Der jüdische Friedhof am Zentralfriedhof in Wien

Es war wieder einmal ein Friedhofsbesuch fällig, letzte Woche war unser Hochzeitstag (es wäre der 62. gewesen). Aber seit 2018 bin ich allein zurückgeblieben.

Aber ich wollte auch den alten jüdischen Friedhof einmal dort besuchen. Das Wetter war mir nicht hold, aber während ich am Friedhof herumspazierte regnete es nur leicht. Wie immer fuhr ich mit dem 71 zum Zentralfriedhof, wie immer war dieser ziemlich voll. Diesmal steig ich beim Ersten Tor aus.

Dort liegt der alte jüdische Friedhof. 1877 erwarb die Israelitische Kultusgemeinde das Grundstück von der Gemeinde Wien um 60 000 Gulden und nahm es zwei Jahre darauf offiziell in Betrieb. Innerhalb der nächsten 40 Jahre wurde auf den über 250.000 m² des alten jüdischen Friedhofs um die 80.000 Menschen beigesetzt. Da es im Judentum vorgesehen ist, die Toten am Ort ihrer Beisetzung ruhen zu lassen und einmal entstandene Gräber nicht mehr zu entfernen, stieß der alte Friedhof bald an seine Grenzen. 1917 eröffnete daher im östlichen Teil des Zentralfriedhofs der etwas kleinere neue jüdische Friedhof. Dennoch finden bis heute, wenn auch vereinzelt, Begräbnisse beim Tor 1 statt.

Eine Zeremonienhalle befand sich direkt hinter dem Tor 1, sie wurde die gleichzeitig mit der Eröffnung des Friedhofes eingeweiht. In der Reichskristallnacht 1938 wurde sie ein Raub der Flammen. Die Ruine blieb stehen und wurde erst 1978 endgültig geschleift. Heute befindet sich an ihrer Stelle eine Rasenfläche. 1941/42 wurden alle jüdischen Friedhöfe enteignet, dieser sollte als „Museum“ erhalten bleiben. Es war dies auch während der Nazizeit der einzige „Park“, in dem sich Juden aufhalten durften[CC1] . Im Zweiten Weltkrieg wurde auch dieser Friedhofsteil von vielen Bomben getroffen. Jene Grabsteinteile, die nicht mehr einer bestimmten Grabstätte zuzuordnen waren, hat man 1991 zusammengetragen, sie liegen als Zeichen der Erinnerung an mehreren Stellen des Friedhofes. Man kann noch auf etliche Grabsteine treffen, die noch die Spuren von Granatsplittern und Zerstörung aufweisen. Angeblich sollen hier am Friedhof auch Kämpfe stattgefunden haben.

Seit 2008 werden von der Stadt Wien diverse Gräber hier mit großem Aufwand renoviert. Die Auswahl hierzu trifft die Israelitische Kultusgemeinde. Darunter sind viele Ehrengräber, aber auch andere bedeutende Grabstätten und Mausoleen. Etliche liegen entlang der Zeremonienallee, andere auf den Seitenwegen.

In der türkischen Abteilung dieses jüdischen Friedhofs liegen jene Juden, deren Vorfahren ursprünglich aus Spanien vertrieben worden waren, und dann in der Türkei unter dem Schutz des Sultans gelebt haben. Durch die Kontakte während der Monarchie kamen sie auch nach Österreich, blieben hier und wurden in oft pompösen Grabmälern begesetzt.  Etliche Grabsteine erinnern an die Architektur der Alhambra. An einem, schon restauriert – von Jacques Menachem Elias – an der Zeremonienallee bin ich vorbeigekommen.

Im hintersten Teil des Friedhofes liegen die Kriegsgräber von gefallenen (jüdischen) Soldaten des 1. Weltkrieges.

Viele der höchst unterschiedlichen Grabsteine weisen hebräische Aufschriften auf, vieles ist aber inzwischen verblasst. Für mich war ein eigenartiger Bruch zwischen dem frühlingshaften Grünen und Sprießen und diesen doch alten Gräbern. Bei den unzähligen Gräbern sind verschiedene Stilrichtungen vertreten, es gibt einfachste Gräber bis zu monumentalen Familiengruften. An manchen Symbolen kann man noch den Beruf des Verstorbenen erkennen. Viele sind von rostigen Gattern umgeben, wenige der Gräber wirken noch gärtnerisch gepflegt. Manche sind fast ganz von Efeu überwuchert. Auf den Marmorplatten der Gruften liegt noch das Laub des vorigen Jahres. Ob aufgrund des Regens oder des Fernbleibens von Touristen in der Corona Zeit war ich ganz alleine dort unterwegs.

Dann begab ich mich weiter – innerhalb des Friedhofs, dass ich den jüdischen Teil verlassen hatte, merkte ich an den Grabmälern, auf denen wieder Kreuze oder Engel auftraten. Ich gedachte der Verwandten meines Mannes, Onkel Bertl und Tante Rosi, die hier irgendwo liegen müssen – ich würde das Grab heute nicht mehr finden, denn ich bin immer mit meinem Mann hingegangen, der die Lage einfach kannte. Wenn man so auf einer lagen Allee entlang geht, hört man Vogelstimmen, aber nur wenige, hauptsächlich vernimmt man das Krächzen der Raben/Krähen. Auf manchen Grabsteinen liest man Namen, die Interesse wecken, und wirklich, man trifft auf „alte Bekannte“, und man sinniert über Begegnungen mit ihnen.

Ein Begräbniszug kam mir entgegen. Vorne die trauernden Hinterbliebenen, hinten, die bereits schwatzenden Freunde des kürzlich Gestorbenen. Junge Trauernde trugen rote Rosen, ältere Daemn Maiglöckchen.

Von den vielen Familienmitgliedern, die hier begraben sind, habe ich nur das Grab der Großeltern meines Mannes aufgesucht, und mich wiederum geärgert, dass jemand den wunderschönen Efeu, der auf dem Grabstein gewachsen ist, abgerissen hat. Aber vielleicht gibt es Verwandte, die ich nicht kenne.

Zuletzt kam ich beim Grab meines Mannes an, naja, wir sollten wiederum einmal mähen, das Gras ist schon recht hoch.

Jedenfalls bin ich dankbar, dass ich nicht schon endgültig hier gelandet bin, sondern mich – zwar im Regen – wieder in Richtung Straßenbahn bewegen konnte.


 [CC1]

Der jüdische Friedhof am Zentralfriedhof in Wien

5 Gedanken zu “Der jüdische Friedhof am Zentralfriedhof in Wien

  1. „das Grab der Großeltern meines Mannes“ – wie viele Jahre dauert es in Wien bis die Gräber wieder eingeebnet werden? Bei uns sind es 20 oder 25 Jahre. Wenn man das Grab danach als Erinnerungsstätte behalten will, muss man wieder die Gebühr für den nächsten Zeitraum bezahlen.

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      1. 10 Jahre ist ja nicht lange. Unser Familiengrab in Lübeck besteht seit Mitter der 50er Jahre als mein Großvater starb. Meine Tante, hat immer dafür gesorgt, dass die Laufzeit erneuert wird. Die letzte Bestattung war die Beisetzung der Urne meiner Mutter im vorigen Jahr. Ab da zählen wieder 20 Jahre. Voraussichtlich wird es auch die letzte Bestattung dort gewesen sein.

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  2. In den jüdischen Teil des Zentralfriedhofs bin ich vor Jahren zufällig geraten, ich wusste vorher gar nichts davon und hatte nur den Zentralfriedhof als solchen sehen wollen. Sehr interessant, einige Grabsteine, deren Inschriften in dem Spanisch der Sepharden (Ladino?) verfasst waren. (Übrigens hat es in Strömen geregnet, aber ich wollte nicht zurück ins Hotel.)

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