Schlaglicht auf ein Stück Kolonialgeschichte

Namibia

Viele europäische Länder haben eine koloniale Vergangenheit, und nun scheint die Zeit gekommen zu sein, sich den Konsequenzen dieser Zeit und der resultierenden Aktionen zu stellen. Es betrifft auch Deutschland.

Erst spät trat Südwestafrika in den Bereich der europäischen Erforschung und Kenntnis. Schon 1868 wollten deutsche Missionare der Rheinischen Missionsgesellschaft den König von Preußen für das Gebiet interessieren und baten um seinen Schutz, da sie unter den ständigen Kämpfen der Afrikaner sehr zu leiden hätten. 1876 versuchten die Briten von der Kapkolonie aus, das Gebiet in Besitz zu nehmen, konnten sich aber nicht durchsetzen. Sie behielten jedoch die Walfischbai und die Pinguininseln in ihrer Hand.

Im Auftrag des Bremer Tabakhändlers Adolf Lüderitz erwarb der 22 Jahre alte Kaufmannsgehilfe Heinrich Vogelsang am 1. Mai 1883 die Bucht von Angra Pequena, die heutige Lüderitzbucht und fünf Meilen Hinterland vom Volk der Nama in Bethanien. Der vereinbarte Kaufpreis betrug 200 alte Gewehre und 100 englische Pfund. Im September 1883 segelte Lüderitz dann selbst nach Südwestafrika. Reichskanzler Bismarck entsandte das Kanonenboot SMS-Nautilus auf Erkundungsfahrt in die Lüderitzbucht. Lüderitz beanspruchte fortan ein um das sechzehnfache größere Gebiet da unterschiedliche Meilenlängen dem Vertrag zugrunde lagen) . Die Nama fühlten sich getäuscht, konnten aber trotz Protest ihren Standpunkt nicht durchsetzen. Das erste offizielle Flaggen-Hissen in Südwestafrika fand am 7. August 1884 in Lüderitzbucht statt.

Sogleich wurde ein zweiter Vertrag abgeschlossen, in dem Lüderitz der Küstenstreifen zwischen dem Oranje-Fluss und dem 26. Breitengrad und ein Gebiet von 20 Meilen landeinwärts von jedem Punkt der Küste aus für weitere 500 Pfund und 60 Gewehre verkauft wurde. Bis 1890 vergrößerte sich Deutsch-Südwest um das Damaraland, das Ovamboland und die Republik Upingtonia im Norden. Im Nordosten kam der Caprivizipfel hinzu, von dem man sich neue Handelsrouten versprach und der den Anschluss zum Sambesi-Fluss herstellte. Dieser Gebietsgewinn beruhte auf dem mit Großbritannien abgeschlossenen Helgoland-Sansibar-Vertrag vom 1. Juli 1890.

1890 wurde der Grundstein für die Feste „Groß Windhuk“ gelegt. Die Schutzgebietsverwaltung wurde bald darauf in diese Festung verlegt. Um sie herum entstand im Laufe der kommenden Jahre die spätere Landeshauptstadt Windhuk, die heute offiziell „Windhoek“ heißt.

Nun wurde 1884 ein kaiserlicher Generalkonsul und Kommissar für Deutsch-Westafrika ernannt. Reichskanzler Bismarck ernannte 1885 Heinrich Göring, den Vater des späteren nationalsozialistischen Politikers Hermann Göring, zum neuen Reichskommissar. Als ich mit meinem Mann kurz Windhoek in Namibia besucht hatten, war ich damals erstaunt als ich mich in einer Heinrich-Göring-Straße fand, aber auch dass ein schwarzer Arbeiter in einem Park, den wir nach dem Weg fragten – auf unsere englische Anfrage auf Deutsch geantwortet hat. Über Windhoek sind wir aber, sehr zu meinem Leidwesen nicht hinausgekommen. 1887 wurde das Gerücht verbreitet, dass bei der Walfischbucht Gold gefunden worden sei.

Der Aufstand der Herero begann am 12. Januar 1904, nachdem sich die Volksgruppe durch massive Landkäufe der Deutschen Kolonialgesellschaft immer mehr aus ihrem Siedlungsgebiet zurückgedrängt sah und sie durch skrupellose Händler an den Rand der wirtschaftlichen Existenz gebracht worden waren. Es folgte ein jahrelanger zermürbender Kleinkrieg mit der Schutztruppe, der erst 1907/08 endgültig niedergeschlagen werden konnte. Zunächst wurden einzelne Farmen, Eisenbahnlinien und Handelsstationen angegriffen. Die zunächst zahlenmäßig unterlegene deutsche Schutztruppe wurde im Februar durch 500 Marineinfanteristen und eine Freiwilligentruppe verstärkt. Da die Kampfkraft der Herero falsch eingeschätzt worden war, gelang es zunächst nicht, entscheidende Vorteile zu erringen. Die Reichsregierung war mit dem Verlauf der Operationen unzufrieden tauschte die verantwortlichen Personen aus und machte die völlige Vernichtung des Gegners – der Herero – zum Ziel.

Es gelang den Herero zwar, wie im Falle einer Niederlage geplant, nach Südosten auszuweichen, sie unterschätzten jedoch die Schwierigkeiten, welche sich durch eine Flucht mit Rinder- und Ziegenherden, Kindern und Verwundeten durch die Omaheke-Trockensavanne ergaben. Während der Kämpfe und der Flucht kamen nach unterschiedlichen Quellenangaben bis zu 60 Prozent der Herero ums Leben. Dieses ging als Völkermord an den Herero und Nama in die Geschichte ein.

Die Vorgänge kosteten durch Krankheiten, Hunger und Durst, Kampfhandlungen, Überfälle, Flucht und vielfach menschenunwürdige Missstände in den Internierungslagern nach Schätzung zwischen 24.000 und 64.000 Herero, etwa 10.000 Nama sowie 1365 Siedlern und Soldaten das Leben. 76 Weiße galten als vermisst und sind wohl größtenteils durch Kriegseinwirkung umgekommen. Gefangene Herero und Nama wurden von den Deutschen in eigens für sie errichtete Konzentrationslager gebracht. Die ersten dieser Lager wurden in den Jahren 1904/05 nach dem Vorbild der britischen Buren-Lager in Südafrika errichtet.

Repräsentanten der Herero argumentierten in der Vergangenheit, dass nach der vierten Haager Konvention von 1899 Repressalien gegen die Zivilbevölkerung der Verlierer schon damals untersagt gewesen seien. 2004 verlangte ein Sprecher der Herero in Berlin von den Deutschen das Eingeständnis der Schuld und ein Bekenntnis zur kolonialen Vergangenheit. Er verwies auf die Holocaustmahnmale und sah sein Volk benachteiligt, da nirgends die Schlacht am Waterberg erwähnt werde. Für die Vertreter der Herero blieben wichtige Fragen offen. Neben der Anerkennung als Völkermord sind dies die offizielle Entschuldigung der deutschen Regierung, die Rückgabe aller menschlichen Überreste aus deutschen Sammlungen sowie Versöhnungsmaßnahmen einschließlich der Zahlungen von Reparationen. Im Mai 2021 wurden die Gespräche mit einem Abkommen abgeschlossen. Demnach werde sich der Bundespräsident vor der Nationalversammlung Namibias förmlich entschuldigen. Wiedergutmachung werde in Form von Sozialprojekten in den historischen Siedlungsgebieten geleistet.

Nun wird in Deutschland nach Spuren von glorifizieren Kolonialismus und Völkermord gesucht. Es wird gegen koloniales Vergessen gearbeitet.

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