Meine Assoziationen zu Kandahar

Schifahren – Kipling – Taliban

Vielleicht können Sie sich auch noch erinnern, in meiner Frühzeit des Schifahrens gab es die Kandahar-Schi-Bindung auf Holzschis. Woher kommt die Verwendung des Wortes Kandahar mit Schifahren? 1898 organisierte der Engländer Henry Lunn in Chamonix am Mont Blanc die ersten Abfahrtsrennen des Skiclubs von Großbritannien. Den Pokal stiftete Frederick Sleigh Roberts, der den Titel „Earl of Kandahar“ führte. 18 Jahre zuvor hatte er sich diesen als britischer General in Indien erworben, nach seinem Marsch Kandahar-Kabul, eine der legendären Episoden britische Kolonialgeschichte. Mit Einheiten der Royal Army und dem 23. Sikh-Pionierregiment zog der Earl vor die südafghanische Stadt.

Es galt, Landsleute zu befreien, die im aufständischen Kandahar von „wilden Stämmen“ gefangen waren, wie englische Chronisten schrieben. Der Earl war erfolgreich. So erfolgreich, dass er – und sein Pferd – hinterher von Königin Victoria mit Orden und Titeln regelrecht überschüttet wurden. Sie inaugurierte sogar einen eigenen Orden, „Kabul to Kandahar“. Rudyard Kipling, Autor des Dschungelbuches schrieb das Gedicht „Bobs“ über Roberts, der fortan auch noch als „Kiplings General“ firmierte.

Als Roberts seinen Namen für den Ski Pokal hergab und damit die Engländer zur Gründernation des alpinen Rennsports avancierten, löste sich der Name Kandahar schnell vom General und wurde zum Inbegriff rasanter Pisten. Gründungsfieber setzte ein bei „Kandahar-Skiclubs“, nach Chamonix kamen weitere „Kandahar“-Abfahrten hinzu, die bekannteste in St. Anton am Arlberg, aber auch in Mürren in der Schweiz, im italienischen Sestriere und in Garmisch. Heute führt der internationale Skiverband „Kandahar“-Rennen nur noch in Chamonix, St. Anton und Garmisch durch.

Das war nur eine Episode in der langen Geschichte Kandahars, schon lange war diese Stadt umkämpft: Kandahar wurde im 4. Jahrhundert v. Chr. von Alexander dem Großen in der Nähe der antiken Stadt Mundigak (gegründet ca. 3.000 v. Chr.) gegründet. Wegen ihrer strategisch wichtigen Lage in Zentralasien war die Stadt häufiges Ziel von Eroberungen: So von den Arabern im 7. Jahrhundert, von den turkstämmigen Ghaznawiden im 10. Jahrhundert, von den Mongolen unter Dschingis Khan im 12. Jahrhundert und 1383 von Timur. Babur nahm Kandahar im 16. Jahrhundert ein. Die Stadt gehörte Anfang des 18. Jahrhunderts zum safawidischen Persien, das jedoch an Macht verlor. 1709 gewann eine regionale Paschtunengruppe unter Mir Wais Hotak die Macht. Von 1739 bis 1747 geriet Kandahar unter der Kontrolle von Nadir Schah. Ahmad Schah Durrani, Emir des Durrani-Reichs, dem Vorläufer des afghanischen Staates, nahm die Stadt 1747 ein und machte sie ein Jahr später zur Hauptstadt seines Königreiches. Die heutige Altstadt wurde von Ahmed Schah erbaut und wird von seinem Mausoleum dominiert. 1780 wurde Kabul die neue Hauptstadt.

Britische Truppen besetzten Kandahar zu Beginn des Ersten Anglo-Afghanischen Krieges (1839–1842). 1842 zogen sie sich zurück und kehrten zusammen mit indischen Truppen im Zweiten Anglo-Afghanischen Krieg 1878 zurück. Im Kampf gegen Ayub Khan wurden sie 1881 in der Schlacht von Maiwand geschlagen. Für die nächsten hundert Jahre blieb das Leben in Kandahar friedlich, mit Ausnahme des Jahres 1929, als Habibullah Kalakâni die befestigte Stadt belagerte und die Bevölkerung drangsalierte, bis er von Mohammed Nadir Schah vertrieben wurde.

Nach dem Ende des sowjetisch-afghanischen Krieges wechselten die Machthaber öfter. Ende 1994 begannen die Taliban von Kandahar, aus die Eroberung des Südens, Ostens und der Mitte von Afghanistan. Am 7. Dezember 2001 befreiten Truppen der afghanischen Nordallianz mit US-amerikanischer Unterstützung Kandahar von den Taliban. Am 12. August 2021 wurde die Stadt im Zuge der Offensive der Taliban nach dem Abzug der US-Streitkräfte aus Afghanistan zurückerobert. Mehr als drei Wochen lang kam es innerhalb der Stadt zu schweren Zusammenstößen zwischen der Regierung und den Taliban, bevor die Sicherheitskräfte die Stadt evakuierten. Nach schweren Gefechten haben die Extremisten die Kontrolle über Kandahar übernommen. Die Regierungstruppen kontrollieren allerdings weiterhin den Flughafen von Kandahar, der während des 20-jährigen Einsatzes der US-Streitkräfte der zweitgrößte Stützpunkt in Afghanistan war.

In Kandahar leben ca. 500 000 Menschen, nach Kabul und Herat (auch bereits an die Taliban gefallen) ist es die drittgrößte Stadt Afghanistans.  Die Stadt ist das wirtschaftliche Zentrum des Südens des Landes, und war auch der Geburtsort der Taliban Bewegung in den neunziger Jahren.  Kandahar diente zudem als Hauptstadt der Islamisten während ihrer Herrschaft zwischen 1996 und 2001.

Seit dem Beginn des internationalen Truppenabzugs im Mai sind die Taliban immer weiter vorgerückt. Sie kontrollieren inzwischen etwa zwei Drittel Afghanistans. Was hat nun dieser Kriegseinsatz der USA – und Verbündeten seit 2001 gebracht?

Meine Assoziationen zu Kandahar

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