen aus Afghanistan abgezogen. Wie schon die Engländer, dann die Russen, müssen nun auch die Amerikaner einsehen, dass man in diesem Land keinen Krieg gewinnen kann. Nicht nur US-Truppen ziehen aus Afghanistan ab. Nach fast 20 Jahren verlassen auch die österreichischen Soldaten das Krisengebiet. Spätestens im Juli soll der letzte österreichische Soldat nach Österreich zurückkehren. Die Aufgaben der Österreicher waren beratend und unterstützend, die Soldaten beteiligten sich nicht aktiv an Kampfhandlungen.

Aber die Sicherheitslage in Afghanistan hat sich seit Beginn des Abzugs am 1. Mai 2020 nicht gerade verbessert. Es gibt laufend Drohungen der Taliban gegen die internationale Truppe. Diese Drohungen haben in den letzten Tagen und Wochen zugenommen. Außerdem werden jeden Tag Angriffe auf Sicherheitskräfte und die Zivilbevölkerung verübt.

Bei diesem Abzug aller Truppen aus Afghanistan ist man an Vietnam erinnert, damals gab es aber einen Vertrag zwischen den Kriegsparteien, der in Afghanistan fehlt (die Taliban waren nicht bereit dazu).

Das Land verbleibt im Chaos, es werden noch einige Flüchtlingswellen aus Afghanistan in Richtung Westen folgen. Aber danach wird dieses kostspielige Projekt abgeschlossen sein, und Afghanistan wird aus den Schlagzeilen der Nachrichten verschwinden.

Und was bedeutet dieser Abzug der Truppen für den Westen?

Denken wir an den Anfang dieses Krieges (war against terror): Die Ursprungsbegründung für das militärische Eingreifen des Westens in Afghanistan waren die dortige Präsenz von al-Qaida und die Weigerung des Taliban-Regimes, die in seinem Land befindlichen Al-Kaida-Basen zu schließen und die Anführer (u. A. bin Laden) der Terrororganisation an die USA auszuliefern. Aber damals stand die Vorstellung einer neu zu gestaltenden Weltordnung im Raum, die an die Stelle der bipolaren Konstellationen des Kalten Krieges treten sollte. Zu diesen, jetzt utopisch erscheinenden Vorstellungen, die nie feste Gestalt angenommen haben, gehörten die Absage an den Krieg als Modus politischer Interessendurchsetzung, eine weitgehende festgelegt Ordnung der internationalen Beziehungen, die weltweite Geltung bestimmter Normen, insbesondere der Menschenrechte, und die Umgestaltung des Militärs zu einer globalen Polizei, die gegen notorische Störer und Zuwiderhandelnde diese Ordnung durchsetzt. Afghanistan sollte zum Experimentierfeld für die Implementierung dieser Weltordnung werden: Durchsetzung vor allem von Frauenrechten, demokratische Partizipation, wirtschaftliche Entwicklung und insbesondere Schließung der Schattenglobalisierungskanäle, in denen Afghanistan als Opiumproduzent eine Rolle spielte. Aus der Befriedungsaktion wurde infolgedessen nach einiger Zeit ein Kampfeinsatz.

Der Truppenabzug ist nun das Eingeständnis, dass der Westen mit dem Projekt einer liberalen Weltordnung gescheitert ist. Nicht nur in Russland und China, immerhin mächtige Gegenspieler, lassen sich Menschenrechte und bürgerschaftliche Politikpartizipation nicht zur Geltung bringen. Sie sind auch in rückständigen Gebieten nicht durchzusetzen, nicht einmal dann, wenn Teile der Bevölkerung das wünschen. Die Religion und die ihr verbundenen Traditionen haben sich als stabile Widerstandsbastion erwiesen.

Die Idee einer globalen Ordnung mit gemeinsamen Werten ist definitiv aufgegeben worden, wohl auch weil es „westliche“ Werte sind. Sollte es weitere Militäreinsätzen an der Peripherie der westlichen Welt in Zukunft noch geben, dann wird es wohl nur noch um politische Stabilisierung und nicht mehr um menschenrechtliche Veränderungen, Demokratie gehen.

All diese Toten und Verletzen, Militärs aber auch viele, viele Zivilisten – wozu? 20 Jahre Krieg: Eine traurige Bilanz!

Eine Buchempfehlung und ein bissel rundherum

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