Zum Einsturz der Reichsbrücke – heute vor 45 Jahren

Wiederveröffentlichung

Es war ein sonniger Sonntag, dieser 1. August 1976. Nichts deutete auf ein aufsehenerregendes Ereignis hin.

Eigentlich war bei uns Ausschlafen vorgesehen. Dann läutete frühmorgens das Telephon. Eigentlich ärgerlich. Am Apparat war der Onkel meines Mannes – pensioniert, bis 1961 Direktor bei den Wiener Verkehrsbetrieben – teilte meinem Mann mit, dass die Reichsbrücke eingestürzt wäre.  Dieser hielt das anfänglich für einen Scherz. Aber dann drehten wir das Radio auf, es war kein Scherz gewesen.

Die Reichsbrücke war zwischen 4:53 Uhr und 4:55 Uhr auf beinahe voller Länge der Strombrücke ins Wasser gestürzt. Der Zeitpunkt war, wie man so schön sagt, grad noch ein Glück gewesen (was man laut Tante Jolesch – oder Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten ist ein 1975 veröffentlichtes Buch des österreichischen Schriftstellers Friedrich Torberg – eben nicht als solches empfindet) , da sich nur fünf Personen in vier Fahrzeugen auf der Brücke befanden: ein Busfahrer in einem städtischen Gelenkbus, zwei Mitarbeiter des ÖAMTC in einem Pannenhilfe-Fahrzeug, der Lenker eines VW Käfers, der die Pannenhilfe wegen eines defekten Reifens nach einem Unfall angefordert hatte, sowie der Lenker eines Kleinbusses, der beim ORF als Chauffeur angestellt war. Es gab nur ein Todesopfer, da der Busfahrer jedoch binnen weniger Stunden unverletzt gerettet werden konnte, da der Bus nicht unterging, sondern auf den Trümmern im Wasser stehen blieb. Die ÖAMTC-Mitarbeiter und der VW-Fahrer befanden sich auf jenem Teil der Kaibrücke, der zwar brach und sich senkte, jedoch nicht völlig zerstört wurde, so dass sie sich selbst zu Fuß retten konnten. Der ORF-Chauffeur wurde in seinem Kleintransporter eingeklemmt und erst am Tag nach dem Einsturz tot geborgen. Kaum vorstellbar, welche Opferzahl es gegeben hätte, wenn die Brücke ein paar Stunden später eingestürzt wäre oder an einem normalen Arbeitstag. Die auf der Brücke befindlichen Wasserleitungen, die den Norden Wiens mit Trinkwasser versorgten, setzten den Handelskai unter Wasser. Zudem wurden Explosionen befürchtet, weil die über die Brücke geführten Gasleitungen gebrochen waren. Zunächst waren zahlreiche Menschen nördlich der Donau ohne Gas, Strom, Wasser und Telefon. Doch schon am 2. August war die Versorgung jedoch wiederhergestellt.

Bei uns war das geruhsame Wochenende aus, mein Mann fuhr umgehend weg, ob gleich in die Redaktion oder an den Unglücksort – daran kann ich mich nicht erinnern. Es gab in der darauffolgenden Zeit viele Schaulustige – und Photographen dort zu finden.

Die Ursachen für den Einsturz waren technischer Art, jedenfalls konnte kein „Schuldiger“ ausgemacht werden. Politisch, da war das anders. Die in der Stadt Wien regierenden Sozialdemokraten gerieten unverzüglich ins Kreuzfeuer der Opposition. Der zuständige Planungsstadtrat war am 31. Juli auf Urlaub gefahren. Sein genauer Aufenthaltsort war nicht bekannt. Hofmann wurde mehrere Tage lang durch Presse und Rundfunk gesucht. Erst am 5. August gab es ein Lebenszeichen von ihm – es war halt die „Vor-Handy-Zeit“ und wenn jemand Urlaub hatte, war er/sie einfach nicht zu stören (eigentlich eine sehr erstrebenswerte Situation, nicht?). Allerdings wetzten viele seine Gegner ihr Maul – lautstark! Er trat – nach seiner Rückkehr – umgehend zurück, wurde aber später rehabilitiert, eine Tatsache, die dann 1981 zu seiner erneuten Berufung als amtsführender Stadtrat führte.

Die Reichsbrücke war im Jahr 1976 nicht nur eines der am meisten befahrenen Straßenstücke Wiens, sie überquerte auch eine der wichtigsten Schifffahrtsrouten Mitteleuropas. Ihr Einsturz wirkte sich daher sowohl auf den Straßen- wie auf den Schiffsverkehr aus.

Insgesamt waren 180 Arbeiter in mehreren Schichten an der Bergung der Reichsbrücke beteiligt. Die Arbeiten dauerten bis zum Jänner 1977. Auch das Bundesheer war dabei im Einsatz. Noch am 1. August beschloss die Wiener Stadtregierung, zwei Ersatzbrücken über die Donau anzulegen, eine Straßenbahnbrücke sowie eine für den Individualverkehr. Die dritte Reichsbrücke wurde am 8. November 1980 eröffnet. Es handelt sich um eine zweigeschoßige Spannbetonbrücke, die aus drei Abschnitten besteht: der Strombrücke über die Donauländebahn, die Donau und die Donauinsel, der Brücke über die Neue Donau sowie der Brücke über die Donauuferautobahn parallel zum Hubertusdamm. Auf dem Oberdeck befinden sich sechs Fahrstreifen für den Straßenverkehr. Auf dem Unterdeck der Brücke verläuft die Wiener U-Bahn-Linie U1 mit der U-Bahn-Station Donauinsel. An beiden Seiten des Unterdecks sind überdachte Fahrrad- und Fußwege angelegt. Wie schon bei der Vorgängerbrücke laufen auch über die dritte Reichsbrücke Rohrstränge für Gas-, Wasser- und Fernwärmeversorgung und Kabeltrassen für Starkstrom und Telefon. Die Brücke ist bereits mehrmals generalsaniert worden. Wenn man auf dieser Brücke Richtung Zentrum der Stadt fährt, sieht man den Stephansturm.

Im Juni 2004 wurde die Reichsbrücke von einem deutschen Passagierschiff gerammt. Es gab dabei einen Schwerverletzten und mehrere Leichtverletzte. Die Brücke wurde dabei jedoch nicht ernsthaft beschädigt. Jedenfalls sehen wir jährlich seit 1984 (mit Ausnahme des Corona-Jahres) den Start des Marathonlaufes – auf der Reichsbrücke.

Über die interessante Geschichte – und die verschiedenen Namen dieser Brücke (bzw. Brücken – denn es waren ja verschiedene) berichte ich Ihnen demnächst.

Zum Einsturz der Reichsbrücke – heute vor 45 Jahren

2 Gedanken zu “Zum Einsturz der Reichsbrücke – heute vor 45 Jahren

  1. „… wenn jemand Urlaub hatte, war er/sie einfach nicht zu stören …“ – ich habe gerade heute gelesen, dass es ein Gesetz zur Unverletzlichkeit des Urlaubs gibt (oder so ähnlich), mit anderen Worten: Wer Urlaub hat, hat Urlaub und darf von seiner Firma nicht gestört werden, es sei denn, es gibt eine entsprechende Regelung im Arbeitsvertrag.
    Ich vermute aber, dass viele Arbeitnehmer einen Anruf der Firma entgegennehmen würden.

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