Auch im Fernsehen kann man gutes Theater sehen

GRAF ÖDERLAND Eine Moritat in zwölf Bildern von Max Frisch

Ich bin noch nicht im „Ausgehmodus“ angekommen. Einerseits habe ich zu spät auf das Angebot der Theater reagiert und daher keine Karten mehr bekommen. Andererseits freut es mich einfach noch nicht, abends wegzugehen. Ob das Faulheit, Gewohnheit – aus dem Lockdown ist, darüber möchte ich gar nicht nachdenken.

Aber gestern gab es Interessantes im Fernsehen, nein, nicht der Songcontest, nicht gleich mehrere Tatorte.  Es gab eine Moritat – das allein faszinierte mich schon, denn eine Moritat (vielleicht auf Mordtat oder Moralität zurückgehend, oder vom um Lateinischen moris für „Sitten, Brauchtum“ abgeleitet) ist eine schaurige Ballade und das Erzähllied des Bänkelsängers. Diese Schauerballaden, die sich auch an wahren Begebenheiten orientierten, wurden häufig durch eine Drehorgel, Violine, Gitarre oder Harfe begleitet, auf Straßen, Plätzen und Jahrmärkten von Moritatensängern und Bänkelsängern vorgetragen. Der Moritatensänger verschwand in den 1930er Jahren allmählich aus dem öffentlichen Leben. In letzter Zeit wurde allerdings der Moritatengesang durch Einzelne oder Gruppen wiederentdeckt.

Der zweite Grund war, dass der Autor dieses Stücks Max Frisch (* 15. Mai 1911 in Zürich; † 4. April 1991 ebenfalls in Zürich) war. Ich schätze seine Werke. Wer meiner Generation hat nicht Biedermann und die Brandstifter oder Andorra im Theater gesehen, wer hat nicht seine Romane Stiller, Homo faber und Mein Name sei Gantenbein gelesen.

Der Name des Stücks klang seltsam, aber irgendwie auch seltsam vertraut: Graf Öderland; und wenn Sie keine Gelegenheit haben die Aufführung nachzusehen: es geht um einen Staatsanwalt, der vom bürgerlichen Leben gelangweilt ist und sich auf die Suche nach absoluter Freiheit begibt, wobei er mit einer Axt jeden ermordet, der sich diesem Ziel in den Weg stellt. Öderland endet als Anführer einer revolutionären Freiheitsbewegung und erhält durch diese Position Macht und Verantwortung, die ihn ebenso unfrei machen, wie er es zu Beginn des Stücks war. Es wurde 1951 geschrieben. Es wurde damals zum Misserfolg.

Ein weiterer Grund mir dieses Stück im Fernsehen (3SAT) anzusehen: er war eine Koproduktion des Theater Basel mit dem Residenztheater München, beide renommierte Institutionen.

Zum Inhalt jetzt noch ein wenig konkreter: Ein Hauswart, erschlagen: ohne Grund, ohne Motiv, einfach so. Eine Tat, die alle Gewissheiten und Lebenskonstrukte ins Wanken bringt. Durch den Arbeitsalltag vom Leben entfremdet, greift der Kassierer einer Bank zur Axt und mordet. Im Mörder und dessen „sinnloser“ Tat sieht Staatsanwalt Martin, der mit diesem Fall betraut ist, sein eigenes Gefangensein in einer von Pflicht, Gesetz und Ordnung dominierten bürgerlichen (spießbürgerlichen?) Existenz gespiegelt. Schlagartig erobern den Staatsanwalt die lebenslänglich verdrängten Sehnsüchte und treiben ihn zur Flucht in die Welt seines mysteriösen Alter Ego: in die Welt von Graf Öderland. Als Graf Öderland beginnt Martin mit der Axt in der Hand einen blutigen Feldzug gegen den gesellschaftspolitischen Status quo. Er streift mordend und marodierend durchs Land. Er schart immer mehr Anhängerinnen und Anhänger um sich, die ihn zum Befreiungshelden stilisieren und schließlich eine Bewegung bilden, die nicht mehr zu stoppen ist. Alle Verzweifelten, Ausgegrenzten und Gelangweilten vereinen sich zu einem nihilistischen Kult um den Grafen als Führerfigur und stürzen schließlich sogar die Regierung. Ohne jede Ideologie oder Agenda ist die Gruppe allein der radikalen Freiheit verpflichtet. Das gesellschaftliche Gefüge ist zerstört, die Gesellschaft im wahrsten Sinne des Wortes gespalten. Doch was anfangs als gesellschaftlicher Befreiungsschlag erscheint, entpuppt sich als verzweifeltes und brutales Ringen um die eigene innere Freiheit, unter dem Motto: „Ich will nicht die Macht! Ich möchte leben!“

In dieser Inszenierung taumeln, kriechen und stürzen die Figuren aus einem schwarzen Trichter, was sie zum Teil zu recht verkrampften Körperhaltungen zwingt. Sie scheinen sich in einer Welt zu bewegen, in der für unumstößlich gehaltene Grundsätze verloren sind und autoritäre, totalitäre Strömungen die Oberhand gewinnen. Menschlichkeit ist nichts weiter als eine naive Erinnerung – oder war doch alles nur ein böser Traum? Es sind hervorragende Schauspieler „am Werk“, die vor allem auch sehr klar sprechen, und die live-Musik untermalt das Stück absolut kongenial.

Wenn das Stück (angeblich Lieblingsstück von Max Frisch) auch 1951 geschrieben wurde, erinnert vieles an die derzeitige Situation – wenn im Stück auch die Pandemie nicht vorhergesehen ist.

Ich finde, diese Aufführung sollten viele sehen – denn sie regt zum Denken an!

Auch im Fernsehen kann man gutes Theater sehen

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