Um noch einmal auf schwierige und gute Lebensumstände unserer Zeit zurückzukommen.

Ich wurde vor dem Krieg geboren und war 4 Jahre alt, als er begonnen hat. Ich habe also den Krieg erlebt, aber es doch etwas anderes, wenn man ihn als Kind – beschützt von seinen Eltern – erlebt. Da ist die Gefahr nicht so direkt spürbar. Und auch die Nachkriegszeit: ja, wir haben gefroren, Gas und Strom waren nur zeitweilige verfügbar, wir haben eintöniges Essen gehabt, wir haben nicht viele Kleider und Schuhe zum Wechseln gehabt, aber das hat „alle“ betroffen und daher wurde es nicht so negativ wahrgenommen und außerdem: es wurde ja laufend besser. Sicher, für manche ist das „Besserwerden“ ungleich schneller gegangen, aber gesellschaftliche Unterschiede hat es immer gegeben. Man konnte Essen (auch Kleider und Schuhe) nur über (Lebens-)mittelmarken beziehen, aber immer mehr Produkte bekam man „frei“ – bis sich die „Marken“ erledigt hatten.

Die Verkehrssituation verbesserte sich auch ständig, immer mehr Straßenbahnlinien konnten wieder ihren Dienst aufnahmen, und man konnte wieder viele Orte in Wien „öffentlich“ erreichen. Auch die Bahn fuhr wieder regelmäßiger und pünktlicher.

Die Besatzung habe ich nur direkt nach dem Krieg – als wir uns in Oberösterreich/Mühlviertel aufhielten und die Russen die Amerikaner dort als Besatzungsmacht abgelöst hatten, als bedrohlich empfunden. Ansonsten habe ich in Wien in der amerikanischen Zone gelebt, dort waren von allen vier Zonen die Lebensbedingungen die besten.

Die erste österreichische Währungsreform – 1945 – war unproblematisch, es wurden Reichsmark zu Schilling 1:1 umgetauscht. 1947, wurde der Schilling auf ein Drittel des Wertes abgewertet, während von den Sparguthaben wurde ein Teil vom Staat abgeschöpft, um den Wiederaufbau zu ermöglichen. Unter Vorweis seiner Lebensmittelbezugskarte konnte jeder 150 Schilling in 150 neue Schilling umtauschen, darüberhinausgehende eingelieferte Geldbeträge wurden entsprechend dem Währungsschutzgesetz vom 19. November 1947 im Verhältnis 3:1 getauscht. Das betraf meine Eltern, ich wusste davon, aber wirklich erfasst habe ich den Vorgang damals nicht, außer „, dass wir ärmer geworden waren“. Und meine Eltern waren sparsame Leute gewesen, immer gab es Sparbücher in der Familie.

Sicherlich beeinträchtigten uns die Zonengrenzen – besonders jene zwischen der russischen und den anderen Zonen. Wir fürchteten die Querung dieser Grenze – besonders an der Enns und am Semmering. In Wien gab es keine Zonengrenzen, aber ich versuchte nicht in die russische Zone gehen zu müssen und im Ersten Bezirk, wo alle „Vier Mächte“ vertreten waren, machte ich einen großen Bogen um jene Gebäude, die russisch besetzt waren (z.B. Hotel Imperial, Grand Hotel).

Aber zurückgedacht: es war keine „traurige Zeit“, wahrscheinlich ist für die meisten die Kinder- und Jugendzeit nie besonders traurig, eben weil sie noch eingebettet in ihre Familien die großen und kleinen Katstrophen nur indirekt erleben.

Es gab viel schlimmere Schicksale als meines, viele meiner Schulfreundinnen waren vertrieben worden – aus dem Sudetenland, aus dem Banat, auch deren Eltern mussten hier neu anfangen. Manche hatten ihren Vater verloren und die Mutter mühte sich, den Kindern ein „normales Leben“ zu bieten (meine Schwiegermutter).

In meiner Jugendzeit „öffnete sich die Welt“, wir hatten die Möglichkeit englischsprachige Literatur kennen zu lernen, wir konnten in den, ja, von der Besatzung zur Verfügung gestellten Leseräumen internationale Zeitungen und Zeitschriften lesen. Wie ich Bücher verschlang, öffnete sich für andere neue Musikgenres. In den 50er Jahren entstand die Schule des Phantastischen Realismus, in dieser Zeit bildete sich die Gruppe 47, Otto Mauer gründete in der Grünangergasse die berühmte Galerie nächst St. Stephan. Überall entstand gänzlich Neues, Aufregendes.

Und wir konnten reisen: nach Italien, aber auch nach England (Schüleraustausch), nach Frankreich (internationale Ferienlager). Ich bekam ein Stipendium und verbrachte ein aufregendes Jahr in den USA, ich studierte in Frankreich. Während der Ferien arbeitete ich in Spanien aber auch in Deutschland. Ich hatte Freunde in ganz Europa und den USA.  

Für mich war es eine gute Zeit, ich verstehe noch immer nicht, wieso so viele Leute heute von einer verkrusteten Welt, von Mief etc. in dieser Zeit (Fünfziger Jahre) reden.

Und die darauffolgende Zeit der Unruhen in den späten 60er Jahren betraf Österreich wirklich nur am Rande, nicht vergleichbar mit jenen Unruhen, die z.B.  in Frankreich tobten oder in den USA die Gesellschaft spalteten (Gegnerschaft gegen den Vietnamkrieg).   

In meinem Leben haben sich mir nie so viele gesellschaftliche Hindernisse entgegengestellt, wie das in der Generation meiner Mutter der Fall war. Ich bin dankbar, dass ich in einer friedlichen Zeit aufwachsen durfte, in der es viele größere und kleinere Probleme gab, aber nie die großen umwälzenden Ereignisse, wie sie meine Elterngeneration erleben musste.

Um noch einmal auf schwierige und gute Lebensumstände unserer Zeit zurückzukommen.

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