Berühmte Wiener Bürgermeister

Wer bekommt als Wiener Bürgermeister ein Denkmal, oder eine Verewigung durch einen Straßennamen, am Beispiel Liebenberg.

Ihnen fällt wahrscheinlich sofort der derzeit so umstrittene Karl Lueger ein, aber auf dieses Thema gehen derzeit zu viele ein.  Also z.B. Johann Andreas von Liebenberg (* 29. November 1627 in Wien; † 10. September (nach manchen Quellen 9. September) 1683 auch in Wien) war ab 1680 Bürgermeister von Wien. Eigentlich ist nicht so besonders viel von ihm bekannt: Ab 1653 war er Leiter der Städtischen Kanzlei, 1678–1680 Stadtrichter und ab 1680 bis zu seinem Tod 1683 Bürgermeister von Wien. Genau genommen war er nur drei Jahre Bürgermeister. Seine Familie wurde bereits 1622 nobilitiert und hatte den Namen Liebenberger von Liebenberg.

Ich lese: „Er erwarb sich 1679 große Verdienste bei der Pestbekämpfung.“ Wie war das mit der Pest damals: Auf Drängen des Hofmedikus Paul de Sorbait wurde zwar bereits im Sommer 1678 von der niederösterreichischen Regierung erhöhte Sauberkeit und Meldepflicht für ankommende Fremde eingemahnt, doch insgesamt nahm man die Bedrohung auf die leichte Schulter. Im Spätherbst 1678 traten die ersten Pestfälle in der Leopoldstadt auf, die als „hitziges Fieber“ klassifiziert wurden. Im Winter 1678/79 grassierte die Seuche noch immer hauptsächlich in der Leopoldstadt. Sorbait suchte nun die niederösterreichische Regierung schon zu diesem Zeitpunkt davon zu überzeugen, dass die ausgebrochene Seuche die Pest sei, doch wurden seine Warnungen ignoriert. Erst als im Juli 1679 die Zahl der Todesfälle dramatisch anstieg wurde der Pestausbruch zur Gewissheit. Die Seuche erlebte im September mit fast 3000 nachweisbaren Todesopfern ihren Höhepunkt und ebbte bis zum April 1680 ab. Die Zahl der in den Totenprotollen eindeutig feststellbaren Todesopfer betrug 7.196. Auf Basis von falschen Zuordnungen und von auf der Flucht dahingeraffter Opfer wurde sie auf zumindest 12.000 geschätzt. Damit ist aber wohl nur eine Untergrenze benannt. Die Umstände dürften zu einer deutlichen Untererfassung der Sterbefälle geführt haben. Tatsächlich lag die Zahl der Opfer wohl deutlich höher, wenigstens bei einem Fünftel der Einwohner.

Trotz der Warnungen von Paul de Sorbait wurde der Ausbruch der Seuche bis Juli 1679 von den städtischen Behörden völlig ignoriert. Dann brach das Chaos aus. Die kaiserliche Familie und ein Großteil des Hofes verließen die Stadt. Leopold I. mit seinem Hofstaat floh über Umwege nach Prag. Tote lagen tagelang auf den Straßen herum. Nur wenige waren bereit als Siechenknecht und Totengräber zu arbeiten. Kranke lagen tagelang am Tiefen Graben auf Sammelwägen, vor dem Stubentor häuften sich infizierte Betten, Stroh, Leichen. Sorbait ordnete an, dass die Toten in Pestgruben bestattet und mit ungelöschtem Kalk überschüttet werden sollten. Diese Pestgruben wurden über die Vorstadtzone verstreut angelegt. Trotz strengem Verbot wurden auch am Stephansfreithof 353 Pestleichen beerdigt. Der Magister Sanitatis und Lazarettvater suchten sich an den Toten zu bereichern und wurden auf Anordnung Sorbaits öffentlich gehängt. Zahlreiche Ärzte und Geistliche die die Kranken besuchten fielen der Seuche zum Opfer, auch Sorbait.

In dieser Darstellung sehe ich wenig “Verdienste der Stadt“ bei der Pestbekämpfung? Vielleicht wäre es angebracht, Paul de Sorbait ein Denkmal zu setzen? Paul de Sorbait war im Jahr 1639 zunächst Wandermusiker. Er studierte Philosophie in Paderborn sowie Medizin in Padua. Im Jahr 1652 erfolgte die Repetition an der Medizinischen Fakultät in Wien. Paul de Sorbait war ab 1654 Professor für Medizin an der Universität Wien, 1668 Rektor. Er war Leibarzt der Kaiserinwitwe Eleonore. Sorbait erkannte die Gefahr von Feuer und Räucherungen zur Bekämpfung der Pest, da der Wind sich plötzlich drehen konnte. Es sei deshalb wichtig, fernab der Zivilisation zu verbrennen und manchmal sei es sogar besser, die verpesteten Dinge einzugraben, wenn die Windrichtung unbeständig sei. Seine Bemühungen, durch hygienische Maßnahmen die Pest zu bekämpfen, konnten allerdings den Ausbruch der Großen Pest in Wien von 1679 nicht verhindern. Ein besonderes Anliegen von Paul de Sorbait waren Botanik und Anatomie und er begründete die erste medizinische Bibliothek an der Universität. Von 1659 bis 1666 wurden zahlreiche Disputationen Sorbaits gedruckt. Er bewies damit eine ungewöhnlich aktive professorale Amtsführung. 1669 verteidigte einer seiner Studenten den neu entdeckten Blutkreislauf. Ab 1679 war Paul de Sorbait Generalinquisitor in Pestangelegenheiten.

Weiters lese ich über Liebenberg: Bei der zweiten Wiener Türkenbelagerung überwachte er die Vorbereitungen für die Verteidigung und die Schanzarbeiten und organisierte die Bürgerwehr. Die Zweite Wiener Türkenbelagerung im Jahr 1683 war – wie die erste von 1529 – ein erfolgloser Versuch des Osmanischen Reichs, Wien einzunehmen. Sie dauerte vom 14. Juli bis zum 12. September, als ein von Polens König Johann III. Sobieski befehligtes Entsatzheer die osmanische Armee des Großwesirs Kara Mustafa Pascha in der Schlacht am Kahlenberg zum Rückzug zwang.

Unter dem Stadtkommandanten Ernst Rüdiger von Starhemberg wurde Wien, damals Residenzstadt des römisch-deutschen Kaisers, zwei Monate lang gegen ein rund 120.000 Mann starkes Belagerungsheer verteidigt. Zum Entsatz der Stadt verbündeten sich erstmals Truppen des Heiligen Römischen Reiches mit solchen aus Polen-Litauen. Weitere Unterstützung leisteten die Republik Venedig und der Kirchenstaat.

Von dem Stadtkommandanten habe ich schon als Kind viel gehört, denn meine Mutter hatte mir sein Denkmal auf dem Rathausplatz gezeigt. Über die Zweite Türkenbelagerung habe ich einiges gelesen, aber den Namen Liebenberg nirgends gefunden. Seine größte Leistung bestand aber 1683 während der Zweiten Wiener Türkenbelagerung, als er in größter Not die Verteidigungsarbeiten überwachte und eine Bürgerwehr organisierte. Seine Aktivitäten trugen entscheidend dazu bei, den Durchhaltewillen der belagerten Bürger zu fördern und zu erhalten. Er war allerdings zwei Tage vor dem Sieg des Entsatzheeres über Kara Mustafa an der Ruhr gestorben.

Aber im Wien von heute ist er sehr präsent: Im Jahr 1865 wurde in Wien Innere Stadt die Liebenberggasse nach ihm benannt. Am 12. September 1890 wurde ihm zu Ehren ein Denkmal vor der Mölker Bastei, gegenüber der Universität Wien, enthüllt. Weiters ist er in der Ankeruhr verewigt.

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