Brüssel war einmal ein Weilchen österreichisch

Aber viel länger habsburgisch

Historisch betrachtet, lag Brüssel – die derzeitige Hauptstadt Europas – einmal in Österreich, in den österreichischen Niederlanden. Die Österreichischen Niederlande umfassten in etwa das Gebiet der heutigen Staaten Belgien und Luxemburg und existierten vom Ende des Spanischen Erbfolgekrieges im Jahr 1714 bis zur Eroberung durch französische Revolutionstruppen und den Anschluss an die Französische Republik im Jahr 1795. Also nicht besonders lang – historisch gesehen. Aber vorher – da war das Gebiet ab 1477 lange Zeit habsburgischer Hausbesitz, beginnend unter Maximilian I.   

Nach dem Aussterben der spanischen Linie der Habsburger und dem daraus resultierenden Spanischen Erbfolgekrieg kamen die bis dahin Spanischen Niederlande an die österreichische Linie des Hauses. So entstanden 1714 die Österreichischen Niederlande. Die alliierten Gewinner des Krieges waren sich lediglich einig in der Abwehr des französischen Expansionsdranges. Für die südlichen Niederlande bedeutete dies, dass in einigen wichtigen Festungen und Städten niederländische Truppen stationiert wurden. Gleichzeitig blieb die Schelde für den Seehandel geschlossen, und die ehemalige Welthandelsstadt Antwerpen blieb weiterhin in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung gehemmt. Festgelegt wurde dies im sogenannten Barrieretraktat, also ein „Grenzschutzvertrag“, in denen der Republik der Sieben Vereinigten Provinzen seitens Großbritanniens bzw. Österreichs Besatzungsrechte innerhalb des Festungsgürtels des sog. Pré carré zugestanden wurden. Gedacht war das Pré carré als eine Barriere gegen ein territoriales Ausgreifen Frankreichs auf Kosten der Spanischen bzw. die Österreichischen Niederlande. Die von Kaiser Karl VI. gegründete Ostender Kompanie (1722 vom Habsburger römisch-deutschen Kaiser Karl VI. für den Seehandel mit Ostindien gegründet) konnte damit den geeignetsten Hafen des Landes nicht nutzen und war dadurch stark in ihrer Entwicklung gehemmt.

Erster Statthalter wurde Prinz Eugen von Savoyen, der sich jedoch von seinem Vertrauten Ercole Turinetti de Prié vertreten ließ. Dass der Prinz niemals sein Gouvernement persönlich antrat, mag ein weiterer Grund dafür sein, dass die Statthalterschaft keinen Rückhalt in den Ständen und der Bevölkerung hatte. 1724 wurde die Schwester Kaiser Karls VI. Erzherzogin Maria-Elisabeth Generalgouverneurin, 1744 folgte Karl Alexander von Lothringen, der das erste Jahr gemeinsam mit seiner Frau Maria Anna regierte. Während des Österreichischen Erbfolgekrieges wurden sie 1745–1748 von französischen Truppen unter Marschall Hermann Moritz von Sachsen besetzt. 1780 regierte Fürst Georg Adam von Starhemberg, 1781 Albert Kasimir Herzog von Sachsen-Teschen (uns besser bekannt als Begründer der Albertina). Schon im selben Jahr folgte dessen Frau, Marie Christine Erzherzogin von Österreich (Lieblingstochter Maria Theresias) als Mitregentin. Nach der kurzlebigen unabhängigen „Republik der Vereinigten Niederländischen Staaten“ 1790 war 1793–1794 Karl Ludwig Erzherzog von Österreich letzter Statthalter.

Bis zur Eroberung durch Frankreich während des Ersten Koalitionskriegs wurde das Land durch die Statthalter von Brüssel aus regiert.

Allerdings besonders geschätzt scheinen die Regierenden in Wien dieses Gebiet nicht zu haben, denn sie haben es mehrmals als Tauschobjekt angeboten.  Im Siebenjährigen Krieg sollte Frankreich sie für seine Hilfe bei einer Rückgewinnung Schlesiens erhalten, Auslöser für den Bayerischen Erbfolgekrieg war ein Tauschplan mit dem Kurfürsten der Pfalz (die Österreichischen Niederlande gegen Bayern), den Preußen zusammen mit einer deutschen Fürstenkoalition jedoch verhinderte. Während der französischen Revolutionskriege gab Preußen übrigens nach 1793 doch noch seine Zustimmung zu den österreichisch-bayerischen Tauschplänen, um Österreichs Zustimmung zur zwischen Russland und Preußen vereinbarten zweiten Teilung Polens zu erlangen. Das Vorhaben war jedoch nicht mehr realisierbar: Österreich hatte die südlichen Niederlande nach der Brabanter Revolution und einer ersten französischen Besetzung zwar kurzzeitig zurückerobert, verlor es jedoch schon 1794 endgültig an die französischen Revolutionsheere. Preußen erkannte den neuen französischen Besitzstand 1795 an, und schließlich musste Österreich die verlorenen Besitzungen 1797 im Frieden von Campo Formio an Frankreich abtreten und erhielt als Entschädigung das französisch besetzte Venetien.

Die Bewohner des Landes sträubten sich massiv gegen die zentralistischen und aufgeklärt-absolutistischen Reformen Kaiser Josephs II. (Josephinismus). Dieser Widerstand gipfelte 1789 in der Brabanter Revolution und 1790 in der Proklamation der Republik der Vereinigten Belgischen Staaten. Josephs Bruder und Nachfolger Leopold II. (jener, der vorher so glücklich die Toskana beherrscht hatte) gelang es zwar, die Unruhen zu beenden, aber nicht, die Gegensätze zu den verschiedenen patriotischen Bewegungen zu überwinden, die sich zu dieser Zeit als Träger der belgischen Nationwerdung konstituierten.

1792 wurden die Österreichischen Niederlande erstmals von französischen Revolutionsheeren, nach einer österreichischen Rückeroberung 1793 dann 1794 erneut von Franzosen besetzt und am 1. Oktober 1795 Frankreich angeschlossen. 1797 trat Österreich im Frieden von Campo Formio auch formal die Österreichischen Niederlande an Frankreich ab. Der Friede von Lunéville bestätigte das 1801 auch im Namen des Heiligen Römischen Reiches.

Seit der Unabhängigkeit 1830 ist Belgien eine parlamentarische Erbmonarchie. Der Norden des Landes mit den Flamen ist niederländisches, der Süden mit den Wallonen französisches Sprachgebiet. Die Region Brüssel-Hauptstadt ist offiziell zweisprachig, jedoch mehrheitlich frankophon bewohnt. Der seit dem 19. Jahrhundert anhaltende flämisch-wallonische Konflikt prägt die oft einander zuwiderlaufenden Interessen der Vertreter der beiden großen Bevölkerungsgruppen in der heutigen belgischen Politik.

Brüssel war einmal ein Weilchen österreichisch

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