Witwenstand

Er geht mir ab, der Wirbel. Da war ich mit einer ganzen Familie auf Urlaub, zu Spitzenzeiten waren wir 7 Erwachsene und eine 2-Jährige. Dann hat langsam der 10-kleine-Ne…erlein-Effekt eingesetzt, nach Wien zurückgefahren sind wir dann nur mehr zu dritt. Es war lustig, immer war etwas los, immer schlug jemand eine Aktivität vor.

Jetzt, zurück in Wien, bin ich wieder allein. Meine 2 Wohngemeinschaftsteilnehmer sind derzeit an unterschiedlichen Orten in Italien unterwegs und werden „irgendwann“ wieder auftauchen. Ein komisches Gefühl, wieder allein zu sein, ich habe immer das Gefühl, dass andere um mich sind – und bei näherem Hinsehen sind sie nicht da. Es ist still um mich. Ein ganz klein wenig fühle ich mich einsam. Ich führe derzeit wieder mein Leben als Witwe, hoffe aber es bald wieder als Großmutter führen zu können. Und das lässt mich über die Stellung von Witwen in der Gesellschaft nachdenken.

Die Zahl der Witwen ist höher als die der Witwer. Dies ist einerseits bedingt durch die höhere Lebenserwartung von Frauen und den Altersunterschied bei der Heirat (Frauen sind meist jünger als ihre Männer). In Kriegszeiten vergrößert sich zudem die Anzahl der Witwen relativ zu den Witwern. Die Versorgung von Witwen sowie Waisen ist ein wichtiges Thema in der Geschichte der Fürsorge und später des Sozialstaates, vor allem nach Kriegen, die viele „Kriegerwitwen“ hinterlassen haben.

Da fallen mir also berühmte Witwen ein: Da gab es Chadidscha bint Chuwalid (* um 555; † um 619) die als erste Gattin des Propheten Mohammed später berühmt wurde. Sie war Witwe und vor der Ehe mit Mohammed schon zweimal verheiratet gewesen. Aus diesen Ehen hatte sie mehrere Kinder. Chadidscha war Erbin einer Karawanserei und eines Handelsgeschäftes in Mekka. Sie war also Unternehmerin und Kauffrau und verfügte frei über ihr reiches Vermögen. All das im sechsten Jahrhundert in Mekka, zu einer Zeit als der Koran entstand, der die Rechte der Frau zwar regelte aber Frauen eindeutig gegenüber Männern benachteiligte. Wobei es Theorien gibt, dass in der Wüstengesellschaft in Arabien damals teilweise noch das Matriarchat geherrscht haben soll.

In einigen Kulturen gilt das Leben einer Witwe als wertlos, was sich in Bräuchen wie der Witwenverbrennung (Sati) ausdrückt, die selbst heute noch gelegentlich in Indien illegal praktiziert wird. Aus der Bibel kennen wir die sogenannte Schwagerehe, wo ein Bruder des Verstorbenen dessen Witwe heiratet, um seine Linie fortzusetzen.

Ganz nebenbei gibt es auch die Geschichte der Witwe von Ephesus: Eine Witwe aus Ephesus trauert auf dem Friedhof um ihren verstorbenen Mann. Sie wacht an seinem Grab, isst nichts mehr und will ihrem geliebten Gatten in den Tod folgen. In ihrer Nähe hält ein Soldat Wache bei mehreren gekreuzigten Räubern. Er muss peinlichst darauf achten, dass kein Leichnam zur Beerdigung heruntergenommen wird, sonst droht ihm das Kriegsgericht und möglicherweise ebenfalls die Todesstrafe. Dieser Soldat bemerkt die Witwe, tröstet sie, gewinnt ihre Liebe und hält sich mehr und mehr bei ihr auf. Dabei vernachlässigt er seinen Wachdienst und eines Nachts wird der Leichnam eines Gekreuzigten gestohlen. Der Soldat fürchtet sich vor der Strafe und will sich selbst töten. Doch die Witwe gibt ihm als Ersatz den Leichnam ihres Mannes, und am nächsten Tag wunderte sich das Volk, wie denn ein Toter aufs Kreuz geklettert sei.

Aber zurück zu Witwen, die leben durften, wie es Ehefrauen und Nicht-Verheirateten oft nicht zustand: also als (erfolgreiche) Unternehmerinnen. Kürzlich habe ich von einer dieser Frauen gelesen (Die Frauen des Hauses Fugger – mit sanfter Macht zum Weltruhm, von Martha Schad. Es ist mühsam zu lesen, dieses Buch, da sehr viele Originaltexte von Briefen und sonstigen Unterlagen darin aufscheinen. Und diese Originaltexte muss man sich laut vorlesen, um sie zu verstehen. Und die Vielfalt der Namen, mit denen die Fuggers verschwägert waren, trägt auch nicht gerade zur Lesbarkeit bei, aber der Informationswert ist hoch): Barbara Fugger.  Nach dem Tod ihres Mannes 1469 führte Barbara Fugger gemeinschaftlich mit den Söhnen die Familiengeschäfte weiter und konnte das Vermögen ihres Mannes bis zu ihrem Tod auf über 23000 Gulden (auch Florin genannt) vermehren. Die Söhne, deren Hauptaufgabe zunächst im Reisen und Knüpfen neuer Kontakte bestand, waren wesentlich am Geschäft beteiligt. Sie verfügten, etwa im Jahr 1492, unabhängig von dem Vermögen ihrer Mutter über jeweils zwischen 11000 und 16000 Florin. Erst nach ihrem Tode 1497 erlangten die Fugger-Brüder die vollständige Verfügungsgewalt über das Familienvermögen. Aus dem um 1540 verfassten Ehrenbuch der Familie blieb Barbara Fugger dennoch ausgeschlossen. Denn auch bei den Fuggers blieb das Erbe ausschließlich bei den Söhnen!

Oftmals in der Geschichte „durften“ Witwen für ihre Söhne bis zu deren Volljährigkeit herrschen, aber noch öfter wurde diese Aufgabe/Privileg eher den Brüdern des Mannes als dessen Frau übertragen. Beispiele dafür sind: Katharina von Medici (1519–1589), für Karl IX., Maria von Medici (1573–1642) für Ludwig XIII., aber auch Anna von Österreich (1601– 1666) regierte für Ihren Sohn, Ludwig XIV.

Aber das geht für diesmal doch zu weit!

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