Warum jetzt die COVID-Mutationen griechische Buchstaben als Namen erhalten haben

Der Grund dafür liegt darin, dass man ursprünglich die Mutationen nach jenen Ländern benannte, in denen sie aufgetreten war – die englische Variante, die südafrikanische Variante, die indische Variante. Und da erinnerte man sich plötzlich der „Spanischen Grippe“. Man erinnerte sich auch, dass die Spanische Grippe damals eigentlich nichts anderes mit Spanien zu tun hatte, aber ihren Namen erhielt sie, weil die spanische Presse unzensiert über den Ausbruch der Krankheit in Spanien berichten konnte.

Sie erinnern sich: vor ca. 100 Jahren wütete die Spanische Grippe. Sie kam in drei Wellen, und forderte bei einer Weltbevölkerung von etwa 1,8 Milliarden laut WHO zwischen 20 Millionen und 50 Millionen Menschenleben, andere Schätzungen reichen bis zu 100 Millionen. Damit starben an der Spanischen Grippe mehr Menschen als im Ersten Weltkrieg (17 Millionen). Insgesamt sollen etwa 500 Millionen Menschen infiziert worden sein.

Es gibt diverse Thesen zu ihrer Herkunft: Im Rahmen der Kriegspropaganda spekulierte die alliierte Presse zu Beginn der Pandemie, dass die Infektion von deutschen U-Booten und von deutschen Kriegsgefangenen ausging oder sogar von Deutschland planmäßig ausgelöst wurde, beispielsweise über das deutsche Medikament Aspirin oder über vergiftete Fischkonserven. Ersteres wurde unter anderem mit Erkrankungen auf in Spanien internierten deutschen U-Booten untermauert. Die New York Times forderte, die Pandemie in „Deutsche Grippe“ umzubenennen.

Zunächst wurde der Herkunftsort in China vermutet. Eine weitere Theorie besagt, dass die Epidemie ursprünglich in einem sehr großen Truppenlager bei der französischen Stadt Étaples ausbrach, in dem sich täglich gut 100 000 Menschen aufhielten, darunter Chinesen des CLC (Chinese Labour Corps, Arbeitskräfte für die Alliierten, nach Europa gesandt, insgesamt etwa 185 000 Mann).

Die dritte, derzeit wahrscheinlichste These besagt, dass es im Januar 1918 zu den ersten virulenten Grippeausbrüchen in den USA kam und sie von dort aus durch Truppenbewegungen – die American Expeditionary Forces in Europa wurden gerade zu dieser Zeit massiv verstärkt – weltweit verbreitet wurde. Diese These

 ist schon in den 1940er Jahren aufgestellt und später umfangreich belegt worden. Auch die Untersuchungen des Evolutionsbiologen Michael Worobey unterstützen inzwischen diese These: sieben von acht Genen des Virus haben eine große Ähnlichkeit mit Influenzagenen, die man bei Vögeln in Nordamerika fand. Zudem konnte eine genetische Verbindung zur u. a. 1872 in den USA grassierenden Pferdeinfluenza ausgemacht werden, wozu Berichte über eine sich gleichzeitig zur Spanischen Grippe ausbreitende Pferdegrippe in den Kavallerieställen der kriegsführenden Armeen passen.

Aber dennoch heißt sie seit 100 Jahren die „Spanische Grippe“. Und Spanien war gar nicht glücklich darüber.

Unter den Todesopfern der Spanischen Grippe waren unter anderem Egon Schiele und seine Frau Edith, Max Weber und Frederick Trump, der Großvater von Donald Trump, sowie Mehmed V., Sultan und damit Staatsoberhaupt des Osmanischen Reiches, und der letzte Kaiser von Österreich Karl I. Der 1918 weitgehend ruhenden Lungentuberkulose von Franz Kafka wurde möglicherweise durch die Spanische Grippe die tödliche Wendung gegeben.

Auswirkungen auf die politischen und historischen Ereignisse hatten unter anderem die Erkrankungen von Präsident Woodrow Wilson und seines Beraters Edward Mandell House bei den Beratungen zum Friedensvertrag von Versailles, da Wilson im Gegensatz zu Vertretern anderer Siegermächte auf einen Ausgleich bedacht war, sowie jene von Max von Baden, des letzten Reichskanzlers des Deutschen Kaiserreichs, die in einer besonders kritischen Phase zu einer Verzögerung wichtiger politischer Entscheidungen führte.

Nun jetzt soll bei der Namensgebung anders vorgegangen werden: Wie die in Wiesbaden ansässigen Sprachwissenschaftler der Gesellschaft für deutsche Sprache erläutern, gab es unter den Forschenden unmittelbar nach der Entdeckung des Coronavirus Sars-CoV-2 auch den Vorschlag, das Virus nach der Stadt Wuhan zu taufen und es als WH-Human-1-Coronavirus zu bezeichnen. Die Buchstaben WH stehen für Wuhan. Bei der Bezeichnung der Krankheit, die durch das Virus ausgelöst wird, hat sich aber Covid-19 durchgesetzt – ein Kurzwort aus dem englischen Ausdruck Coronavirus-Disease-2019.

Kein Zweifel: Die Bezeichnung ist bisweilen hoch politisch. Das zeigt sich schon am Versuch von US-Präsident Donald Trump, die Coronavirus-Pandemie als China-Virus zu etikettieren und dem weltpolitischen Konkurrenten Schuld zuzuweisen.

Insbesondere die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte schon 2015 angemahnt, Krankheiten oder ihren Erreger nicht von Personen- oder Ortsnamen abzuleiten. Ganze Regionen und ihre Bewohner könnten sich mit einem tödlichen Erreger assoziiert sehen; das könne zu rassistischen Übergriffen führen. Dabei sind geografische Bezeichnungen für Seuchen schon lange üblich: z.B. die „Hongkong-Grippe“ 1968.

Somit reden wir jetzt über die Alpha-, Beta-, Gamma-, Delta-Mutation …

Wir können alle nur hoffen, dass es nicht noch mehr Mutationen geben wird.

PS: einmal eine ganz unernste Assoziation, die Benennung nach dem griechischen Alphabet war auch bei den Sororities und Fraternities in den USA üblich, aber darüber ein anderes Mal

Warum jetzt die COVID-Mutationen griechische Buchstaben als Namen erhalten haben

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