Dschihad und Reconquista – wie hängen sie zusammen?

Urlaubszeit ist für mich auch Lesezeit. Und beim Lesen kommen dann auch weiterführende Gedanken, und auch für diese hat man während eines Urlaubs Muße. Auf meiner Leseliste sind Werke über Geschichte selbstverständlich, und mein Interesse für den Islam hat dann dazu geführt, dass ich das Buch: Die Reconquista: Christen und Muslime auf der Iberischen Halbinsel, von Nikolaus Jaspert ausgewählt habe.

Die Reconquista lief über mehrere Jahrhunderte, eine Zeit, in der auch Juden, Christen und Muslime, Gelehrt zumeist, zuweilen zusammengearbeitet haben und so die Renaissance in Europa vorbereitet haben.

So hat es begonnen: im April 711 überquerte ein muslimischer, wahrscheinlich berberischer Heerführer namens Ṭāriq ibn Ziyād (gest. ca. 720) zusammen mit einer Streitmacht von einigen Tausend Reitern und Fußsoldaten die Meerenge, die Nordafrika von der Iberischen Halbinsel trennt. Damit griff er das Reich der Westgoten an (die dort das große Weströmisch Reich abgelöst hatten). Der Ort, an dem Ṭāriq ibn Ziyād an Land ging, trägt noch heute seinen Namen, Gibraltar oder „Berg des Tariq“ (arab. Ğabal Ṭāriq). Kurze Zeit später wurde seine Armee von der Streitmacht des westgotischen Königs Roderich gestellt.

Die Kämpfe hatten ihren Anfang genommen …

Aber nicht nur die Kämpfe gegen die dort lebenden Westgoten, sondern vor allem auch die Kämpfe der muslimischen Herrschaftsbereiche untereinander. Immer wieder gerieten auch die „Invasoren“ untereinander in Konflikt, schlossen Bündnisse miteinander und durchliefen Herrscherwechsel. Einige von ihnen konnten in dieser Zeit durchaus expandieren und zu überregionalen Größen aufsteigen. Dazu gehörten zum Beispiel die ʿAbbādiden in Sevilla, vor allem unter Abū ʿl-Qāsim (gest. 1042) und dessen Sohn al Muʿtadid (gest. 1069), oder Toledo unter den Ziriden, wo die jüdische Familie der Naghrela (Ismaʿīl /Salomon ibn Naghrela (gest. 1055/56) und sein Sohn Yusuf (gest. 1066)) zu einflussreichen Beratern aufstieg.

Aber auch die christlichen Herrscher kämpften untereinander und verbanden sich wieder – da gab es die Königreiche Kastilien, Aragon, Navarra, Leon. Bis sich letztlich Kastilien und Aragon verbanden und die Mauren aus deren letzten Bastion Granada vertrieben haben.

Aber die Christen – ob geeint oder zerstritten versuchten die Mauren aus Spanien zu vertreiben – war das nun ein Kreuzzug? Waren all diese Kreuzzüge – ob zur Eroberung des Heiligen Landes, des maurischen Spaniens oder z.B. gegen die Katharer und Waldenser religiös begründete Kriege, an denen sich Personen nicht zuletzt deshalb beteiligten, weil sie diesen Kampf als eine Form der Buße und des Gottesdienstes ansahen? Gingen manche auf Kreuzzug, weil es ein Papst be(emp)fohlen, oder ein Mönch dazu aufgerufen hatte? Oder ging es schlicht um die Eroberung von verloren geglaubtem Territorium?

Das lange Jahrhundert zwischen 1085 und 1199 zeigt, dass man sich bei jeder Darstellung christlich-islamischer Konflikte auf der Iberischen Halbinsel vor einer geradlinigen Erzählung von christlichen Eroberungen und Erfolgen hüten sollte. Vielmehr ist jene Epoche ebenso und wesentlich durch bedeutende muslimische Siege gekennzeichnet. Verantwortlich für diese Erfolge waren insbesondere zwei reformreligiöse islamische Dynastien: die Almoraviden und die Almohaden. Aber um friedlich leben zu können, zahlte man einander auch Tribut.

1085 eroberte Alfons VI. von Kastilien Toledo, womit ein allmählicher Abstieg von Al-Andalus einsetzte.

In den dreißig Jahren zwischen 1220 und 1250 konnten drei christliche Königreiche ihre jeweiligen Territorien stark erweitern: Im Westen der Iberischen Halbinsel gelang es den portugiesischen Königen, bis zum Jahre 1248 an die Algarveküste vorzustoßen. Aragon vermochte unter der Führung König Jakobs I. des Eroberers (gest. 1276) im Jahre 1229, Mallorca in Besitz zu nehmen, 1238 Valencia und bis 1246 das gleichnamige Königreich insgesamt zu annektieren. Den Angriffen König Ferdinands III. (gest. 1252) von Kastilien-León schließlich fielen die bedeutenden Zentren Córdoba (1236) und Sevilla (1248) – und mit ihnen letztlich die fruchtbare Ebene des Guadalquivir – zum Opfer.

Aber der Begriff „Reconquista“, der uns eben für diese Epoche bekannt ist, hatte für Spanien noch eine ganz andere Bedeutung: dort hat er dazu gedient, aktuelle politische Ansprüche historisch zu legitimieren. „Reconquista“ ist kein mittelalterlicher Begriff, sondern fand erstmals Ende des 18. Jahrhunderts Verwendung, entfaltete sich dann zu Beginn des 19. Jahrhunderts nach der napoleonischen Invasion Spaniens. Die Erfahrung der Unterdrückung durch die französischen Invasoren und der erfolgreiche Freiheitskampf bildeten das zeitgenössische Fundament für eine neue Interpretation mittelalterlicher Kriege als Befreiungskriege. Selbst die faschistische Franco-Diktatur (Beginn Spanischer Bürgerkrieg am 17. Juli 1936!)  untermauerte ihre militärischen Aktivitäten als „Reconquista“.

Und ist die Reconquista vielleicht auch ein Auslöser für den derzeit geführten Dschihad? Was ist sie denn anderes, als eine erfolgreiche Defensive nicht-muslimischer Gegner? Und das fand viel öfter statt, als nur bei der spanischen Reconquista: z.B. die byzantinische Expansion im 10 Jahrhundert, die normannische Eroberung Siziliens, die Kreuzzüge in der Levante …

Vielleicht sollten wir uns in die Gedankenwelt der Muslime versetzen, um „Reconquista“ in nicht-christlichem Licht zu sehen. Oder geht es wirklich nur um Territorialgewinne und Macht?

Dschihad und Reconquista – wie hängen sie zusammen?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s