Brauchen wir mehr Atomstrom um die Klimakrise zu meistern?

Wir alle brauchen Energie, viel Energie! Auch die jetzt so favorisierten E-Autos. Sie benötigen zwar kein Benzin/Diesel mehr (es sei denn, sie wären Hybrid-Autos), sie sind also CO2 frei, aber Strom brauchen sie allemal.

Ja, und der muss irgendwoher kommen. Soll die Dekarbonisierung auch im Verkehr und im Wärmesektor gelingen, braucht es künftig nicht weniger, sondern mehr Strom, und dieser sollte möglichst nicht mehr aus fossilen Energieträgern stammen. Wenn man nun vor allem auf Wind und Sonne setzt, wird Elektrizität für Konsumenten und Unternehmen teurer (als nötig), weil deren Stromerzeugung stark schwankend ist.

Allenthalben wird nach den jüngsten Überschwemmungen eine Beschleunigung der Klimapolitik gefordert. In dieser Diskussion ist bis jetzt aber ein Thema in weiten Kreisen tabu: der Ausstieg diverser Industriestaaten aus der Kernkraft nach dem Reaktorunfall von Fukushima. Deutschland z.B. stellt bereits nächstes Jahr seine letzten Kernreaktoren ab – während Kohlekraftwerke weiterlaufen. Das scheint diesbezüglicieeher kontraproduktiv zu sein. Österreich ist von Anfang an nicht in die Atomstromproduktion eingetreten. Die Schweiz nimmt nicht gleich alle Kernkraftwerke vom Netz, aber auch das Schweizer Stimmvolk hat 2017 den schrittweisen Ausstieg gutgeheißen. In der Wirtschaft macht man sich deshalb Sorgen um die längerfristige Versorgungssicherheit.

Auch im Österreich herum werden ziemlich alte Kernkraftwerke weiterhin betrieben und sogar ausgebaut:  Atomkraftwerke sind auf eine bestimmte Lebensdauer, üblicherweise 30 Jahre, ausgelegt. Es wird zwar behauptet, dass Reaktoren problemlos bis zu 60 (sogar 80) Jahre laufen können. Meist sind die Investitionen nach ca. 20 Jahren AKW-Betrieb abgeschrieben und die laufenden Betriebskosten sind relativ günstig. Sicherheitsfragen werden möglicherweise vernachlässigt, obwohl sich die Atomkraftwerke in Europa immer weiter vom Stand der Technik entfernen und das Risiko von Verschleißerscheinungen am Material größer wird.

In der Slowakei laufen derzeit vier Reaktoren an zwei Standorten (Bohunice und Mochowske), die 2019 53,9 Prozent der Stromerzeugung des Landes lieferten. Mochowske soll um zwei Reaktoren erweitert werden. Der Anteil der Atomenergie am Gesamtstrom beträgt 53,9 %.

In Slowenien ist ein Druckwasserreaktor am Standort Krško in Betrieb und produzierte 2019 37 Prozent der gesamten Stromproduktion des Landes.

Es gibt zwei Atomkraftwerke in Tschechien. Die vier Hochrisikoreaktoren am Standort Dukovany und zwei weitere Blöcke in Temelin. Beide AKWs haben bereits einige Störfälle zu beklagen.  Der Anteil der Atomenergie am Gesamtstrom betrug 2019 35,2 Prozent.

In Ungarn sind vier Atomreaktoren aus der sowjetischen Baureihe am Standort Paks, südlich von Budapest, in Betrieb. Nach einem schweren Störfall im Jahr 2003 wurde ein Reaktor längere Zeit abgeschaltet. Das AKW Paks lieferte 2019 49,2 Prozent der ungarischen Stromproduktion.

Je nach Jahreszeit stammen zwischen 6 – 16% der in Österreich verbrauchten Energie aus Atomstrom. Es gibt eine Stromkennzeichnungspflicht, die sicherstellen soll, dass Atomstrom als solcher gekennzeichnet wird. Das System der Stromkennzeichnung mit Herkunftsnachweisen garantiert jedoch nicht, dass der bezogene Strom kein Atomstrom ist. Nach wie vor ist es möglich, mit Wasserkraftzertifikaten aus dem Ausland Atomstrom sauberzuwaschen und in Österreich als Strom aus Wasserkraft zu verkaufen.

Die Erinnerungen an Fukushima und hier in Europa besonders an Tschernobyl sind haften geblieben. Dennoch gehört die Kernkraft zusammen mit den Erneuerbaren Wind, Sonne und Wasserkraft nicht nur zu den saubersten Energiequellen, sie ist auch vergleichsweise sicher – jedenfalls wenn man nur die verursachten Todesfälle in Beziehung zur produzierten Strommenge setzt. Allerdings, Unfälle kosten verhältnismäßig viele Menschenleben, beeinträchtigen das Leben weiterer durch Krankheit erheblich und machen ganze Regionen unbewohnbar. Kernkraftwerke haben andererseits den Vorteil, dass sie im Gegensatz zu den riesigen Wind- oder Solarfarmen kaum die Landschaft verschandeln, da sie auf wenig Fläche Platz haben. Dennoch ist uns allen auch bewusst, dass die Atommüllentsorgung überhaupt noch nicht gelöst ist.

In Industrieländern kann es zwar nicht darum gehen, dass der Staat selbst in die Kernkraft investiert. Das müssen, wenn schon, private Investoren übernehmen. Geld sollte die öffentliche Hand aber weiterhin in die Forschung stecken. Und Regierungen können die Rahmenbedingungen ändern, so dass Kernkraftwerke überhaupt eine Chance haben – dort, wo sie noch zugelassen sind. Eine spürbare CO2-Abgabe macht Kernkraft konkurrenzfähiger.

Wäre es z.B. besser, wenn China statt der vielen geplanten Kohlekraftwerke – in denen es immer wieder zu schweren Unfällen kommt – stärker auf Kernkraft setzen würde?

Diese Debatte über den vermehrten Einsatz von Atomstrom sollte möglich sine ira et studio geführt werden! Gleichzeitig sollte aber weiterhin verstärkt geforscht werden, um weitere saubere Energiequellen zu erschließen.

Brauchen wir mehr Atomstrom um die Klimakrise zu meistern?

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