Meine Mutter – eine Reflexion

Wiederveröffentlichung

Heute, am 13. Mai ist der Geburtstag meiner Mutter (übrigens auch jener von Maria Theresia). Ich habe ihn gefürchtet, einfach weil es unmöglich war, meiner Mutter mit einem passenden Geschenk eine Freude zu machen.

Ob sie sich über diese Veröffentlichung gefreut hätte – ich bezweifle es, sie war eine sehr bescheidene Frau mit sehr hohen Ansprüchen an sich selbst und andere.

Meine Mutter – ein Plädoyer

Wenn meine Mutter, damals 85 Jahre alt, vor 30 Jahren verstorben, meine Blogs und die Kommentare meines Sohnes dazu lesen würde, würde sie „die Welt nicht mehr verstehen“.  Aus ihrer Sicht hat sie immer „das Beste gewollt“. Und sie hat vieles erreicht, das sie angestrebt hat.

Sie war immer bescheiden, stellte ihre eigenen Bedürfnisse zurück, arbeitete sehr viel (wurde so gesehen, diesbezüglich auch – von mir – ausgenützt), gönnte sich kaum etwas und sparte eisern. Dieses „Opfer“ brachte sie für ihre Familie, für ihre Tochter (mich) und ihre Enkel (meinen Sohn und meine Tochter).

Sie war zweifelsohne liebevoll, dachte an alle Geburts- und Namenstage, machte immer Geschenke, die „Wünsche erfüllten“. Mir z.B. schickte sie einen handgestrickten Mantel während meines Studiums in Frankreich. Egal wann jemand kam, sie machte für ihn oder für sie immer etwas zu essen und trachtete danach, dass das auch ein „Lieblingsgericht“ war.

Sie fuhr nie allein auf Urlaub. Nur zwei Mal in ihrem Leben war sie mit meinem Vater „auf Urlaub“ gewesen: einmal – als sie beide noch jung waren – war es eine Wanderung im Salzkammergut gewesen, der sie auch auf den Dachstein brachte, das andere Mal – kurz vor dem Tod meines Vaters – ein Aufenthalt auf Mali Losinj. Sonst gab es nur Sommerfrischen, wo der Haushalt weiter geführt werden musste.

Über ihre Jugend sprach sie nur selten. 1905 geboren – in eine Arbeiterfamilie mit letztlich sechs Kindern, wohnhaft in Ottakring. Ihr Vater war Baupolier, er stammte aus Pernitz, wo seine Familie weiterhin wohnte. Der Tod ihrer Mutter (Tuberkulose) traf meine Mutter schwer. Sie wurde von ihren Geschwistern getrennt. Alle ihre Geschwister kamen zu einer Tante in Pernitz, die sie ordentlich aufzog und dafür sorgte, dass sie einen Beruf erlernten. Meine Mutter blieb als einzige bei ihrem Vater in Wien – er brauchte jemanden, der ihm den Haushalt führte. Meine Mutter war damals ein Kind. Bald fand er eine neue Frau und damit bekam meine Mutter eine Stiefmutter – und sie scheint diese Rolle auch ausgefüllt zu haben. Zu essen gab es zu wenig – es war auch Kriegs- und Nachkriegszeit. Es musste auch sonst rundherum gespart werden. z.B. schlief meine Mutter im Vorzimmer, Licht durfte sie keines aufdrehen, das Licht, das durch das Gangfenster hereinfiel, musste ausreichen. Meine Mutter war ihr Leben lang wissbegierig, sie ging gern zur Schule, musste dies aber den Haushaltsanforderungen unterordnen. Einen einzigen Gegenstand hasste sei: das war Religion. Weil es bei ihr zu Hause unüblich war, und weil sie wohl auch keine Zeit hatte, ging sie nie zur Sonntagsmesse, in der drauffolgenden Woche wurde aber abgeprüft, welches Evangelium vorgetragen worden war – das konnte meine Mutter nie beantworten und wurde dafür bestraft (mindestens an den Ohren gezogen, oder mit „einem Batzen“ auf die Hand (Schlag mit Rohrstaberl). Ihr Leben lang haderte sie mit der Kirche, selbst die (letzte) Krankensalbung duldete sie nur – meinetwillen.

An ihrem 14. Geburtstag (das war im Mai, also vor Schulende) wurde sie aus der Schule genommen und als „Haushaltshilfe“ an einen fremden Haushalt abgegeben. Es ist bekannt, dass diese jungen Mädchen in der Situation kein eigenes Zimmer hatten, keine eigene Waschgelegenheit, nicht genug zu essen bekamen und nur am Sonntagnachmittag – nachdem sie alles nach dem Mittagessen weggeräumt hatten, sich frei nehmen konnten.  Vielleicht ging sich ein Besuch bei den Eltern aus, dort war meine Mutter aber gar nicht so erwünscht, oder ein kleiner Spaziergang. Es muss für einen jungen Menschen wirklich trostlos gewesen sein. Von meiner Mutterr hörten wir gar nichts über diese Zeit.

Sie war später im Haushalt einer Familie Rosenfeld im Neunten Bezirk tätig – und saß eines Tages weinend im Stiegenhaus, als ein junger Mann vorbeikam, der ein Stockwerk höher in diesem Haus in der Harmoniegasse bei seiner Mutter wohnte. Der junge Mann setzte sich zu ihr und versuchte sie zu trösten. Dieser junge Mann war dann mein Vater. Es vergingen lange Jahre, bis die beiden heiraten konnten. Voraussetzung für die Verehelichung war eine eigene Wohnung. Darauf wurde eisern gespart.

Meine Mutter blieb auch nicht bei der Familie Rosenfeld, sondern nahm eine Stelle bei einem Herrn von Stein an. Er besaß ein Haus am Althanplatz, heute Julius-Tandler-Platz, wo das Haus noch heute – gekennzeichnet – steht.  Er verfügte auch dort über eine große Wohnung, wo er auch viele (prominente) Gäste empfing. Dort „lernte“ meine Mutter gehobene Lebensart. Und es war immer ihr Bestreben, dass ich, bzw. ihre Enkelkinder die Manieren, die sie dort gelernt hatte, annahmen. Sie wünschte sich für uns auch eine Wohnung, die jener des Herrn von Stein glich, (und dazu ein Haus in Pernitz, weil dort alle Geschwister über ein eigenes Haus verfügten).

Die Karriere meines Vaters schien – als meine Eltern endlich heirateten, im Jahr 1932 – gesichert. Die Zukunft sah gut aus. Es sollte anders kommen. Im Zweiten Weltkrieg erkrankte mein Vater an Tuberkulose, war – laut damaliger Definition – 90% Invalide und konnte nur mehr eingeschränkt arbeiten. Nach dem Tod der Stiefmutter, nahmen meine Eltern – trotz beschränkten Raumes – meinen Großvater in ihren Haushalt auf.

Da sie es selbst nicht erreichen konnte, wollte meine Mutter für ihre Tochter und ihre Enkelkinder ein gutes Leben (a la Haushalt Herr von Stein) erreichen. Sie wusste, dass Bildung der einzige Weg war, um dies zu erreichen. Daher ihre Strenge mir und meinem Sohn gegenüber – gute Noten waren ein Zeichen für sie, dass wir dieses Ziel erreichen könnten (wie sie immer sagte: wenn Du nicht ordentlich lernst, musst Du Straßenkehrer – man genderte damals noch nicht – werden).

Wenn ich auch jetzt über meine Erziehung motze, wir alle verdanken ihr viel!

Meine Mutter – eine Reflexion

2 Gedanken zu “Meine Mutter – eine Reflexion

  1. Andreas Pesendorfer schreibt:

    Eine sehr kluge Mutter hatten Sie.
    Das machte auch die Bildung nebenbei mit Ihr und weiterer Folge mit Ihnen da haben Sie recht.
    Sie hatten bestimmt auch aufschlussreiche und fruchtende Diskussionen mit Ihr, wenn Sie sich heute an Sie zurückerinnern.
    Scheint eine äußerst selbstlose Frau gewesen zu sein. Sehr selten und oft nicht gleich erkennbar.

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