Akademietheater – Fräulein Julie – August Strindberg

Sagen Sie bitte nicht: schon wieder.  Ich habe diesen Juni wirklich „kulturell“ genutzt, denn jetzt kommt leider schon wieder die Sommerpause, und da kann man die kulturellen Ereignisse nur „mit dem Auto“ erreichen – über das ich nicht verfüge. Und Reichenau gibt es auch nicht mehr!

Daher gestern noch einmal Akademietheater: Fräulein Julie, von August Strindberg. 1888 wurde dieses Stück geschrieben – fast zeitgleich mit der Uraufführung von Maeterlincks Pelléas und Melisande, das ich am Sonntag gesehen habe.

Anfänglich habe ich mich gefreut, weil ich seit vielen Aufführungen das erste Mal wieder den Vorhang (Blick vom (Führer-)Balkon auf den Heldenplatz) gesehen habe. Viel erwartet vom Inhalt des Stückes habe ich nicht. Strindbergs Verhältnis zu Frauen wird im Allgemeinen als kompliziert eingeschätzt, wovon schon seine drei gescheiterten Ehen Zeugnis geben. Thomas Mann äußert zu Strindberg: „Es gibt in keiner Literatur eine teuflischere Komödie als seine Eheerfahrungen, als seine Verfallenheit an das Weib und sein Grauen vor ihm, seine heilig monogame Verehrung und Verklärung der Ehe und sein völliges Unvermögen, es darin auszuhalten.“

Zu diesem Stück (es ist das meist aufgeführte von allen Strindberg Stücken): Eine junge Gräfin und ihr Diener (der aber mit der Köchin/Putzfrau verlobt ist) kommen einander in der schwedischen Mittsommernacht näher, sie flirten hemmungslos, schlafen miteinander, entzweien sich dann und streiten mi (oder besser gegen-) einander. Sie träumen von einer gemeinsamen Zukunft – ohne eine Ahnung zu haben, wie das überhaupt funktioniert soll oder woher sie das Geld dafür herbekommen sollen. Trotz aller erotischen Anziehung können sie die traditionellen sozialen Schranken und Konventionen nicht überwinden. Nach dieser Schande bleibt Fräulein Julie nichts übrig, als sich umzubringen. Sie wird aber daran von dem Diener gehindert. Ende: es geht weiter – wie bisher, mit allen sozialen Schranken.

Ein Drei-Personen-Stück, Kristin, die Köchin/Putzfrau (Sarah Viktoria Frick) war für mich am eindrucksvollsten, eine starke Frau, realistisch, geerdet, religiös. (An ihr zeigen sich die religiösen Aspekte von Strindberg). Sie hat viel “zu spielen“, weniger zu sagen.

Schwierig ist die Rolle der Julie (Maresi Riegner) – eine Gratwanderung – am Rande der Hysterie. Ihre Mutter hat große Erwartungen (Emanzipation) in sie gesetzt, die sie nicht erfüllen kann. Sie spürt die gesellschaftlichen Grenzen, die ihr durch ihre (gräfliche) Familie gesetzt sind, sie überschreitet sie fast bedenkenlos, um aber dann wieder vor den Konsequenzen zurückzuschrecken, wahrscheinlich auch aufgrund der Angst vor dem nicht auftretenden Patriarchen – dem Grafen. Der zwischen den zwei Frauen schwankende, aber der erotischen Anziehung der Julie verfallend, ist Jean (Itay Tiran), der Diener.  Er will ein anderes Leben, kann sich aber nicht aus der Hierarchie lösen. Er folgt sofort dem Ruf des Grafen, als dieser wieder Eingetroffenen ihn ruft.  Traurig!

Eine spannende Aufführung, aber ich kann mich mit keiner Person auch nur annähernd identifizieren. Daher entspricht dieses Stück nicht „meiner Welt“. Es ist auch nicht mehr „archetypisch“ für unsere Zeit, meine ich. Es betrifft mich nicht, daher berührt es mich auch nicht. Ich kann eigentlich auch nichts daraus „mitnehmen“. Aber es war spannend und kurzweilig.

Dennoch – es ist interessant inszeniert, hervorragend gespielt, die grausliche hintere Beton-Bühnenwand sieht man nur am Rande, da das Stück nur in einem Badezimmer und einem Gang spielt (einiges passiert auch im „off“) das sich in einem Stück eines Hauses befindet, auf der Bühne steht.

Ich kann „Fräulein Julie“ empfehlen.

Akademietheater – Fräulein Julie – August Strindberg

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