Gedanken zur islamischen (Bau-)kultur – anhand von Bauten in Turkmenistan

Heute hat mir eine liebe Freundin faszinierende Bilder von ihrer Reise nach Turkmenistan gezeigt. Ich hatte leider nie die Gelegenheit, dorthin zu kommen – und jetzt ist es halt leider zu spät (schon allein deshalb, weil nahezu 95 % der Landfläche von der Wüste Karakum eingenommen werden, die sowohl aus Sand- als auch Geröllwüstengebieten besteht).

Dennoch haben mich diese Bilder angeregt, nachzudenken. Es ist schon faszinierend, dass alle diese alten Moscheen, Medresen und Karawansereien trotz Sowjetherrschaft noch immer vorhanden sind und jetzt langsam restauriert werden. Geld gibt es ja genug, das Land hat reiche Vorräte an Erdgas. Denn bis 1894 hatte das Russische Reich die Herrschaft über Turkmenistan erlangt. Die Oktoberrevolution von 1917 in Russland führte zu einer Phase der Instabilität. Nach einer britischen Militärintervention in den Jahren 1918/1919 folgte die Eingliederung Turkmenistans in die Turkestanische ASSR. Die Ausrufung der Turkmenischen Sozialistischen Sowjetrepublik als eine der Republiken der Sowjetunion erfolgte im Jahre 1925. Zu dieser Zeit wurden die heutigen Staatsgrenzen Turkmenistans gezogen.

Aber der Stil der vielen Gebäude, die ich da bewundern konnte, mit den grandiosen Fayencen dekoriert, oder einfach nur mit Mustern aus Ziegeln geschmückt, hat sich über die Jahrhunderte kaum geändert. Es ist fast unmöglich zu sagen, wann welches Gebäude wann errichtet worden ist. Woher kommt dieser „Stillstand“?  

War das in der Geschichte der Region begründet? Ich glaube, vieles was an frühem kulturellem Erbe vorhanden ist, wurde noch von Alexander dem Großen und seinen Truppen grundgelegt. Alexander der Große eroberte das Gebiet im 4. Jahrhundert v. Chr. auf seinem Weg nach Indien. 150 Jahre später errichtete das Partherreich seine Hauptstadt in Nisa, einem Gebiet um das heutige Aşgabat. In der Spätantike standen Teile des Gebiets unter Herrschaft des Sassanidenreichs und der iranischen Hunnen. Im frühen 8. Jahrhundert n. Chr. nahmen die Araber die Region ein, wodurch die Bevölkerung mit dem Islam und der Kultur des Nahen Ostens in Berührung kam. Um diese Zeit entwickelte sich die Seidenstraße zu einem wichtigen Handelsweg zwischen Asien und Europa. Schon bald wurde das Gebiet des heutigen Turkmenistans als Chorasan bekannt, als der Kalif der Abbasiden, al-Ma’mūn (geboren um 786; gestorben am 9. August 833), Merw (die Reste davon sind einfach großartig) zu seiner Hauptstadt erhob. Das war damals die hohe Zeit des Islam, indem Wissen (und Bücher) als höchstes Gut geschätzt wurden. Damals wurde dieser phänomenale Stil entwickelt, den wir heute noch so ansprechend empfinden.

Mitte des 11. Jahrhunderts versuchten die Seldschuken über Turkmenistan in Afghanistan einzufallen. Das Seldschukenreich zerfiel im späten 12. Jahrhundert und die Turkmenen verloren ihre Unabhängigkeit, als Dschingis Khan (* wahrscheinlich um 1155, 1162 oder 1167; † wahrscheinlich am 18. August 1227) auf seinem Zug nach Europa die Kontrolle über die Regionen östlich des Kaspischen Meeres erlangte. Tamerlan, oder Timur Lenk (* 8. April 1336; † 19. Februar 1405) wurde sogar in Turkmenistan begraben, Timurs Herrschaft ist gekennzeichnet durch Brutalität und Tyrannei. Gleichzeitig galt er als großzügiger Kunst- und Literaturförderer und erkannte durch Unterredungen mit Ibn Chaldūn (geboren am 27. Mai 1332; gestorben am 17. März 1406), die dieser in seiner Autobiographie beschrieb, die Bedeutung von Wissen. Die nächsten Jahrhunderte lang lebten die Turkmenen unter verschiedenen Herrschern und führten Stammeskriege untereinander. Über die turkmenische Geschichte vor der Besetzung durch Russland im 19. Jahrhundert ist wenig bekannt.

Lag also der Grund für diesen kulturellen Stillstand im Land selbst – Stammeskriege – oder war es der allgemeine Niedergang der islamischen Welt – vor allem im Vergleich mit der stürmischen Weiterentwicklung im Westen. Im elften oder zwölften Jahrhundert christlicher Zeitrechnung beziehungsweise im vierten oder fünften Jahrhundert islamischer Zeitrechnung erklärten immer mehr islamische Rechtsgelehrte die „Tore des Idschtihād“ für geschlossen, was dann auch zum allgemeinen Konsens wurde und unangefochten bis ins 19. Jahrhundert so blieb. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts traten Persönlichkeiten wie Dschamal ad-Din al-Afghani oder Muhammad Abduh hervor, die sich um eine Erneuerung der islamischen Glaubenspraxis und Rechtsprechung bemühten. Seitdem gab und gibt es immer wieder Versuche Einzelner oder bestimmter Gruppen, die „Tore des Idschtihād“ wieder zu öffnen, oder sie wurden sogar tatsächlich von einigen in der Praxis geöffnet, was aber weder der fundamentalistische noch der konservative Islam bisher anerkannt haben. Das Faktum, dass die „Tore des Idschtihād“ aber mindestens 600, wenn nicht gar 800 Jahre geschlossen waren, wird jedoch nie bestritten.

Und wirkte sich das wirklich auch auf die Baukultur aus?

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