Lost in Europa

Die Flüchtlingssituation

Es wird derzeit früheren Generationen so einiges vorgeworfen: Vor allem derzeit Antisemitismus (z.B. Lueger etc.), den etwas später Geborenen, dass sie allesamt Nazis gewesen wären, der darauffolgenden Generation, dass sie sich vor der Aufarbeitung gedrückt hätte …

Naja, und indem das schon immer so war: was wird man der jetzigen Generation in Zukunft vorwerfen?  Ich könnte mir da schon einiges vorstellen, besonders im Zusammenhang mit Klimaveränderung, Artensterben, Verschmutzung der Meere, Plastikmüll, Ressourcenverschwendung (besonders Lebensmittel) etc.

Aber eine wahre Schande finde ich unser Verhalten Flüchtlingen gegenüber. Neulich habe ich gehört, dass man Schallgeräte einsetzt, um Flüchtlinge von den Außengrenzen Europas fernzuhalten. Ja, wir bauen unser Europa immer weiter zur Festung aus, die Belagerung durch Flüchtlinge wehren wir einfach ab, mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln. Viele ertrinken ohnedies unterwegs! Und sollten es einige der Flüchtlinge dennoch geschafft haben, EU-Boden zu betreten auf den griechischen Inseln, auf Malta, Lampedusa oder Ceuta, tun wir alles nur erdenklich Mögliche, sie umgehend zurückzuschicken oder dort unter wirklich grauenhaften Bedingungen möglichst lange festzuhalten. Ich denke an die Lager in Lesbos. Wir stehlen Menschen bewusst ihre Lebenszeit.  Jene Zeit, die sie in Europa verbringen wollten mit Arbeit, mit Aufbau einer Existenz, mit Beschaffung von Wohnraum für ihre Familien. Besonders den Kindern dort – ab sie nun alleinreisend oder mit ihren Eltern gekommen sind, verweigern wir Bildung. Das nachzuholen stelle ich mir schwer bis unmöglich vor. Die Menschen sind dort vollkommen perspektivenlos. 

Wir sehen es, wir hören es, und wir tun NICHTS dagegen.

Andere lassen wir an Grenzen einfach hängen, ohne irgendeine Versorgung.  Z.B. an der EU-Außengrenze zwischen Bosnien-Herzegowina und Kroatien sitzen derzeit Hunderte Flüchtlinge fest, die Polizei hindert sie daran, in die EU zu gelangen. In ganz Bosnien sind es momentan rund 8.000 Geflüchtete. 6.000 von ihnen leben in offiziellen, teilweise heillos überfüllten Camps, 2.000 haben sich auf eigene Faust ihren eigenen Schutzraum gesucht; verlassene Häuser, Bauruinen, aufgegebene Firmengebäude, abbruchreife Lagerhallen, aber auch Zelte im Wald sind ihr vorübergehendes Zuhause. Darunter befinden sich rund 500 unbegleitete minderjährige Geflüchtete, die am meisten gefährdet sind, Opfer von Gewalt zu werden. Die EU schließt ihre Außengrenzen, finanziert in der ganzen Region ein Netzwerk an Camps, in denen prekäre Bedingungen herrschen, und drängt die Balkanstaaten zum Ausbau ihrer Kapazitäten für Rückführungen aller Art. Damit verbunden ist die Militarisierung der Grenzen zwischen den einzelnen Ländern des Westbalkans: Es gibt immer mehr Stacheldrähte, Mauern und Wärmebildkameras. Illegale, sehr brutale Pushbacks sind in der Ägäis und entlang der gesamten Balkanroute zur Normalität geworden – in aller Öffentlichkeit und völlig ungestraft. Wichtiger Pfeiler dieser Sicherheitszusammenarbeit im Namen der Migrationsabwehr ist es, biometrische Daten zu sammeln und aufzubereiten. Die Ziele solcher Bemühungen sind kein Geheimnis und werden in einem Protokoll des EU-Rats vom Juni 2020 klar beschrieben: Erstens sollen alle Staaten im Westbalkan als sichere Drittstaaten gelten. Zweitens sollen Rückübernahme-Abkommen für Drittstaatsangehörige geschlossen werden, die in einem dieser Länder bereits vergeblich einen Asylantrag gestellt haben. Drittens soll die Kapazität für freiwillige und unfreiwillige Rückkehr in den Balkanländern gestärkt werden. Damit würde die EU den Dublin-Mechanismus weiter auslagern und die Balkanstaaten gleichermaßen zu einem Hotspot vor seinen Toren und zu einem Epizentrum für Abschiebungen machen.

Wer nicht in einem der offiziellen Camps lebt, bekommt Hilfe nur von privaten Hilfsorganisationen. Sie helfen, obwohl es ihnen dort offiziell verboten ist. Hygienische Standards gibt es in den Behausungen so gut wie keine, frisches Wasser ist Mangelware, die Flächen rund um die jeweiligen Gebäude gleichen vielfach Müllhalden. Menschen kommen und gehen, geduldet, aber nicht erwünscht. Viele der Geflüchteten sind krank, leiden an Krätze, Atemwegsinfektionen, Erkrankungen der Verdauungsorgane, von den psychischen Erkrankungen ganz zu schweigen. Corona ist so gut wie kein Thema, da nicht getestet wird und werden kann.

Und selbst wenn die Flüchtlinge endlich nach vielen Mühen in den Zielländern ankommen, beginnt ein sehr langer, sehr dorniger Weg mit vielen bürokratischen Hindernissen. Und dann kann es dazu kommen, dass gut integrierte Menschen nach langem Aufenthalt wieder von hier abgeschoben werden – und das möglicherweise in das „sichere“ Land Afghanistan.

Ich glaube, dass die zukünftigen Generationen viel Grund haben werden, um uns Vorwürfe zu machen – werden wir dann auch versuchen, uns herauszureden?  SCHANDE!

Lost in Europa

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