Schlaglichter zu den ersten Bundeskanzlern der Zweiten Republik

Als ich Sie um „Themen“ für meinen Blog bat, wurde vorgeschlagen, frühere Bundeskanzler – bzw. frühere Bundespräsidenten mit den heutigen zu vergleichen.

Vielleicht möchte ich mit den ersten Bundeskanzlern der Zweiten Republik beginnen. Ich denke das sind jene, die in der unmittelbaren Nachkriegszeit, als Österreich noch besetzt war, regierten.  Das sind Leopold Figl (Kanzler von 1945 bis – 1953) und Julius Raab (Kanzler von 1953 bis 1961). Ihnen vorausgegangen ist Karl Renner, er fungierte 1945 – bis zur ersten Wahl im November 1945 als Staatskanzler. Von 1945 bis 1950 war er dann Bundespräsident. Ich glaube gerade diese beiden, Figl und Raab, kann man überhaupt nicht mit den heute Tätigen vergleichen, denn die Umstände, aber auch ihre Zielsetzungen und Aufgaben waren vollkommen anders, als jene Herausforderungen, vor denen die jetzigen Bundeskanzler stehen.

Beide waren OEVP Politiker und führten eine ÖVP-SPÖ Koalition, beide kamen aus Niederösterreich. Beide waren an den Verhandlungen zum Staatsvertrag beteiligt. Figl kam aus bäuerlichem Umfeld, Raab aus einer Baumeisterfamilie. Aber beide besuchten jeweilige Gymnasien. Figl gründete als Gymnasiast gemeinsam mit seinem späteren Nachfolger als Bundeskanzler, Julius Raab, die MKV (Mittelschüler Kartell) -Verbindung K.Ö.M.V Nibelungia St. Pölten.

Raab, der Bauingenieur und Baumeister, diente im Ersten Weltkrieg als Pionieroffizier. Beim Zusammenbruch im Jahr 1918 führte er als Oberleutnant seine Kompanie geordnet von der Piavefront zurück in die Heimat.

Figl studierte, trat dem Bauernbund bei und war im Ständestaat politisch (Führer der Ostmärkischen Sturmscharen, einer paramilitärischen Organisation) aktiv. Ing. Julius Raab war von 1927 bis 1934 Abgeordneter der Christlichsozialen Partei zum Nationalrat. Er wurde zudem im September 1928 von Ignaz Seipel für Niederösterreich in die paramilitärische Heimwehr entsandt. Er legte am 18. Mai 1930 als Führer der niederösterreichischen Heimwehr den Korneuburger Eid ab, in dem der „westliche demokratische Parlamentarismus“ und der Parteienstaat „verworfen“ wurden; dies wurde von Demokraten als Signal des Austrofaschismus verstanden. Allerdings verließ er die Heimwehr im Dezember 1930. Vor allem aufgrund seiner Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus distanzierte sich Raab allmählich vom antidemokratischen System der Heimwehr. Entsprechend der christlichsozialen Ideologie war er damals ein „nachgewiesener Antisemit“. Im letzten Kabinett Kurt Schuschniggs vor dem „Anschluss“ war Raab im Februar/März 1938 Handelsminister. Seine Bestellung galt als Signal für ein autonomes Österreich in Verbindung mit einer geplanten Annäherung an die zuvor noch verfolgte Arbeiterbewegung.

Beim „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich wurde Figl als prominenter Funktionär des Ständestaates am 12. März 1938 verhaftet und mit dem sogenannten Prominententransport vom 1. April 1938 in das KZ Dachau gebracht. Dort war Figl der erste Österreicher, der zur Prügelstrafe verurteilt wurde, weil er verbotenerweise in einem Gespräch das Wort Österreich verwendete. Er wurde vor den versammelten Häftlingen und Wachmannschaften von zwei SS-Männern über einen Bock gelegt und mit einem wassergetränkten Ochsenziemer 25-mal auf den Rücken geschlagen. Als er wieder losgebunden wurde, lag er bewusstlos mit blutverschmiertem zerschlagenem Rücken auf dem Bock. Nach über fünf Jahren KZ-Aufenthalts wurde er am 8. Mai 1943 vorläufig entlassen. Julius Raab vermittelte ihm eine Beschäftigung in seiner Baufirma. Er wurde aber wieder verhaftet. Nur der Zusammenbruch der NS-Herrschaft rettete Figl vor der Exekution.

Unter der NS-Herrschaft galt Raab als „wehrunwürdig“ und erhielt für den damaligen „Reichsgau Niederdonau“ Aufenthaltsverbot. Raab gründete in Wien eine Baufirma, in der er zahlreiche Gesinnungsfreunde unterbrachte – Leute, die aus der Haft entlassen worden waren oder auch nicht weiter „auffallen“ wollten.

Mit dieser Geschichte waren diese Männer nun damit befasst, dieses Österreich neu zu gründen. Das Land war weitgehend zerstört, das Land war besetzt und die Menschen hungerten, viele hatten kein Dach über den Kopf und es kamen zahlreiche Vertriebene als Flüchtlinge in unser Land.  Die Zielsetzungen dieser ersten Regierungen ÖVP-SPÖ waren ganz klar: außenpolitisch darum kämpfen, dass dieses Land in seiner Gesamtheit (also nicht geteilt) wieder seine Souveränität zurückerlangt, gegen jene Besatzungsmächte kämpfen, die das Land teilen und ausplündern wollten. Den Menschen beim Überleben zu helfen: Nahrungsmittel beschaffen, Baumaterial beschaffen. Sich mit dem Alliierten Rat auseinandersetzen, der letztlich die Entscheidungsgewalt im Land hatte. Da blieb für Hickhack keine Zeit, auch die Koalitionspartner waren teilweise im KZ gewesen, man wusste wohin die Auseinandersetzungen der dreißiger Jahre geführt hatten und vermied Zwietracht. Sie waren zwar politische Gegner, gegen die man in Wahlen antreten mussten, aber die gemeinsamen Zielsetzungen waren stärker. Man achtete und schätzte einander, man war teilweise befreundet und spielte gerne Karten miteinander, man tarockierte.

Über Figl z.B. kursierten zahllose Witze, die einerseits seine Trinkfreudigkeit andererseits seine mangelnden Sprachkenntnisse zum Inhalt hatten. Diese Witze waren meist nicht bösartig.  Diese beiden Bundeskanzler agierten nicht „elitär“. Die Söhne Figls und Hurdes‘ allerdings wurden aufgrund ihres Verhaltens von Qualtinger karikiert: noch heute kennen viel den Song: „der Papa wird‘s schon richten.

Allerdings war es auch die Zeit, da der österreichische Proporz entstanden ist, der sich lange gehalten hat und auch weiter hält.

Ich meine, dass Leopold Figl oder Julius Raab heute keine Chance hätten, gewählt zu werden.

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