Die einst so berühmte Rotunde in Wien

Haben Sie schon einmal den 2013 neu errichteten Campus WU der Wirtschaftsuniversität Wien besucht? Wenn nicht, holen Sie das einmal nach, er liegt in der Leopoldstadt, am Nordrand des Wiener Praters. Ein Teil der WU-Anlagen wurde auf dem Areal der 1937 abgebrannten Rotunde gebaut.

Wahrscheinlich können Sie mit dem Begriff Rotunde nicht viel anfangen? Die Rotunde in Wien war ein Kuppelbau, der anlässlich der Weltausstellung 1873 im Wiener Prater auf dem vormaligen Parkgelände errichtet wurde. Sie war zu ihrer Zeit die mit Abstand größte Kuppel der Welt, sie überbot dabei das von 118–125 n. Chr. erbaute Pantheon in Rom. Das Gebäude, auf die die Wiener einst so stolz gewesen waren, fiel 1937 einem Großbrand zum Opfer.

Schon ganz zu Anfang gab es große Probleme: Am 1. Mai 1873 fand in dem noch unfertigen Gebäude die Eröffnung der Weltausstellung statt. Regenfälle, die schon Tage vor der Eröffnung eingesetzt hatten und den Prater in ein Sumpfgelände verwandelt hatten, andauernde ungünstige Witterungsverhältnisse, aber vor allem der Börsenkrach vom 9. Mai 1873 und die nachfolgende Wirtschaftskrise versetzten den optimistischen Erwartungen an die Weltausstellung einen schweren Dämpfer. Eine Choleraepidemie in den Wiener Elendsvierteln hatte einen weiteren Besucherrückgang zur Folge. Statt der erwarteten 20 Millionen Besucher kamen lediglich 7,2 Millionen. Das Defizit der Weltausstellung betrug ca. 15 Millionen Gulden. So fehlten auch die finanziellen Mittel für den ursprünglich geplanten Abriss des Gebäudes.

Es handelte sich um eine teilweise mit Holz und Gips verkleidete Stahlkonstruktion. Das gestutzte Kegeldach ruhte auf 32 Eisensäulen, zwei übereinanderliegende abgestufte Laternen bildeten den oberen Abschluss. Die untere fungierte als Aussichtsgalerie, die obere trug eine vergoldete, mit Steinen besetzte, vier Meter hohe Nachbildung der Kaiserkrone, und stellte die Veranstaltung damit symbolisch unter imperialen Schutz. Der kreisrunde Zentralbau war von vier Galerien quadratisch umschlossen; vier breite Hallen verbanden Kuppelbau und Galerien. Das Hauptportal erhielt die Form eines Triumphbogens. Unter dem Giebel war der Wahlspruch Kaiser Franz Josephs „Viribus Unitis“ (Mit vereinten Kräften) angebracht. Bekanntlich gab es auch ein Schiff in der k. u. k. Marine dieses Namens. Der Innenraum diente während der Weltausstellung als zentraler Treffpunkt für Besucher und offizielle Anlässe. Hier waren österreichische und deutsche Ausstellungen untergebracht.

Der anfangs von Architekten abgelehnte Bau fand auch nach dieser Weltausstellung bei den Besuchern begeisterten Anklang. In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich die Rotunde zum Wiener Wahrzeichen und beherbergte Festveranstaltungen, Zirkusvorführungen und große Ausstellungen:

  • 1883 die „Internationale Elektrische Ausstellung“.
  • 1885 ein großes Praterfest am Pfingstsonntag (24. Mai) zum hundertjährigen Jubiläum der Fiakerzunft, bei der Alexander Girardi zum ersten Mal das Fiakerlied sang. Der Reinerlös kam der Wiener Freiwilligen Rettungsgesellschaft zugute.
  • 1892 die „Internationale Ausstellung für Musik- und Theaterwesen“.
  • 1898 die „Collektivausstellung österreichischer Automobilbauer’“ im Rahmen der „Kaiser Franz Joseph Jubiläumsausstellung“, auf der die vier ersten im damaligen Österreich gebauten Automobile gezeigt wurden, darunter der Wagen von Siegfried Marcus aus den Jahren 1888/89 und zwei Fahrzeuge von Jakob Lohner (Egger-Lohner Elektromobil).
  • 1910 die „Erste Internationale Jagd-Ausstellung Wien 1910“
  • 1913 die „Adriaausstellung“, die die letzte große Veranstaltung der Monarchie war.

Das Gebäude stand im Eigentum des Obersthofmeisteramtes und wurde durch ein Inspektorat mit Sitz in der Rotunde verwaltet. Während des Ersten Weltkriegs wurde die Rotunde als „Rekonvaleszentensammelstelle“ militärisch genutzt. Ab 1920 stand sie wieder für Veranstaltungen zur Verfügung. Nach dem 11. August 1921, der Eröffnung der ersten Wiener Internationalen Messe, war die Rotunde zweimal jährlich Messezentrum. 1936 prüfte die Stadt Wien neue Nutzungsmöglichkeiten, und die Rotunde sollte das Staatsarchiv beherbergen.

Aber schon lange galt das Gebäude als brandtechnisch riskant. Das Hauptgebäude geriet am 17. September 1937 in Brand. Während das Feuer von außen nicht als Großbrand wahrnehmbar war, breitete es sich in den Hohlräumen zwischen Stuckatur und äußerer Blechverkleidung schnell aus. Ausgegangen war es von einer der tragenden Kuppelsäulen. Der Brandort war nur über eine Stiege in einer Höhe von 15 bis 18 m erreichbar. Die mit Blech verkleideten Dachteile verhinderten, dass Löschwasser in ausreichender Menge zu den brennenden Holzteilen gelangte. So brannte die Kuppel, in der 400 t Holz verbaut waren, rasch ab. Schon bald mussten die Löschmannschaften den Rückzug antreten, da Einsturzgefahr bestand. Tatsächlich stürzte die Kuppel ein und drückte die Flammen in die seitlichen Gebäude. Die Feuerwehr konnte ab diesem Zeitpunkt ihre Löscharbeiten nur noch von außen durchführen, da ein Betreten der Gebäude nicht mehr möglich war. Bis zum Abend brannte auch der letzte Eckturm nieder. Außerdem mussten auch Sekundärbrände, die durch den Funkenflug entstanden, gelöscht werden. Zur Unterstützung der Feuerwehr wurden nicht nur dienstfreie Mannschaften einberufen, sondern auch Soldaten angefordert. Der Brand der Wiener Rotunde zählt zu den größten Brandkatastrophen Wiens neben dem Ringtheaterbrand am 8. Dezember 1881.

Das Bauwerk selbst wurde sehr gründlich abgetragen, es blieben nur wenige Artefakte erhalten, von denen sich einige im Pratermuseum befinden. Der Franz-Joseph-Brunnen, der sich einst im Zentrum des Kuppelsaals der Rotunde befand, wurde 1874 von der Grazer Stadtregierung angekauft und befindet sich seither im Grazer Stadtpark.

Uns Nachfahren bleibt nur die Erinnerung, die allerdings durch Brücken- und Straßennamen, sowie eine Station der Liliputbahn aufrechterhalten wird.

Die einst so berühmte Rotunde in Wien

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