Ich lerne wieder einmal dazu: was ist cancel culture

Ein neuer Begriff für bestehende Verhaltensweisen?

Man hat es wirklich nicht leicht als alter Mensch, kaum glaubt man, bei wenigstens bei den halbwegs gängigen Themen mitreden zu können, taucht flugs schon wieder ein neuer Begriff auf, mit dem man anfangs aber schon gar nichts anfangen kann.

Na gut, man will ja nicht von gestern sein und schaut einmal im „Dr. Google“ nach, in den Lexika, die bis vor kurzem noch herumstanden, findet man derartiges ohnedies nicht.

Es geht diesmal um „Cancel Culture“. Cancel Culture ist ein politisches Schlagwort, mit dem übermäßige Bestrebungen zum Ausschluss von Personen oder Organisationen bezeichnet werden, denen beleidigende oder diskriminierende Aussagen beziehungsweise Handlungen vorgeworfen werden.

Canceln wird oft in sozialen Medien betrieben und zielt auf einen Entzug von Aufmerksamkeit ab. Typischerweise geht es um Fragen sozialer Gerechtigkeit, dabei vor allem um Sexismus, Heterosexismus, Homophobie und Rassismus. Cancel Culture richtet sich vor allem gegen diejenigen, die aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer Hautfarbe als privilegiert angesehen werden. Hoppala, da sehe ich mich als Betroffene? Damit gehen in der Regel Beschuldigungen einher, die den Ruf der betroffenen Person schädigen können. Entsprechende Vorfälle haben vereinzelt auch zu Entlassungen sowie zur Absetzung von Filmen und Fernsehserien geführt. Der Begriff wird auch im Zusammenhang mit der Revision von als rassistisch wahrgenommenem kulturellen Erbe, wie zum Beispiel Denkmälern von Kolonialisten oder Blackfacing gebraucht. So besehen, geht es dabei bei uns z.B. um das Lueger Denkmal.

Cancel Culture ist ein politischer Begriff, der von den Gegnern dieser Tendenz geprägt wurde. Der Begriff gilt als ambivalent, ist umstritten und negativ besetzt und steht in der Tradition der Auseinandersetzungen um Political Correctness. Auf diesem Sektor habe ich ja einige Erfahrung. Oftmals richtet sich der Begriff gegen linke Politik bzw. gegen die Unterdrückung unpopulärer Meinungen an Universitäten und in sozialen Medien, wohingegen der Begriff seltener für rechte Politik gebraucht wird, die vor allem über Gesetzgebungsverfahren linke Ansichten zu ersticken versucht. Auch wenn das Phänomen „Proteste gegen andersartige Meinungen“ an sich nicht neu ist, so erlaubten es insbesondere die sozialen Medien stärker als zuvor, Debatten über die Angemessenheit von beispielsweise Handlungen und Kulturdenkmälern zu führen, die eine internationale Beachtung erreichen können, während Berichte über umgeworfene Statuen und Proteste offenbar den Eindruck einer „neue[n] Form von linker Aggression“ erweckten.

Cancel Culture wird als Gefahr für demokratische Grundrechte wie Meinungsfreiheit sowie Freiheit von Kunst und Wissenschaft gewertet und mitunter sogar mit Zensur in Verbindung gebracht. Wird wirklich eine jüngere Generation von Intellektuellen, Wissenschaftlern und Künstlern eingeschüchtert und traut sich nicht mehr, eine andere Meinung zu äußern. Lähmt wirklich der Trend, Menschen mit anderen Überzeugungen zu verleumden oder zu feuern, die Fähigkeit, kollektiv Probleme zu lösen?

Das am 2. Februar 2021 gegründete Netzwerk Wissenschaftsfreiheit aus über 70 festangestellten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in Deutschland will „Opfern der Cancel Culture seine Unterstützung“ anbieten und „unzulässig ausgegrenzte Sichtweisen in eigenen Veranstaltungen wieder ein Forum verschaffen, solange sie sich im Rahmen von Gesetz und Verfassung bewegen“.

2021 gründeten in den USA 200 Wissenschaftler vor verschiedenen politischen Hintergründen die Academic Freedom Alliance als Reaktion auf die Cancel Culture, die sie als Gefahr für die freie Gesellschaft und die Toleranz gegenüber Andersdenkenden sehen. Die Allianz möchte Hochschullehrer dabei unterstützen „zu sprechen, zu unterrichten und zu veröffentlichen, ohne Angst vor Sanktionen, Mobbing, Bestrafung oder Verfolgung“ haben zu müssen. Ich denke da konkret auch an die Auflösung von Universitätsinstituten den USA,  die sich mit römisch-griechischer Kultur befassen, die von manchen als Kolonialismus-begründend erachtet wird. Darüber habe ich aber schon geschrieben:   https://christachorherr.wordpress.com/2021/04/22/weg-mit-der-westlichen-zivilisation/

So, und jetzt lese ich, dass es in Schleswig-Holstein, im Kreis Segeberg, einen Ort gibt, dessen Name Negernbötel ist. 989 Einwohner hat das Dorf, eine neue Feuerwehrhalle, eine neue Siebanlage im kommunalen Klärwerk – und einen Namen, den die Grüne Jugend gern abschaffen möchte. Weil der Name „Negernbötel“ rassistisch sein soll. „Der Ortsname N***rnbötel enthält das sehr verletzende und rassistische N-Wort“, äußert die Grüne Jugend Segeberg und fordert: „N***rnbötel umbenennen!“ Welche „Nicht-Weißen“ haben sich an diesem Namen gestoßen?

Wo stehe ich jetzt, wenn ich das für un-notwendig halte im Zusammenhang mit cancel culture?  Ich warte einfach ab, bis ein neues Wort in der Sprache der deutschen Medien für all das auftaucht.

Ich lerne wieder einmal dazu: was ist cancel culture

5 Gedanken zu “Ich lerne wieder einmal dazu: was ist cancel culture

    1. danke für die Information, ich bin auch gegen Umbenennungen, bei uns (und auch in der Schweiz) geht es auch um das Wort Mohren in Zusammenhang mit z.B. Mohrenbräu oder Mohrenapotheke … Das sindauch lange benutzte Namen, …

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  1. Cancel Culture läuft auf die Betonung des Anderseins hinaus und führt zu Diskriminierung (Ausgrenzung), fördert also den sogenannten „Rassismus“ statt ihn zurückzudrängen.

    Im Kern halte ich die Cancel Culture für rechtsreaktionär, ebenso wie die Identitätspolitik von (vermeintlich) „links“.
    Ein anschauliches Beispiel beschreibt Hannah Wettig, Sprecherin der Berliner Säkularen Grünen, in diesem Beitrag:
    „Von identitätspolitischen Strebern, die Professorinnen gefallen wollen“ — https://hpd.de/artikel/identitaetspolitischen-strebern-professorinnen-gefallen-wollen-19297

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