Neokolonialismus in Afrika

Europa klopft sich auf die Brust, schämt sich, bittet um Vergebung, ob der Sünden des Kolonialismus. Es wird geplant, die Museen auszuräumen und Kulturschätze zu retournieren. Es wird detailgenau recherchiert, wie es dazu kommen konnte, wer wann welche Fehler gemacht hat, wer vom Status eines Helden zum Bösewicht degradiert wird und wessen Denkmal verschwinden sollte.

Aber Europa schaut weg, wie das Afrika, das sich in teilweise blutigen Kriegen von seinen Kolonialherren getrennt hat, neuerlich kolonialisiert wird (nur nennt man es halt nicht so). Und wer sind nun diese neuen Kolonialherren? Da fallen derzeit besonders China und neuerdings auch Russland auf.

Chinas Entwicklungsfinanzierung für Afrika erfolgt nach einer eigenständigen Entwicklungsstrategie, die sich zum Teil deutlich von der Entwicklungszusammenarbeit der „Westlichen Welt“ unterscheidet. Auf der einen Seite handelt es sich um klassische Entwicklungshilfe in Form von verbilligten Krediten und kostenlosen Leistungen. Auf der anderen Seite geht es um Tauschgeschäfte, über die afrikanische Rohstoffe billig gegen von chinesischen Firmen erstellte Infrastruktur-Projekte getauscht werden. Als dritte Komponente der Zusammenarbeit kommt der gegenseitige Handel hinzu, der in Richtung China durch die Abschaffung von Zöllen auf mehr als 400 Produkte gefördert werden soll, jedoch überwiegend aus in der Gegenrichtung gelieferten chinesischen Artikeln geringer Qualität besteht.

Das chinesische Engagement steht im Verdacht, einseitig zur Sicherung der Rohstoff-Versorgung und unter dem Stichwort Land-Grabbing zur Nutzung landwirtschaftlicher Flächen für die Nahrungsmittel-Versorgung der chinesischen Bevölkerung zu dienen.

Immer mehr Staaten in Afrika begeben sich für Geld und Investitionen in Chinas Hand. Die Volksrepublik steigert so ihren politischen Einfluss. Vor allem in Ländern wie dem Kongo, in dessen Minen unter anderem das für die Mobilfunkindustrie so wichtige Coltan lagert. „Straßen gegen Rohstoffe lautet der Deal“ mit China. Ein anderes Beispiel: China errichtet eine Freihandelszone im kleinen Dschibuti am Horn von Afrika. Sie soll zwar erst in ein paar Jahren endgültig fertig sein, aber schon jetzt haben sich rund 700 Unternehmen dort niedergelassen. Auch einen großen Hafen gibt es bereits. Es ist das Einfallstor Chinas auf den Kontinent und ein Teil der neuen Seidenstraße.

Der Internationale Währungsfonds warnte zur Eröffnung des ersten Teilbereichs der Wirtschaftszone, dass die Verschuldung des kleinen Landes jetzt bei 85 Prozent des Bruttoinlandsprodukts liegt. Zwei Drittel davon müssen an China zurückgezahlt werden. Das Wachstum auf Kreditbasis kann gefährlich werden. Denn wenn nicht zurückgezahlt werden kann, besteht die sehr konkrete Möglichkeit, dass China kontrollieren kann und wird, was in den Ländern vor sich geht.

Die Chinesen sehen Afrika als den neuen Wachstumsmarkt. Dort wollen sie möglichst allein agieren, und alle anderen möglichst draußen halten. Das Motto ist: „Wir sind hier, um Geschäfte zu machen und stellen keine Fragen über Korruption und Menschenrechte“. Afrikanische Staaten wollen Wachstum und Infrastruktur.

Aber auch Russland hat Ambitionen in Afrika. Nach dem Ende des Kalten Kriegs hatte Russland auf dem Kontinent während Jahren eine untergeordnete Rolle gespielt. Frühere Verbündete waren abgesetzt worden oder hatten sich nach Alternativen umgeschaut. Lange interessierte sich der Kreml kaum für Afrika. In den letzten Jahren änderte sich das. Moskau intensivierte seine politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu zahlreichen afrikanischen Ländern. 2019 richtete der Kremlchef Putin ein russisch-afrikanisches Gipfeltreffen aus, an dem 43 afrikanische Staats- und Regierungschefs teilnahmen.

Russische Söldnertruppen sind heute bereits in mindestens einem halben Dutzend afrikanischer Länder aktiv, unter anderem im Sudan, in Mozambique und Libyen. In Madagaskar hat Russland möglicherweise versucht, die Präsidentschaftswahlen zu beeinflussen. Für Simbabwe und Guinea wird dasselbe vermutet.

Als „Labor“ für diese Vorgansweisen bedient sich Russland derzeit der Zentralafrikanischen Republik, ein stark unterentwickelter und instabiler Binnenstaat. Die Analphabetenrate liegt z.B. noch bei fast 75 %. Beim Welthunger-Index 2019 belegte die Zentralafrikanische Republik den letzten Platz. Das Land erlangte 1960 seine volle Unabhängigkeit von der französischen Kolonialherrschaft. Die Zentralafrikanischer  Republik  ist aber seit Jahrzehnten in einer Konflikt-Endlosschlaufe gefangen.

Nun ist es Russland in Zentralafrika gelungen ist, innerhalb weniger Jahre auf Kosten Frankreichs zur wichtigsten ausländischen Macht aufzusteigen. Das könnte die Expansionslust des Kremls eher noch steigern. „Wir wollen die Verbindungen zu Afrika in allen Bereichen vertiefen“, hatte Putin am russisch-afrikanischen Gipfeltreffen vor zwei Jahren zu den Regierungschefs des Kontinents gesagt. „Das wird die Sicherheit für uns alle stärken.“

Ihren Anfang nahm die vertiefte Kooperation zwischen Moskau und Bangui (der Hauptstadt) im Jahr 2017, als Russland erstmals Waffen in das kriegsgebeutelte Land lieferte: Kalaschnikows, Pistolen, Boden-Luft-Raketen. Seither hat Moskau seine Präsenz schrittweise erhöht: Im Jahr darauf wurden russische Militärberater nach Bangui entsandt, deren offizielles Ziel die Ausbildung lokaler Streitkräfte war.

Zentralafrika ist reich an Gold- und Diamantenvorkommen, die teilweise bereits heute von russischen Firmen kontrolliert werden. Verschiedene russische Unternehmen erhielten Lizenzen für den Abbau von Gold und Diamanten im Land. Präsident Faustin-Archange Touadéra, dem der Kreml jüngst immer wieder Waffengeschenke zukommen ließ, wird inzwischen von Russen bewacht. Sein wichtigster Berater für Sicherheitsfragen ist Waleri Sacharow, ein ehemaliger Mitarbeiter des russischen Inlandgeheimdienstes FSB.

Russlands Engagement in Zentralafrika hat in letzter Zeit scharfe internationale Kritik hervorgerufen. Paris legte die Militär- und Finanzhilfe für das Regime in Bangui auf Eis. Der historische Schritt – immerhin galt das Land lange als eine Art „Hinterhof“ Frankreichs – wurde mitunter damit begründet, in Zentralafrika laufe eine antifranzösische Desinformationskampagne seitens der Russen.

Ich meine, dass Europa endlich aufwachen sollte, aus seiner Kolonialismus-Aufarbeitungsphase und selbst eine Strategie für die Zusammenarbeit mit den Ländern Afrikas entwickeln sollte, bevor diese vollständig in die Kontrolle Chinas und Russlands abrutschen.

Neokolonialismus in Afrika

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