Neuerlich Unruhen in Jerusalem

Mai 2021

Es fällt mir so schwer, bei dem Israel-Palästina-Konflikt Stellung zu beziehen; ich verstehe beide Seiten, kann alle ihre Motive nachvollziehen – aber das führt zu keiner Lösung, wie es auch zu keiner Lösung führt, nur „eine Seite“ zu unterstützen (Donald Trump). Die Palästinenser unterstützt ohnedies keiner mehr.

Als der ORF Korrespondent in Jerusalem, Tim Kupal, gestern (9. Mai 2021) zögerlich gemeint hat: „es schaut nach Krieg aus“, bin ich richtiggehend wütend geworden. WARUM? Als wir vor zwei Jahren Israel „bereist“ haben, haben wir direkt am Damaskus Tor gewohnt (im deutschen Pilgerhaus, das österreichische – innerhalb der Mauer, auf der anderen Seite des Damaskus Tors war ausgebucht gewesen).  Dort, fast direkt unter meinem Fenster hat ein Araber sein Standl mit Obst gehabt, es schon sehr früh aufgebaut – und dazu sehr laute Musik gespielt, ich war aber ohnedies schon wach, denn mich hatten bereits die Muezzin-Rufe von mehreren Minaretten frühmorgens aufgeweckt.

Entsprechend früh sind wir durch eben dieses Tor zur Klagemauer gegangen und von dort zum Tempelberg hinauf. Natürlich wurden wir kontrolliert, aber es waren noch keine Schlangen vor uns, denn die Zahl der Menschen, die auf den Tempelberg dürfen, ist beschränkt. Wir sind dort im Schatten der Bäume gesessen, haben teilweise in den mitgebrachten Büchern gelesen, um uns genau orientieren zu können, aber eigentlich braucht man keine Bücher dort, der Eindruck ist überwältigend. In die Moscheen darf man als Nicht-Muslim nicht hinein, was für uns natürlich schade, aber verständlich war. Es sind diese Tausenden von Jahren Geschichte, die man dort fühlt. Und jede Epoche hat Spuren hinterlassen. Es ist die Geschichte der Juden, der Heiden (z.B. Römer), der Christen und der Muslime – und das ist das Dilemma. Und der Blick über die Stadt, die vielen Kirchen unterschiedlicher Denominationen, die Moschen … Die Polizei war damals dezent präsent, und sie begleitete auch jüdische (ich gehe davon aus es waren) Extremisten bei ihrem Besuch dort. Dennoch: es war friedlich.

Und die Bilder gestern? Randalierende Palästinenser mit Steinen, die Polizei mit Gummigeschossen, Tränengas und Blendgranaten, Verletze, auf Seiten der Palästinenser und der Polizei. Der Anteil der Jugendlichen unter den Palästinensern ist besonders groß, und sie sind wütend, ja, frustriert.

Und was macht sie nun so wütend: es ist die Frage die seit der Ausrufung des Staates Israel besteht – wer hat das Recht auf welches Stück Land? Diesmal lag der Auslöser fast exemplarisch im Viertel Sheikh Jarrah im Nordosten Jerusalems. Dort müssen 13 palästinensische Familien mit der Zwangsräumung ihrer Wohnungen rechnen, die von Israel reklamiert werden. Grundlage ist ein Gesetz, wonach jüdische Israelis Immobilien beanspruchen können, aus denen sie oder ihre Vorfahren vor 1948 fliehen mussten. Jüdische Siedlerorganisationen suchen gezielt nach solchen Objekten! Palästinenser, die dann nach 1948 aus vielen Teilen des Landes fliehen mussten oder vertrieben wurden (je nach Sicht der Ereignisse) haben kein Recht ihre früheren Immobilien zu beanspruchen.

Zusätzliches Öl im Feuer der Auseinandersetzungen ist die Tatsache, dass am 10. Mai jährlich der so genannte Jerusalem Tag stattfindet. Damit erinnert Israel an die Besetzung des arabisch-geprägten Ostjerusalems während des Sechstagekrieges 1967 und die spätere Annexion, die wiederum international nicht anerkannt wird. Dazu kommt das Israel Jerusalem zu seiner unteilbaren Hauptstadt erklärt hat (und von der US-Administration unter Trump diesbezüglich bestärkt worden war), und die Palästinenser aber Ostjerusalem zur Hauptstadt ihres zukünftigen Staates machen wollen(von dem, realistische gesehen, nicht mehr sehr viel übrig ist).  

Zeitgleich neigt sich gerade der muslimische Ramadan seinem Ende zu. Aufgrund dessen hat die israelische Polizei besonders hart durchgegriffen und außerdem haben rechtsextreme Israelis gehetzt („Tod den Arabern“-Rufe in der Altstadt).

Lange – 15 Jahre – schon haben die Palästinenser auf ihre Wahl gewartet, für den 22. Mai 2021 war sie vorgesehen gewesen, jetzt wurde sie (auf den St. Nimmerleinstag?) verschoben. Und in Israel wurde kürzlich das 4. Mal (innerhalb von 2 Jahren) gewählt und die Regierungsbildung ist noch nicht geglückt, und Netanjahu ist noch immer am Ruder (geschäftsführend).

Dazu schießt die Hamas Raketen auf Israel, besonders auch gegen Jerusalem   – von denen allerdings nur wenige durchkommen, aufgrund des israelischen Abwehrsystems „Iron Dome“, aber dennoch ist ein Israeli verletzt worden – bisher – und Israel hat Luftschläge gegen den Gaza-Streifen geflogen – angeblich 22 Menschen getötet, darunter 9 Kinder.

Die Welt (sowohl Europa als auch die USA) mahnt – aber schaut zu. Wird es wieder eine Intifada, wird es ein Krieg?

Neuerlich Unruhen in Jerusalem

4 Gedanken zu “Neuerlich Unruhen in Jerusalem

  1. Für die Menschen hier ist das zumeist viel zu weit weg. Außerdem sind gerade Pandemie und Fußball.

    Ich habe bei jedem solcher Ereignisse – ob Ukraine, Israel oder sonstwo auf dieser Erde – immer eine unbestimmte Angst, daß ein Krieg losbricht, der durch Einmischung von anderen Ländern schnell eskaliert …

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    1. ja, ich weiß – unser aller Interesse an „fernen Kriegen“ ist immer sehr mäßig. Aber Israel? Und wir im ehemaligen „Naziland?Ich halte einen Krieg mit ausländischer Beteiigung nicht für wahrscheinlich, Israel selbst ist sehr stark, und die Araber haben sich dot schon merhmals blutige Nasen geholt.

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  2. Christian Seidl schreibt:

    Dass man z.B. die Al-Aqsa-Moschee nicht mehr betreten darf, war mir neu. Ich konnte 1997 noch problemlos hinein. (Bei späteren Besuchen hatte ich keine Lust mehr, da man auf dem Tempelberg auf Schritt und Tritt von sehr aufdringlichen Fremdenführern verfolgt wurde, die einem ihre Begleitung antrugen.)

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