Zu den Wurzeln des Islamismus

Gerade jetzt, im Zusammenhang mit der unglücklichen Islamkarte und dem so genannten politischen Islam, die zu so vielen Missverständnissen geführt hatten, meine ich, dass man vielleicht einmal den Islamismus nachgehen sollte.

Denn Islam ist nicht Islamismus! Der Islam ist mehr als 1.400 Jahre alt, doch das Phänomen, das heutzutage als von vielen als Islamismus bezeichnet wird, gibt es erst seit ca. einem Jahrhundert. Manche meinen, dass der Islamismus aus der Begegnung des Islam mit der Moderne – speziell der Moderne westlicher Prägung – entstanden sei. Für viele Muslime, besonders in der arabischen Welt, war die Kolonialzeit demnach eine demütigende Erfahrung, die viele Fragen nach der eigenen Identität aufwarf. Mir scheint auch, dass dies zu der weitverbreiteten Opferrolle, die viele Muslime prägt, geführt hat.

Allerdings meine ich, dass der Niedergang des Islam bereits viel früher begonnen hat. Anfangs gab es große historische Erfolge, mit Kalifaten und Imperien, die die mehr als die halbe Welt regierten. Die Muslime waren führend in vielen Wissenschaften, zogen auch Wissenschaftler aus vielen Weltgegenden an. Damas waren Muslime weltoffen, übersetzten die griechische Literatur und die Schriften der klassischen Antike – besonders der Philosophen.  

Im elften oder zwölften Jahrhundert christlicher Zeitrechnung beziehungsweise im vierten oder fünften Jahrhundert islamischer Zeitrechnung erklärten immer mehr islamische Rechtsgelehrte die „Tore des Idschtihād“ für geschlossen, was dann auch zum allgemeinen Konsens wurde und unangefochten bis ins 19. Jahrhundert so blieb. Grund für die „Schließung der Tore des Idschtihad“ war die Tatsache, dass eigentlich jeder gewöhnliche Muslim prinzipiell eine Fatwa ausstellen kann, was in der Praxis zu ständiger Unsicherheit über Rechtsfragen führen kann, da es im sunnitischen Islam keinen fest abgegrenzten Klerus gibt, der das alleinige Recht zur Ausstellung einer Fatwa hat, sondern nur die relativ unklar abgegrenzte Gruppe der Rechtsgelehrten (Ulama).

Einige Gelehrte der damaligen Zeit, z.B.  al-Ghazali, kämpften, vielleicht in weiser Voraussicht, vehement gegen diese Erstarrung, unterlagen aber letztendlich doch. Und durch diese Erstarrung konnte es auch dazu kommen, dass z.B. aus religiösen Gründen über lange Zeit die Druckerpresse abgelehnt wurde.  Wir in Europa haben erlebt, welchen gesellschaftlichen Wandel die Druckerpresse auslösen konnte.

Es war daher nicht nur der Kolonialismus, der letztlich zum Islamismus geführt hat. Sicher, es waren weite Teile der islamischen Welt vom „Westen“ beherrscht (nicht aber z.B. das riesige Osmanische Reich), der seine imperialen Interessen durchsetzte und vielerorts jahrhundertealte soziale und kulturelle Normen über den Haufen warf. Die koloniale Erfahrung war an verschiedenen Orten ganz unterschiedlich ausgeprägt und brachte eine ganze Reihe, manchmal widersprüchlicher Phänomene hervor – vom Widerstand bis hin zur totalen Anpassung. Jedenfalls löste der Kolonialismus eine Suche nach der eigenen muslimischen Identität aus.  Besonders in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden deshalb in verschiedenen Teilen der mehrheitlich muslimischen Welt religiös-fundamentalistische Bewegungen, die einen scheinbar reinen, nicht korrumpierten und vor allem an den religiösen Texten orientierten Islam predigten. Anfangs wurde aber der Kolonialismus von den Muslimen nicht bekämpft.

In Ägypten formierte sich eine Gruppe junger Gelehrter an der berühmten Al-Azhar-Universität und propagierte die Rückbesinnung auf einen Islam, wie er angeblich zur Zeit des Propheten Mohammed und seiner unmittelbaren Nachfolger – der sogenannten „frommen Vorfahren“ (salaf) – existiert hatte. Diese Bewegungen waren aus der Begegnung mit dem Westen entstanden. Diese Vorstellung – extrem befolgt, konnte auch zu absurden Ergebnissen führen.

1928 entstand die islamistische Muslimbrüderschaft in von Großbritannien beherrschten Ägypten.   Ihr Gründer war Hasan al-Banna (1906 bis 1949), er empfand den Einfluss westlicher Ideen als destruktiv. Ägypten wurde – nach al-Bannas Vorstellung – von einer Welle des Atheismus und der Wollust überflutet. Er meinte, dass im Namen der individuellen und intellektuellen Freiheit Moralität und Religion zerstört würden. Als Antwort gründete al-Banna islamische Schulen, Wohlfahrtsvereine, Krankenhäuser und Berufsverbände – jeder Aspekt des gesellschaftlichen Lebens sollte vom Islam geleitet und durchdrungen sein. Die zentrale Idee und Botschaft – „Islam ist die Antwort“ – fiel auf fruchtbaren Boden. Das ultimative Ziel war nicht allein das Ende des Kolonialismus, sondern die Abschaffung säkularer Rechtssysteme und die Einführung der islamischen Scharia. Das bedeutete, dass die Aktivitäten der Muslimbruderschaft – obwohl zunächst das rein Spirituelle im Vordergrund gestanden hatte – letztlich auf einen politischen Konflikt hinausliefen.

Später wurden in Weiterentwicklung dieser Ideen die „modernen“ muslimische Staaten mit den heidnischen, „ignoranten“ (jahili) Gesellschaften der vor-muslimischen Zeit verglichen. Um die absolute „Souveränität“ Gottes zu etablieren, müsse auch der Dschihad eingesetzt werden, um die Herrschaft Gottes durchzusetzen.

So wird die Lage auch im saudischen Wahhabismus gesehen, benannt nach seinem Begründer Mohammed al-Wahhab (1703 bis 1792). Den Wahhabiten geht es nicht allein um eine Rückbesinnung auf den Islam der „frommen Vorfahren“, sondern um die Feindschaft gegenüber jeder Form des Unglaubens, des Polytheismus aber auch der religiösen Innovation. Dazu gehören aus wahhabitischer Sicht die kompromisslose Trennung zwischen Gläubigen und Ungläubigen (kufr) und das Zerstören jeglicher Hinweise auf andere Religionen. Von dort stammte die Vision einer aus ihrer Sicht perfekten Gesellschaft, die es nach der Revolution durchzusetzen galt.

So konnte es in der muslimischen Welt zu einer Vielfalt von Strömungen kommen. Der dschihadistische Salafismus ist nur eine von vielen Varianten. Es gibt auch Salafisten, die ihren weltlichen Herrschern die Treue schwören und sich auf die friedliche Missionierung (dawa) beschränken. Ihnen allen geht es mittel- und langfristig um die Schaffung eines Gottesstaats wahhabitischer Prägung, doch die Mittel zu seiner Durchsetzung könnten unterschiedlicher nicht sein. Hinzu kommen die Muslimbrüder, die zwar ebenfalls religiös konservativ sind, aber den religiösen Eifer und Purismus der Wahhabiten ablehnen.

Ich finde, dass wir im Westen nicht allein die Schuld an der Radikalisierung des Islam tragen. Wir müssen nur lernen, mit dieser Situation zu leben, und unsere eigene Identität festigen.

Zu den Wurzeln des Islamismus

11 Gedanken zu “Zu den Wurzeln des Islamismus

  1. Michael Wurstbauer schreibt:

    Der Rektor des Instituts für Islamische Religion IRPA hat einmal einen Vortag mit den Worten begonnen: „Allah heißt Barmherzigkeit.“ Das hat mich damals sehr beeindruckt. – Wenn in diesem Sinn alle geistigen Denker und geistlichen Führer des Islam um die ganz Welt wie aus einem Mund aufschreien würden: „Ihr Djihad-Kämpfer seid keine Gläubigen! Ihr habt nicht das Recht euch zum Islam zu bekennen, weil ihr mordet. Ich seid eine Schande für uns alle!“ (Oder so ähnlich…) Dann würde man ihnen die religiöse Ausrede für ihre Kriege entziehen. Und zwar nachhaltig in der islamischen Welt. Und die übrige Welt würde man von Vorurteilen befreien.

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  2. Mit dem Ende des Idschtihad („Findung von Normen durch eigenständige Urteilsbemühung“; Wikipedia) ist die islamische Welt in eine bereits vielhundert Jahre anhaltende Phase innerer Erstarrung eingetreten, aus der es keinen islamisch begründbaren Ausweg zu geben scheint.

    Auch eine Anpassung islamischer Schriften an sich ändernde oder veränderte gesellschaftliche oder sonstige Gegebenheiten oder Erkenntnisse ist m.W. wegen des angeblich göttlichen Ursprungs der grundlegenden islamischen Schrift, des Korans, nicht möglich, ebensowenig eine Historisierung — auch wenn es im Koran heißt:
    „Wenn Wir eine Aya [einzelner Vers einer Sure im Koran] aufheben oder der Vergessenheit anheimfallen lassen, so bringen Wir eine bessere als sie oder eine gleichwertige hervor. Weißt du denn nicht, daß Allah Macht über alle Dinge hat?“ (Sure 2 Vers 106).

    Das Ansinnen des Gründers der Muslimbrüberschaft, Hassan al-Banna, war m.E. nicht, dem Einfluss „westlicher“ Wertvorstellungen wie z.B. der Gewaltenteilung des demokratischen Rechtsstaats, der Rechtsgleichheit vor dem Gesetz u.v.a.m. etwas Adäquates, islamisch Begründetes entgegenzusetzen, sondern im Gegenteil, den Absolutsheitsanspruch des Islams in allen Bereichen des Gesellschaftlichen wie des Privaten und dessen islamisch nicht angreifbare Gültigkeit festzuschreiben.

    Wenn man sich, wie es al-Banna gemacht hat, auf ein „Gott“ stützt, sind der Machtanspruch und dessen Legitimierung die perfekte Grundlage für Despotismus und Alleinherrschaft ohne Gewaltenteilung.

    Der „Westen“ trägt daran, wie ich meine, keine Schuld.

    Es liegt an den Machthabern und auch an Predigern in islamischen Ländern und Gemeinschaften, anzuerkennen, dass es gesellschaftliche Änderungen, neue wissenschaftliche und andere Erkenntnisse gibt.

    Eckhardt Kiwitt, Freising

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    1. ich stimme Ihnen voll zu; das Problem ist, dass dieser Aspekt weder gelehrt noch verbreitet wird, weder an den Universitäten noch in den Medien – und daher die „Schuldfrage“ nicht richtig gesehen wird.

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      1. Dass die von mir angesprochenen Aspekte in den Medien und an Universitäten nicht thematisiert werden, liegt möglicherweise daran, dass es dort als „rassistisch“ gilt, sie zu benennen bzw. überhaupt Kritik am Islam und am persönlichen Fehlverhalten einzelner Muslime zu üben.
        Stattdessen solidarisiert man sich mit patriarchalischem Despotismus, verteidigt diesen, und sympathisiert vielleicht sogar ein wenig mit ihm.

        Diese Kritik-Hemmung hängt m.E. damit zusammen, dass man Muslimen unterstellt, mit Kritik nicht umgehen zu können — was dann jedoch der eigentliche „Rassismus“ wäre, eine Diskriminierung und Herabsetzung auf Kleinkind-Niveau.
        Obendrein bestätigt die Kritik-Hemmung genau das, was in so manchen der sog. „Mohammed-Karikaturen“ zum Ausdruck gebracht wird. Man kann das sehr schlau finden …

        Eckhardt Kiwitt, Freising

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      2. es sit schwierig geworden, vieles darf nicht mehr beim Namen genannt werden, um nicht andere zu beleidigen. Aber eine klare Sprache wäre notwendig, umd die Probleme wirklich benennen – und damit besser lösen zu können

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      3. Nach meiner vielfachen eigenen Erfahrung darf man nach wie vor alles beim Namen nennen, es ist oft nur eine Frage der Argumentation.

        Solange man auf der Sachebene bleibt und auf unsachliche persönliche Angriffe oder Diffamierungen grundsätzlich mit Argumenten auf der Sachebene antwortet, ist es kein Problem.

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      4. Von der Political Correctness halte ich auch nicht viel, man kann auf der Sachebene durchaus sehr stark argumentieren — siehe z.B. den neuesten Beitrag auf meiner Website vom 14. Mai 2021.

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