Die Bewegung des Zweiten Juni

Die Studentenunruhen der sechziger und siebziger Jahre.

Vielleicht erinnern sich manche von Ihnen noch an die Siebziger Jahre – eine unruhige Zeit – z.B. in Deutschland, in Frankreich und in Italien. Im Vergleich dazu, erleben wir jetzt eine fast biedermeierliche Zeit. Ganz andere Themen bewegten damals die jungen: wie z.B. der Vietnamkrieg, aber auch das europäische Verhalten gegenüber dem Schah von Persien.

Damals kam es zur Bewegung 2. Juni. Das war eine in den 1970er Jahren in West-Berlin aktive linksextreme terroristische Vereinigung. Sie wurde nach dem Todesdatum von Benno Ohnesorg (* 15. Oktober 1940; † 2. Juni 1967; Student und Teilnehmer an der Demonstration am 2. Juni 1967 in West-Berlin gegen den Staatsbesuch von Schah Mohammad Reza Pahlavi) benannt.  Er wurde dabei in West-Berlin von dem Berliner Polizisten Karl-Heinz Kurras, Pseudonym Otto Bohl (* 1. Dezember 1927; † 16. Dezember 2014; Polizeibeamter. Aber auch von 1955 bis mindestens 1967 Inoffizieller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR) erschossen. Sein gewaltsamer Tod machte Ohnesorg in ganz Deutschland bekannt und trug wesentlich dazu bei, dass sich die westdeutsche Studentenbewegung der 1960er Jahre bundesweit ausbreitete und radikalisierte. Sein Todestag gilt als Einschnitt der westdeutschen Nachkriegsgeschichte mit weitreichenden gesellschaftspolitischen Folgen.

Kurras wurde mit Hilfe von Falschaussagen und erheblichen polizeilichen Manipulationen in zwei Gerichtsverfahren freigesprochen. Nachdem 2009 seine Tätigkeit als Geheimer Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit bekannt geworden war, wurde nochmals gegen ihn ermittelt. Erwiesen ist seit 2011, dass er auf Ohnesorg ohne Auftrag, unbedrängt und wahrscheinlich gezielt geschossen hatte. Eine neue Anklage für dieses Verbrechen blieb aus[CC1] .

Nachdem Georg von Rauch (* 12. Mai 1947; † 4. Dezember 1971 war in der Studentenbewegung der 1960er Jahre aktiv und danach Angehöriger der linksradikalen militanten Szene in West-Berlin) am 4. Dezember 1971 beim Versuch seiner Festnahme erschossen worden war, fanden zum Jahreswechsel 1971/72 in Berlin Treffen verschiedener linker, teils gewaltbereiter Gruppen statt. Sie diskutierten ihren Zusammenschluss und gründeten im Januar 1972 die Bewegung 2. Juni. Diese verübte eine Reihe von terroristischen Bombenattentaten, Banküberfällen und Entführungen von Funktionsträgern des Staates und aus der Wirtschaft. Der Präsident des Berliner Kammergerichts Günter von Drenkmann wurde 1974 bei einem fehlgeschlagenen Entführungsversuch erschossen. Durch die Entführung des CDU-Spitzenkandidaten zur Abgeordnetenhauswahl in Berlin 1975, Peter Lorenz, erpresste die Bewegung 2. Juni die Freilassung mehrerer verurteilter Terroristen.

Am 2. Juni 1980 erklärte die Organisation ihre Selbstauflösung. Einige ihrer Aktivisten schlossen sich der Roten Armee Fraktion (RAF) an. Diese war dann verantwortlich für 33 oder 34 Morde an Führungskräften aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung, deren Fahrern, an Polizisten, Zollbeamten und amerikanischen Soldaten sowie für die Schleyer-Entführung, mehrere Geiselnahmen, Banküberfälle und Sprengstoffattentate mit über 200 Verletzten. Durch Fremdeinwirkung, Suizid oder Hungerstreik kamen 24 Mitglieder und Sympathisanten der RAF ums Leben.

Nur zur Erläuterung einige der „Heldentaten“ der Bewegung des 2.Juni:  

  • Am 2. Februar 1972 verübte die Bewegung 2. Juni einen Sprengstoffanschlag auf den Britischen Yachtclub und zwei PKW der in Berlin stationierten Alliierten Streitkräfte.
  • 3. März Sprengstoffanschlag auf das Landeskriminalamt Berlin
  • Brandanschlag auf die juristische Fakultät
  • Als Zeichen des Protests gegen den Vietnamkrieg und die Wiederaufnahme der Kriegshandlungen beschloss die Terrorgruppe im Sommer 1972, Anschläge auf amerikanische Einrichtungen in Berlin zu verüben.
  • Am 27. Februar 1975 wurde drei Tage vor der Wahl zum Abgeordnetenhaus der Spitzenkandidat der CDU, Peter Lorenz, entführt.
  • Bei zwei Banküberfällen am 30. und 31. Juli 1975 wurden 100.000 DM erbeutet.
  • Der österreichische Unternehmer Walter Palmers wurde am 9. November 1977 in Wien entführt und nach einer Zahlung von 31 Millionen Schilling nach 100 Stunden Gefangenschaft am 13. November 1977 freigelassen

Ich habe diese Zeit ziemlich bewusst erlebt. Privat war ich verheiratet, hatte zwei relativ kleine Kinder und einen Job, in dem ich zunehmend rastloser wurde. 1972 habe ich dann gewechselt. Also eindeutig schon weit vom Studentenalter und -verhalten entfernt. Die Aktuellen Themen bewegten auch uns, aber wir gingen nicht auf die Straße.

Diese „Studentenbewegung“ war in der Alpenrepublik relativ schwach, wenn man sie mit Paris 1968 oder mit der deutschen Studentenbewegung Berlin 1967/1968 vergleicht. So gesehen entwickelte die Studentenbewegung in Österreich nur eine relativ geringe politische Sprengkraft, war aber und ist in ihren Konsequenzen wichtig, weil sie eigentlich zum ersten Mal seit 1955 internationale (zunächst europäisch-politische) Aspekte nach Österreich gebracht hat. Meine/unsere Heimat stellte bis zur Studentenbewegung 1968 ein relativ abgeschottetes Land dar: um mit den Worten von Papst Paul VI. zu sprechen, eine Insel, eine „Insel der Seligen“? Die Studentenbewegung hat deutlich gemacht, dass Österreich keine Insel sein kann und dass das, was in Europa passiert, sich gesellschaftlich in Österreich niederschlägt, zwar mit Verspätung und abgeschwächt – aber dennoch!

Einer der Höhepunkte der österreichischen Studentenbewegung war die Besetzung eines UNI-Hörsaals. Die revolutionären Vorgänge im Mai ‘68 in Paris waren Vorbild für die Aktionen österreichischer Studenten und Studentinnen. Ende Mai besetzten sie die Universität in Wien, hissten die Rote Fahne und hielten Diskussionsveranstaltungen ab. Die faktische Diskriminierung der Frauen wird z.B. von der Studentenbewegung noch nicht besonders thematisiert. Die Heroen der Studentenbewegung waren durchwegs männlichen Geschlechts.

Ich bin jedenfalls froh, jetzt in wesentlich weniger unruhigen Zeiten zu leben, wenn ich auch viel an der derzeitigen Politik auszusetzen habe.


 [CC1]

Die Bewegung des Zweiten Juni

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