Sind wir zu abhängig geworden?

Am Beispiel von Microchips

Ich höre mit Interesse, wie lang man derzeit auf die Lieferung von manchen Fahrrädern, Waschmaschine etc. warten muss. Das kann doch nicht alles mit dem steckengebliebenen Schiff im Suezkanal zusammenhängen?

Unsere Wirtschaft ist weitgehend auf der Methode „Just-in-time“ (bedarfssynchrone Produktion, in der Produktionswirtschaft ein logistikorientiertes, dezentrales Organisations- und Steuerungskonzept, bei dem nur das Material in der Stückzahl und zu dem Zeitpunkt geliefert und produziert wird, wie es auch tatsächlich zur Erfüllung der Kundenaufträge benötigt wird) aufgebaut. Wir verlassen uns darauf, dass die internationalen Transportwege klaglos funktionieren, die internationalen Kommunikationsnetze funktionieren und alle Bestandteile für die Fertigung überall rechtzeitig ankommen. Vieles wird aus unterschiedlichsten Teilen nur mehr zusammengesetzt, die aber aus aller Welt rechtzeitig ankommen müssen. Diese Methode spart selbstverständlich Lagerkosten und es muss nicht mehr Unterschiedlichstes auf Lager gehalten werden, das man vielleicht brauchen könnte, sondern nur das, was zu einem Zeitpunkt wirklich benötigt wird.

Da die Produktion der Teile international „verstreut“ ist, (es wird dort produziert, wo die Produktion aus den verschiedensten Gründen am billigsten ist), sind internationale Zwischenfälle – egal wo, heutzutage ein echtes Problem.    

Derzeit herrscht die Microchipkrise: Fabriken müssen geschlossen bleiben, Zehntausende in Kurzarbeit: Das liegt nicht nur am Lockdown. Sondern auch am Mangel an Microchips. Ein neues globales Problem. Betroffen ist derzeit besonders die Autoindustrie:  Honda, Audi, VW, Daimler, Ford, Renault, Nissan, Subaru, Toyota – sie alle sind betroffen. Der Grund: Chips. Die Hersteller haben nicht genügend Halbleiter, um sie in die Autos hineinzubauen. Und in Österreich ist Zulieferland für die Autoindustrie! Es melden auch Zulieferer-Konzerne, dass sie Probleme haben, ihren Chips-Bedarf zu füllen.

Der Engpass zeigt, wie sich ein Problem über den Globus ausbreiten kann und – ähnlich einem Virus – eine Branche nach der anderen befällt. Zugleich werden mit jedem neuen Auto-Modell mehr Chips benötigt. Denn gerade die Fahrzeugindustrie wird bekanntlich mehr und mehr zur Herstellerin von vierrädrigen Computern: Auch das treibt die Nachfrage.

Die Halbleiter-Hersteller haben zwar ein Interesse, den Bedarf zu befriedigen und ihre Produktion rasch zu steigern. Halbleiter sind Stoffe, die sowohl leiten als auch isolieren und eine Anwendung für Mikrochips. Diese winzig kleinen Plättchen aus Silizium sind hochkomplexe mikroelektronische Bauteile, sogenannte Integrierte Schaltkreise. Sie werden fotolithografisch auf die Chips aufgetragen, um gewünschte Funktionen auszuführen. Chips sind allgegenwärtig: auf der Bankkarte, im Handy und im Auto. Dort regeln sie den Motor, das Fahrverhalten oder die Klimaanlage. So kompliziert sie sind, so einfach ist das Grundmaterial für deren Herstellung: Quarz. Der enthält den Stoff, der die Produktion von Halbleitern erst möglich macht: Silizium! Silizium ist eines der am häufigsten vorkommenden Elemente auf der Erde.

Als im Frühjahr 2020 der Automobilumsatz weltweit einbrach, stieg ebenso global die Nachfrage nach Consumer-Elektronik, weil Corona-bedingt Handys und Laptops fürs Homeoffice gekauft wurden. So fanden die Chiphersteller alternative Kunden zur Autoindustrie. Der Autoabsatz zog überraschend früh in China an und ab Herbst in Europa. Deshalb orderten Zulieferer und Autoindustrie höhere Chargen an Mikrochips – und deren Hersteller konnten und können nicht liefern, weil sie mit der Produktion nicht nachkommen.

All dies hat zuerst einmal zur Folge, dass sie ihre Bestellungen bei den Silizium-Gießereien hochschrauben: Diese „Foundries“ (Gießereien) stellen die Rohware für die großen Chip-Spezialisten her; und bei ihnen ist nun vollends ein Nadelöhr entstanden.

Die Siliziumproduktion ist aufwendig und äußerst energieintensiv – „bei etwa 2.000 Grad wird es aus Quarz geschmolzen“. In China konnte nun aufgrund von Trockenheit in den Wasserkraftwerken zeitweise kein Strom zur Rohsiliziumherstellung erzeugt werden, in anderen Regionen führten Überschwemmungen zum Produktionsstillstand oder es wurden wegen der Corona-Pandemie Produktionskapazitäten reduziert. Dadurch standen gut 20 Anlagen aus unterschiedlichen Gründen still.

Da die wichtigsten Foundries einen Teil der Produktion direkt und auf eigene Rechnung verkaufen, während sie andere Chips an Großkunden liefern, wird es vor allem für Letztere eng.

Was das Problem noch verschärft: Der Nachschub an Silizium stockt ebenfalls. Und das insbesondere aus dem mit Abstand wichtigsten Produzentenland – China. Ein Grund: Die chinesischen Behörden schlossen in den letzten Jahren mehrere Fabriken, weil diese die Umweltauflagen nicht einhalten konnten. Es ist ein Phänomen, das auch die Solarindustrie trifft. Und so trifft der Mangel am Ende die Hersteller von Grafikkarten genauso wie die Medizinaltechnik-Spezialisten oder die Bauer von schweren Lastwagen (in Österreich z.B. auch das umstrittenen Werk MAN).

Eine angedachte Lösung wird jedenfalls nicht funktionieren: Dass die etablierten Automobilhersteller selbst Chips produzieren, scheint ausgeschlossen. Die sind mit vielen Innovationsthemen gut ausgelastet und wollen jetzt zudem eigene Software für ihre Fahrzeuge entwickeln. Aber Europa sollte politisch flankiert seine Kompetenzen und Produktionskapazitäten bei Mikrochips weiter ausbauen.

Diese internationale Wirtschaftsverflechtung löst verstärkt Unbehagen aus. Dabei ist es gerade der Erfolg der Globalisierung, der Opposition hervorruft. Europa muss die technologische Souveränität sicherstellen und zum Beispiel die steigende Abhängigkeit von Asien bei der Produktion von Halbleitern (aber auch bei Medikamenten, medizinischen Produkten) reduzieren!

Sind wir zu abhängig geworden?

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