Als ich meinen ersten Job antrat …

Und auf T. traf

Ich hatte mein Studium beendet – und hatte hochfliegende Pläne. Selbstverständlich habe ich während meiner Studienzeit eine Reihe von unterschiedlichen Arbeiten angenommen und auch ausgeführt, aber der erst Job – das war dann doch etwas anderes.

Ich wollte mir mit der Suche nicht allzu viel Zeit lassen – ich war meinen Eltern schon viel zu lange auf der Tasche gelegen. Ich hatte mich bei einigen Firmen beworben und auch vorgestellt, so formalisiert wie heute war das damals nicht. Als ich dann das Angebot von der „Atombehörde“ erhielt, war ich stolz darauf – und nahm es an. In der Atombehörde zu arbeiten galt damals als sehr „in“ (wobei dieses Wort dafür damals noch nicht im Einsatz war). Ich hinterfragte nicht, welche Arbeit mir zugeteilt werden würde, ich kümmerte mich nicht um mögliche Aufstiegschancen etc.

Ich war froh, ich hatte einen Job, die Bezahlung schien mir angemessen, der Arbeitsplatz war in der Lothringer Straße, später am Ring (Grand Hotel). Aber am ersten Arbeitstag konnte ich fast nicht gehen, da ich offene, aufgeplatzte Blasen an den Füßen hatte. Das kam daher, dass ich – um meine Eltern nicht um Geld für Strümpfe bitten zu müssen, ohne Strümpfe mit relativ neuen Schuhen – ich wollte ja einen guten Eindruck in den diversen Personalbüros machen – zu den Interviews gegangen war, und auch um das Geld für Fahrscheine zu sparen (die Studentenkarte galt ja nur für eine bestimmte Strecke – zur Hochschule) überall zu Fuß hingegangen war.

Ich wurde der Registry zugeteilt. An sich ein ganz guter Einstieg in eine neue Organisation, denn dort wurde die gesamte Post durchgeleitet und dorthin kamen auch Kopien der ausgehenden Briefe.  Je eine Kopie wurde nach Sachgebiet abgelegt, die andere chronologisch. Ich bekam einen guten Überblick, welche Gebiete behandelt wurden, wer in welcher Abteilung arbeitete … Kopieren war damals nicht so einfach wie heute, es dauerte und die Kopien waren aus einem sehr brüchigen Material. Von den technischen Fragen, die in dieser Organisation behandelt wurden, verstand ich wenig, aber ich bemühte mich, darüber zu lernen. Auf die Dauer war’s dann eher eintönig, und ich versuchte, anderswo in dieser Organisation zu arbeiten, was mir dann auch gelang.

Wohl am interessantesten in dieser Organisation waren die Menschen, die dort arbeiteten. Es gab zwar einerseits eine sehr strenge Hierarchie, aber andererseits arbeiteten dort Menschen mit so unterschiedlichem (gesellschaftlichem) Background, der sehr oft nicht mit ihrer „Einreihung“ entsprach.  In einer internationalen Organisation mussten selbstverständlich alle Mitgliedsstaaten vertreten sein. Auf dem Gebiet der Atomenergie gab es aber in vielen Ländern keine Experten, die man entbehren konnte. Daher kam ein großer Teil der „Experten“ aus den USA, Großbritannien etc.  Andere kamen aus weiten UN-Organisationen, um eine hier eine neue Organisation aufzubauen, und dann waren da die vielen Ausländer, die aus unterschiedlichen Gründen in Wien wohnten und nun hier endlich einen angemessenen Job finden konnten. Und die vielen Österreicher, die gut in diversen Fremdsprachen waren.

In der Abteilung, in der ich meine „Karriere“ (naja, vielleicht besser Arbeitslaufbahn) begonnen hatte, arbeiteten nur Frauen. Eine meiner ersten Kolleginnen in der oben erwähnten Registry war T. Sie war mit Herz und Seele Engländerin, aber dennoch sehr kosmopolitisch orientiert. Ihr Vater war Botschafter in St. Peterburg gewesen, als die russische Revolution ausgebrochen war. Ihr Bruder war Korrespondent der Times im Wien. Sie hatte lange in Russland gelebt, sprach gutes Russisch. Sie war überhaupt „vielsprachig – nur: sie stotterte in allen Sprachen. Nicht durchgehend, nur es kam halt immer wieder. Später hat sie mir erzählt, dass ihre Eltern – um diesem Handicap zu Leibe zu rücken, T. in Gesang ausbilden ließen – denn wenn sie sang – stotterte sie nicht. Sie liebte das Musikleben in Wien, heiratete später auch einen amerikanischen Komponisten hier, den wir aber alle „kannten“, denn er hatte auch Sprecher bei Blue Danube Radio gearbeitet.  Als dann ihre Kinder kamen, war unser Kontakt nur mehr sehr lose gewesen. Sie lebte sehr gesellig, die Einladungen bei ihr am Modenapark und später in der Großen Pfarrgasse waren legendär.

Leider haben ich den Kontakt zu ihr später, als ich dann nicht mehr in der bunten Welt der Atombehörde arbeitete zu ihr vernachlässigt, das letzte Mal habe ich sie bei der Seelenmesse für ihren sehr früh verstobenen Mann gesehen, für dessen Musik sie sich mit allen ihren Fähigkeiten eingesetzt hatte. Sie war ein sehr warmherziger, offener Mensch, das Schicksal anderer war ihr nie egal.

T. müsste jetzt über 90 Jahre alt sein – ob sie noch lebt, hier in Wien?

Als ich meinen ersten Job antrat …

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