Eine fast unglaubliche, aber wahre Geschichte

Aus dem Zweiten Weltkrieg: Schach und Wodka

Mit einer sehr lieben, etwas jüngeren Freundin habe ich über das jeweilige Schicksal unserer Eltern und Großeltern im Zweiten Weltkrieg geplaudert.

Sie hat mir die folgende Geschichte erzählt, die ich Ihnen nicht vorenthalten will, weil sie mich so berührt hat (und weil ich weiß, dass sie nicht erfunden, sondern wirklich passiert ist.)

Der Vater meiner Freundin ist im Zweiten Weltkrieg in russische Gefangenschaft geraten.  

Zwischen 1941 und 1945 gerieten schätzungsweise 3,2 bis 3,6 Millionen Soldaten der Wehrmacht in sowjetische Kriegsgefangenschaft. 1,11 Millionen kamen dabei ums Leben oder kehrten nie zurück. Rund 100 000 Österreicher waren unter diesen Kriegsgefangenen, die für die Volkswirtschaft der Sowjetunion während des Zweiten Weltkrieges und nach Kriegsende herangezogen wurden. Die über drei Millionen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion wurden in Sammellager gebracht und von dort aus zu den einzelnen Kriegsgefangenenlagern transportiert. Ein Kriegsgefangenenlager hatte einen Hauptstandort mit dem Sitz der Lagerverwaltung und administrativ angeschlossene Nebenlager (bis zu 25 Nebenlager pro Hauptstandort).

Wer in sowjetische Gefangenschaft geriet, musste meist den Marsch in die 50 bis 70 Kilometer hinter der Front befindlichen Sammelpunkte für Kriegsgefangene antreten. Erst dort fand eine erste Versorgung der Verwundeten statt. Viele der bereits erschöpften, hungernden oder verwundeten Soldaten überlebten die Strapazen des Marsches nicht. Von den Sammelpunkten ging es weiter in die Front-Aufnahme-Durchgangslager, die sich ca. 100 bis 150 Kilometer hinter der Front befanden. Hier wurden die Gefangenen das erste Mal registriert. Das Schicksal vieler Soldaten, die es nicht bis in diese Lager schafften und daher auch nie registriert wurden, ist bis heute ungeklärt. Von den Front-Aufnahme-Lagern ging es in überfüllten Viehwaggons in die stationären Lager. Es gab eigene Lager für Offiziere und solche für Mannschaften und Unteroffiziere, wobei die Offizierslager sich oftmals wiederum in Lager für Generäle und Lager für Stabsoffiziere teilten.

Es wurden 216 Lagerverwaltungen mit ihren jeweiligen Verwaltungsnummern und 2454 Einzellager ermittelt. Darüber hinaus wurden 166 Arbeitsbataillone der Roten Armee sowie 159 Hospitäler und Erholungsstätten für Kriegsgefangene mit ihren Verwaltungsnummern erfasst. Außerdem sind zunächst weiter landeinwärts errichtete Lager wegen des Wiederaufbaus nach der Befreiung vom Feind nach Westen verlegt worden – so z. B. das Lager 126, das 1943 in Schadrinsk gegründet wurde. Insgesamt wurden 2125 Standorte ermittelt, an denen sich deutsche Kriegsgefangene aufgehalten haben. Daneben gab es eine bis heute unbekannte Zahl an Sonderlagern, die sich auf ein Gebiet von der polnischen Grenze bis nach Sibirien verteilten.

Wie das Deutsche Reich in Bezug auf die sowjetischen Kriegsgefangenen sah sich auch die UdSSR nicht an die Regelungen der Genfer Konvention zur Behandlung von Kriegsgefangenen gebunden. Mit dem Fortschritt des Krieges verschlechterten sich die Daseinsbedingungen in den Lagern dramatisch. Die Verpflegung der Häftlinge mit Nahrungsmitteln und die Versorgung mit Unterkünften waren vielerorts katastrophal. Hunger und Seuchen nahmen zu, insbesondere Cholera und Typhus.

Meine Freundin erwähnte weder den Namen noch den Ort des Lagers, in dem ihr Vater gefangen war. Aber sie erzählte, dass er und ein Freund aus diesem Lager fliehen könnten. Allerdings wer bei der Flucht aufgegriffen wurde, den erwarteten harte Strafen bis hin zur Erschießung. Dennoch war die Flucht gelungen. Nun galt es noch – unerkannt – durch das “Feindesland“ an „die Grenze“ zu gelangen.  

Fast schienen die beiden Geflohenen in Sicherheit zu sein, als sie von einem Russen aufgegriffen wurden. Dieser wollte sie an die Behörden ausliefern. Aber – wissend um die Schachleidenschaft der Russen – bot der Vater meiner Freundin ihm folgende „Lösung“ an: wenn der Russe das Schachspiel gegen den Vater meiner Freundin gewinnen sollte, dürfte er beide ehemalige Gefangene den Behörden ausliefern. Sollte der Österreicher das Schachspiel gewinnen, dürften beide ehemalige Gefangene ihre Flucht fortsetzen.

Ein Schachspiel wurde aufgestellt, und Flasche Wodka daneben, und beiden Spielern wurde eingeschenkt. Der Österreicher wusste, wenn er den Wodka jetzt trank, fast verhungert, erschöpft  und übermüdet, so konnte er dieses schicksalsträchtige Matsch nicht gewinnen. Der Russische Partner, voll Selbstvertrauen – auch auf seine Trinkfestigkeit – trank jedes neuerlich eingefüllte Glas. Der Österreicher schüttete den Wodka einfach an sich hinunter und trank ihn nicht. Und – er gewann letztendlich das Spiel.

Der geschlagene Russe war fair genug, um beide ehemalige Kriegsgefangene ihren Weg fortsetzen zu lassen.

Über das weitere Schicksal sprachen wir dann nicht, ob der Vater meiner Freundin bei seiner Rückkehr wieder im Deutsch Heer dienen musste, oder überhaupt der Kreig eh schon aus war. Aber jedenfalls hat das entscheidende Schachspiel wahrscheinlich das Leben gerettet – und die Freiheit geschenkt.

Wir Nachfahren können uns eine derartige Situation kaum vorstellen.

Eine fast unglaubliche, aber wahre Geschichte

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