Eine kleine Geschichte der Sommerfrische

Sie ist wieder erstanden

Das Wort selbst soll dem Italienischen entstammen, venezianisch spricht man davon, dass „der einzige Zweck des Spaziergangs zu sein scheint, Frische und Kühlung zu suchen. Sie sagen nicht ‚spazieren gehen‘, sondern ‚prendere il fresco‘ (Kühlung nehmen)“.

Das Übersiedeln vom Quartier in der Stadt auf den Landsitz ist schon beim Adel in der Antike üblich gewesen. Die Gründe sind anfangs primär wirtschaftlich, der Adel hatte im Sommer den landwirtschaftlichen Betrieb zu betreuen, der die wirtschaftliche Basis seiner Herrschaft bildete. „Urlaubs“-Zeit war dann im Winter, wo die Landwirtschaft ruht. Man konnte in die Stadt übersiedeln und am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Daneben schätzte man aber auch, den im Sommer bedenklichen hygienischen Bedingungen der Stadt entkommen zu können. Wir kennen manche dieser Landhäuser, die in unserer Zeit ausgegraben wurden.  Übriggeblieben sind oft die Mosaikböden mit den so lebendigen Jagdszenen. Viele Römer hatten auch ihre Sommersitze am Meer, mir kommt da Baiae in den Sinn. Baiae war für seine Quellen bekannt und entwickelte sich vor allem in der späten römischen Republik und am Beginn der Kaiserzeit zu einem beliebten Heilbad und Erholungsort. Zahlreiche wohlhabende Römer wie Caesar oder Cicero ließen in der Umgebung der Stadt teilweise aufwändige Villen errichten. Auch römische Kaiser wie Caligula, Nero oder Hadrian nahmen dort zeitweilig Aufenthalt; ein Teil des Gebiets von Baiae war seit Augustus kaiserlicher Besitz. Viele von uns wählen für ihren Sommeraufenthalt auch gerne Thermenregionen! Das dem Vergnügen gewidmete Leben in Baiae war sprichwörtlich; so schilderte es Cicero in seiner Verteidigungsrede für Marcus Caelius Rufus. Ovid bezeichnete Baiae als geeigneten Ort für Liebesspiele. Einige Zeitgenossen wie Seneca, der den Ort ein „Rasthaus der Laster“ (deversorium vitiorum) nannte, kritisierten die Leichtlebigkeit in Baiae. Durch Veränderungen des Meeresspiegels liegen Teile des antiken Ortes inzwischen unter Wasser, wo ein archäologisches Schutzgebiet – der Unterwasserarchäologiepark Baiae eingerichtet wurde.

Während der mittelalterliche Adel Europas eher aus politischer Notwendigkeit heraus zwischen verschiedenen befestigten Ansitzen wechselte, wurde in Kreisen der Aristokratie mit dem Aufblühen der Städte seit der beginnenden Neuzeit (Renaissance) der Wechsel von Stadtpalais (Winterschloss) in die Sommerresidenz je nach Saison wieder üblich. Mir fällt dazu immer das Stadtpalais des Prinzen Eugen ein, und das Belvedere – unweit davon – als Sommerresidenz, mit traumhaftem Park und Blick auf die Stadt. Ab der Industrialisierung ging der Brauch auf das gehobene Bürgertum über, das sich Landhäuser errichten ließ. Ab dem 19. Jahrhundert wurde Europa durch die Eisenbahn erschlossen, und die Mühen des früher aufwändigen, unbequemen und auch gefährlichen Übersiedeln des gesamten Hausstandes zum Sommersitz entfielen damit teilweise. somit war ab Mitte des 19. Jh. die Sommerfrische fester Bestandteil des Sommerlebens der Aristokratie und des wohlhabenden Bürgertums, welches meist in eigens dafür errichteten Sommervillen verbracht wurde.

Wer sich keinen eigenen Sommersitz leisten konnte, quartierte sich in Gasthäusern und dann zunehmend Privatquartieren ein. Die Sommerfrischler (Sommergäste), widmeten sich dem vorher unbekannten Freibaden an Seen, Wandern oder Bergsteigen.

Bekannte österreichische Sommerfrischen im Fin de Siècle waren das Salzkammergut, der Wörthersee, die Regionen um Semmering, Schneeberg und Rax, Baden bei Wien und Bad Vöslau. Dort kann man sie noch finden, die prachtvollen Villen, in denen sommers die Wiener lebten. Und zu dieser Zeit wurden auch die Kurorte, die mit der Bahn erreichbar waren, berühmt – wie z.B. Bad Gastein. Sogar der Kaiser ging seinerzeit auf Sommerfrische – nach Bad Ischl ins Salzkammergut. Hofstaat, Würdenträger, Künstler, Industrielle und der Adel folgten ihm.

In einer bürgerlichen Familie blieb zumeist nur die Mutter mit den Kindern den ganzen Sommer über in der Sommerfrische, während die arbeitenden Väter nur am Wochenende und für ein bis drei Wochen Urlaub nachkamen.

Illustre Beispiele für regelmäßige Sommerfrischler, vor allem im Salzkammergut und am Wörthersee, sind die Komponisten Gustav Mahler (1893–1896 in Steinbach am Attersee, 1900–1907 in Maiernigg am Wörthersee, 1908–1910 in Toblach), Johannes Brahms oder Alban Berg. Aus der Wissenschaft sind exemplarisch Sigmund Freud (u. a. Semmering, Bad Gastein, Grundlsee), Erwin Schrödinger, Moritz Schlick oder Herbert Feigl zu nennen, aus der Literatur Arthur Schnitzler (im Ausseerland) oder Peter Altenberg (am Semmering).

Meine liebste Beschreibung des Lebens in der Sommerfrische findet sich wohl im „Das weite Land“ von Arthur Schnitzler. Dieses unbekümmerte Leben war nur mit Domestiken möglich, der Tennisplatz war jedenfalls damals wichtiger als der Swimmingpool, der heute ein „Muss“ ist.  Derzeit ist es nicht einmal mehr der Swimming Pool, sondern der große Schwimmteich, der erforderlich ist – in der Sommerfrische, die auch wieder so heißt.

Haben Sie einen schönen unbeschwerten Sommer, egal wo!

Eine kleine Geschichte der Sommerfrische

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