Die Ausstellung „Boden für Alle“ ist sehr eindrucksvoll

Im Architekturzentrum im MuseumsQuartier

Heute war „Ausstellungstag“. Unser Ziel war: das MuseumsQuartier, das Architekturzentrum dort, die Ausstellung „Boden für Alle“. Meine Empfehlung: gehen Sie hin, die Ausstellung läuft noch bis 19.7.2021.

Damit setzt sich die Ausstellung auseinander: Die Oberfläche der Erde ist endlich und Boden eines unserer kostbarsten Güter. Ein sorgloser oder ein kapitalgetriebener Umgang (Motto „Grundbuch statt Sparbuch“) mit dieser Ressource hat in den vergangenen Jahrzehnten Gestalt und Funktion unserer Städte und Dörfer massiv verändert. Angesichts der drohenden Klimakatastrophe und steigender Wohnungspreise stellt sich die Frage, ob der bisherige Weg mit maximalen Kompromissen und minimalen Anpassungen noch tragbar ist.

Was mich an dieser Ausstellung wirklich fasziniert hat, war, dass Bodennutzung/Raumplanung  eine Querschnittmaterie ist.  Die Schau erläutert über verschiedene Medien die komplexen Zusammenhänge von Flächenverbrauch, Bodenpolitik, Raum- und Verkehrsplanung, Klimazielen und wirtschaftlichen Hintergründen. Wem gehört der Boden, und wer profitiert von seinem Ertrag? Wer sind Österreichs größte Grundbesitzer? Wie haben sich die Gesetze über die Jahrhunderte geändert? Nach der Finanzkrise 2008 entwickelten sich Immobilien zur besten Wertanlage, mit dramatischen Konsequenzen für unser Zusammenleben. Gewinne werden privatisiert, Verluste von der Allgemeinheit getragen. Gefälligkeitsdemokratie herrscht: „Widmest Du meinen Grund als Baugrund, errichte ich Dir Deinen Kindergarten“.  Wer am „richtigen Ort“, etwa Kitzbühel, eine Umwidmung in Bauland erreicht, wird über Nacht superreich. Es scheint niemand zu stören, gerecht ist es wohl kaum.

Aber es werden Zusammenhänge aufgezeigt, die wahrscheinlich viele von uns betreffen: große Grundstückshalter sind die zunehmenden Pensionsfonds. Und die versuchen für ihre Klientel größtmöglichen Nutzen zu erwirtschaften. Daher sind die Pensionsbezieher damit recht zufrieden. Andererseits benötigen auch Pensionisten Wohnraum, und der wird damit immer unerschwinglicher.

Österreich liegt beim Bodenverbrauch im internationalen Spitzenfeld. Tagtäglich verlieren wir im Schnitt 13 Hektar Boden. Das führt sowohl zum Artensterben als auch zur Klimakrise; 13 Hektar entsprechen rund 18 Fußballfeldern. Außerdem nimmt die Gesundheit der Bevölkerung und die Ernährungssicherheit Schaden!

Es geht uns doch vielen um die fortschreitende Zersiedelung des Landes. Es geht auch um die sogenannten Widmungspolitik – weiter und weiter wird Bauland gewidmet, z.B. für neue Einkaufszentren (als ob wir nicht schon genug davon hätten!), mit riesigen asphaltierten Parkplätzen. Die nicht nur hässlich sind, sondern im Sommer auch große Hitze (auch in der Nach noch) abstrahlen.  Jeder Supermarkt sein eigenes Grundstück. Und wenn Sie sich im Umland so umsehen, steht nur der Supermarkt dort, ein Stückchen weiter – eine anderer. Jeder ist „ebenerdig“! Könnte denn nicht ein Mehrzweckgebäude hingestellt werden, in dem über dem Supermarkt, anderes, Allgemein-Nützliches untergebracht werden könnte? Es geht um die Verdichtung – nicht um die weitere Ausbreitung und damit „Landfraß“.   Die fortschreitende Versiegelung trägt zur Klimakrise bei und gefährdet die Ernährungssicherheit. Die Spekulation mit Grundstücken verteuert den Wohnbau und führt zu einer schleichenden Privatisierung des öffentlichen Raums.

Um die Situation zu verbessern, müssten Raumplanungsgesetze geändert werden, aber auch ein teils fehlgeleitetes Steuergesetz- und Förderungswesen diesen neu entstehenden Problemen angepasst werden. Und da eine Vielzahl von Stellen involviert ist, die auf verschiedenen Hierarchiebeben angesiedelt sind, ist es besonders schwierig Änderungen herbeizuführen. Denn z.B. die zuständige Baubehörde aus der Gemeindeebene herauszuheben, bedarf eines Verfassungsgesetzes, das mit seiner 2/3 Mehrheitserfordernis nur sehr schwer zustande kommen würde. Und es ist auch nicht unbedingt gesagt, dass sich die Sachlage durch die Verschiebung auf eine andere hierarchische Ebene allein eine grundlegende Verbesserung bringen würde.

Die Ausstellung zeigt die politischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Hintergründe. Wie wird Grünland zu Bauland? Wieso steigt der Preis für Grund und Boden? Fallstudien und Begriffserklärungen zeigen anschaulich das Dickicht der Zuständigkeiten. Die diesbezügliche Vorgehensweisen unterschiedlicher Länder bieten Alternativen. Eine Sammlung an bereits bestehenden und möglichen neuen Instrumenten (man kann diese schriftlichen Unterlagen mitnehmen) weist Wege zu einer Raumplanung, die die Ressource Boden schont, den Klimawandel abfedert, der Wohnungsfrage hilft und eine gute Architektur ermöglicht.

Was mir diese Ausstellung gezeigt hat, ist dass jeder von uns in irgendeiner Form beitragen kann, und letztendlich auch muss, dass „der Boden für Alle“ erhalten bliebt und wir auch damit die Klimakrise bekämpfen können.

Nehmen sich auch Zeit für diese Ausstellung, es gibt viel zu sehen, aber auch zu lesen, zum Ausruhen gibt’s eine „Erholungsinsel“ mit bequemen Stühlen in der Mitte und außerdem ist es durchaus möglich, sich zwischenzeitlich in dem lustigen Museumsquartiershof zu erholen. Für mich gab es zwei im Verhältnis sehr kleine Probleme. Einige der Texte sind sehr tief angebracht, sodass man sich eigentlich hinhocken müsste, um sie gut lesen zu können, mit Brillen mit durchgeschliffenen Gläsern ist es stehend nicht zu lesen. Ja, und an einer Wand, hinter der sich ein Fenster befindet, kann man ebenfalls die Text kaum lesen, da das hereinfallende Licht stark blendet.

Aber jetzt unabhängig von diesen winzigen Schwierigkeiten kriegt man förmlich Lust, sich mehr mit Raumplanung zu befassen.

Und um uns hinterher zu stärken, haben wir das ebenfalls sehr empfehlenswerte Glacis Beisl aufgesucht.

Die Ausstellung „Boden für Alle“ ist sehr eindrucksvoll

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