Zur Straße des 8. Mai in Wien

Bei uns ist es nicht so üblich, Straßen nach einem Datum zu benennen. Aber wer je in Italien Karten-lesend durch Städte gefahren ist, wird sich an die verschiedenen Datumsangaben bei Straßen erinnern, aber wohl nur bei sehr wenigen den Grund kennen, warum die Straße so und nicht anders heißt.  

Aber auch bei uns in Wien gibt es eine „Datumsstraße“.  Im Alsergrund (oder sollte es eigentlich am Alsergrund heißen?) wurde im Juni 2013 die Verbindungsstraße zwischen Währinger Straße und Universitätsstraße, zwischen Votivkirche und Sigmund-Freud-Park, in „Straße des Achten Mai“ umbenannt (wobei umbenannt nicht ganz richtig ist, denn vorher gab es dafür keinen Namen). Sie wurde zum Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkrieges am 8. Mai 1945, die bedingungslose Kapitulation des nationalsozialistischen Regimes in Reims (Frankreich) sowie die Befreiung Europas vom Nationalsozialismus durch die alliierten Truppen so benannt.

Dieser Tag wird in vielen (am Zweiten Weltkrieg beteiligten Ländern) teilweise als stiller Gedenktag und teilweise als Feiertag mit großer öffentlicher Beteiligung begangen. Das Kürzel VE-Day (Victory in Europe Day) ist in den USA sowie den drei Commonwealth-Staaten Vereinigtes Königreich, Kanada und Australien üblich. In Österreich gilt er seit 2013 als Tag der Freude.

Ganz so eindeutig ist das Ende des Krieges in Europa dann doch nicht an diesen Tag gewesen. Bei den Verhandlungen (erfolglose Verhandlungsversuchen der deutschen Seite) im Hauptquartier der alliierten Streitkräfte (SHAEF) in Reims wurde am 7. Mai die bedingungslose Kapitulation aller deutschen Streitkräfte vereinbart und diese dort vertraglich unterzeichnet. Generaloberst Jodl, von Reichspräsident Dönitz dazu autorisiert, unterzeichnet am 7. Mai 1945 diese bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht. Als Zeitpunkt für die Einstellung aller Kampfhandlungen in Europa wurde der 8. Mai, 23:01 Uhr festgelegt. Diese bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht war eine Erklärung der Wehrmacht am Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa. Die Kapitulation wurde vom 6. Mai in der Nacht zum 7. Mai 1945 im Obersten Hauptquartier der Alliierten Expeditionsstreitkräfte in Reims unterzeichnet und trat am 8. Mai in Kraft

Ich glaube mich daran zu erinnern, dass ich al 10jähriges Kind von dieser Unterzeichnung im Radio gehört hatte. Die Namen Jodl und Dönitz waren mir als „Militärs“ bekannt, Dönitz nicht aber als Reichspräsident, das war doch immer Hitler gewesen.  Für mich war diese bedingungslose Kapitulation trotz der Tatsache, dass ich die Auflösung des deutschen Heeres erlebt hatte, ein unerwarteter Schock. Wir, denen immer der „Endsieg“ eingeredet worden war, hatten den Krieg verloren, wir waren die Besiegten. Was würde jetzt aus uns werden?  Wir waren „ausgeliefert“, wir würden „fremdbestimmt“, und der Rache der Sieger ausgeliefert sein. Als einen Tag der Freude habe ich den 8. Mai damals sicher nicht empfunden, auch jetzt noch nicht, in Kenntnis vieler grauenhafter Taten des NS Regimes. Ich finde es sollte ein Tag sein, an dem man darüber nachdenkt, wie es zu einem derartigen Terrorregime der Nazis überhaupt kommen konnte.

Doch deutsche Streitkräfte setzten 1945 ihre Kampfhandlungen jedoch gegen sowjetische Truppen fort. Um auch die Kämpfe zwischen sowjetischen und deutschen Truppen verbindlich zu beenden, erfolgte am späten Abend des 8. Mai im sowjetischen Hauptquartier in Berlin-Karlshorst  durch die Oberbefehlshaber der Teilstreitkräfte der Wehrmacht eine Gegenzeichnung der Kapitulationserklärung. Diese zog sich bis kurz nach Mitternacht hin. Da es zu diesem Zeitpunkt auf Grund der Zeitzonen in Moskau bereits zwei Stunden später war, also 00:01 Uhr, wird in der Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten der 9. Mai als Tag des Sieges begangen.

Eine Teilkapitulation der drei in Nordwestdeutschland operierenden deutschen Armeen wurde bereits am 4. Mai 1945 auf dem Timeloberg bei Wendisch Evern gegenüber dem britischen Feldmarschall Bernard Montgomery erklärt, die am folgenden Tag um 8 Uhr in Kraft trat. Die Unterzeichnung der bedingungslosen Kapitulation wie auch die Teilkapitulation waren zuvor durch den letzten Reichspräsidenten Karl Dönitz, der sich mit der letzten Reichsregierung nach Flensburg-Mürwik abgesetzt hatte, autorisiert worden. Der Sonderbereich Mürwik wurde erst am 23. Mai besetzt und die dortige Regierung verhaftet.

Der militärische Sieg der Alliierten war die Voraussetzung, dass Millionen von den Deutschen verfolgter Menschen befreit werden konnten. Der politische, wirtschaftliche und moralische Zusammenbruch bedeutete das Ende des bisherigen politischen Systems in Deutschland, dessen Teil Österreich in dieser Zeit gewesen ist.

Aber noch in den letzten Kriegstagen war schon im April 1945 die Republik Österreich erneut ausgerufen worden. In den letzten Wochen des 2. Weltkriegs konstituierten sich im sowjetisch besetzten Wien und Niederösterreich die drei politischen Parteien SPÖ, ÖVP und KPÖ, die eine Provisorische Regierung unter der Führung von Karl Renner bildeten. Diese proklamierte am 27. 4. 1945 die Wiedererrichtung der Republik Österreich, diese wurde aber nur von der Sowjetunion anerkannt, deren Truppen Wien, Niederösterreich, das Burgenland und Teile der Steiermark einnahmen. (Wir aber befanden uns damals im Mühlviertel in Oberösterreich).

Wir alle, die wir heute leben, müssen über die Errichtung der Europäischen Union dankbar sein, innerhalb dieser derartige Kriege, wie den Zweiten Weltkrieg, nicht mehr möglich sind und sein werden.

Zur Straße des 8. Mai in Wien

2 Gedanken zu “Zur Straße des 8. Mai in Wien

  1. Zu dem Punkt „Errichtung der Europäischen Union“ im letzten Satz, aber genauso zu anderen Aspekten, finde auch ich die Rede des Abgeordneten Dr. Carlo Schmid (SPD) vor dem Parlamentarischen Rat am 8. September 1948 wegweisend und lesenswert:
    «Was heißt eigentlich: Grundgesetz?» (im Internet leicht zu finden).

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