Kleines Afghanistan ABC

Bei allem, was jetzt in Afghanistan passiert, sollten wir nicht vergessen, dass es in diesem Land auch friedliche Zeiten gegeben hat, in der Menschen frei ihr Leben führen konnten. Das liegt aber schon lange zurück.

In Afghanistan gibt es Kohle, Kupfer, Eisenerz, Lithium, Uran, Metalle der Seltenen Erden, Chromit, Gold, Zink, Talk, Baryt, Schwefel, Blei, Marmor, Schmuckstein, Erdgas, Erdöl und weitere Rohstoffe, viele davon noch ungenutzt.

80 % der Bevölkerung leben auf dem Land und nur 20 % in den Städten. Kabul allein hatte 2019 4,273 Mill. Einwohner. Das Bevölkerungswachstum jährlich liegt bei 2,5 % (Stand 2017). Afghanistan hat eine der jüngsten und am schnellsten wachsenden Bevölkerungen weltweit. Die Bevölkerung des Landes fühlt sich einer Vielzahl ethnischer Gruppen und Stämme zugehörig, wobei sich aus historischen Gründen die Paschtunen häufig als staatstragendes Volk ansehen. Paschtunen bilden auch die große Mehrheit der Taliban-Bewegung. Sie machen etwa 40 % der Bevölkerung aus, Tadschiken 27 % („Tadschik“ steht für persisch-sprachigen Bevölkerung). Hazara, ebenfalls persisch-sprachig, jedoch größtenteils schiitischen Glaubens und mongolischer Abstammung, stellen etwa 9 % der Bevölkerung. Aufgrund ihrer ethnischen und religiösen Zugehörigkeit wurden und werden sie in Afghanistan diskriminiert, verfolgt und gezielt getötet. Usbeken, eines der vielen Turkvölker Zentralasiens, stellen etwa 9 % der Bevölkerung.

Nun zur Geschichte: Der Paschtune Ahmad Schah Durrani begründete im Jahr 1747 ein selbständiges Königreich im Osten Persiens, das als Durrani-Reich bekannt ist. Damit gilt er allgemein als der Begründer Afghanistans. Abgesehen von zwei kleinen Ausnahmen haben die Paschtunen das Land seit seiner Gründung durchgehend beherrscht.

Im 19. Jahrhundert führte der Konflikt zwischen den Kolonialmächten Russland und Großbritannien (The Great Game) zum Eingreifen der Briten in einen Thronfolgekrieg in Afghanistan. Mehrere Anglo-Afghanische Kriege waren die Folge. Der britische Versuch scheiterte, Afghanistan zu besetzen und Indien anzugliedern.

Die Engländer entschlossen sich dazu, Abdur Rahman Khan (* 1844; † 1901) auf den Thron zu setzen. Unter seiner Herrschaft legten Briten und Russen die heutigen Grenzen Afghanistans fest. 1893 wurde mit der Durand-Linie eine Demarkationslinie zwischen Afghanistan und Britisch-Indien geschaffen. Sie durchtrennte aber auch das Siedlungsgebiet der Paschtunen. Im Jahre 1898 erhielt Afghanistan den Südteil des Khanates Buchara (Süd-Turkestan) zugesprochen und so seine bis heute gültige Nordgrenze.

Während des Ersten Weltkriegs versuchten das Deutsche und das Osmanische Reich, Afghanistan auf Seiten der Mittelmächte in den Krieg zu ziehen. Der Friede von Rawalpindi beendete 1919 den dritten Afghanisch-Britischen Krieg, brachte dem Land die Souveränität und führte zum Vertrag von Kabul (1921) mit der Anerkennung der vollen Unabhängigkeit Afghanistans durch Großbritannien und Russland. Seit 1925 bestand ein konstitutionelles Königreich. Nach der Ermordung des Schahs Mohammed Nadir am 8. November 1933 bestieg sein Bruder und Prinz Sardar Mohammed Haschim Khan den Thron. In der zweiten Hälfte der 1930er Jahre schloss das Deutsche Reich einige Staatsverträge mit Afghanistan auf militärischem, wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet. Sicherheitspolitisch schloss sich Afghanistan im Vertrag von Saadabad vom 8. Juli 1937 mit dem Irak, dem Iran und der Türkei auf einer gegenseitigen Nichtangriffsbasis gegen die Sowjetunion zusammen.

Afghanistans Armee, Polizei und Geheimdienst wurden von Deutschen (Wehrmacht) reorganisiert. Auch für die gesamte landwirtschaftliche und industrielle Planung sowie den Ausbau des Straßenwesens war Deutschland federführend, sowie auch für das gesamte Erziehungs- und Ausbildungswesen. Trotz enger Handelsbeziehungen zu Deutschland, Italien und Japan, erklärte Sahir Schah zu Beginn des Zweiten Weltkriegs die Neutralität des Landes.

1946 erfolgte der Beitritt zu den Vereinten Nationen. 1964 kam es mit der Verabschiedung einer neuen Verfassung durch die Loya Dschirga (Große Ratsversammlung) zur Einführung der konstitutionellen Monarchie. Die ersten freien Wahlen fanden im September 1965 statt. 1973 Staatsstreich: Daoud Khan rief die Republik Afghanistan auf. Daouds Regierung entwickelte sich zu einer brutalen Diktatur und wurde von Anfang an sowohl von der linken Opposition, die insbesondere in der Khalq-Partei (Volkspartei) organisiert war, als auch von islamischen Gruppierungen aus der Illegalität und dem pakistanischen Exil heraus bekämpft. Der Kampf gegen Daoud Khan kulminierte in der Saur-Revolution im April 1978, in der der afghanische Diktator durch das Militär nach einer blutigen Belagerung seiner Residenz abgesetzt und hingerichtet wurde. Neue Machthaber in dem in „Demokratische Republik Afghanistan“ umbenannten Staat waren die Anführer der vorher illegalen Khalq-Partei.

Als die Regierung gegenüber den konservativ-islamisch geprägten Kräften immer mehr in die Defensive geriet, ließ die damalige sowjetische Regierung am 25. Dezember 1979 Truppen in Afghanistan einmarschieren. Es gelang den Sowjets jedoch nicht, den Widerstand der verschiedenen islamischen Gruppen (Mudschaheddin) zu brechen, obwohl eine waffentechnische Überlegenheit gegeben war. Die letzten sowjetischen Truppen verließen am 15. Februar 1989 das Land.

Im April 1992 wurde der Islamische Staat Afghanistan durch die Peshawar Accords gegründet. Gulbuddin Hekmatyār begann mit der Unterstützung Pakistans einen jahrelangen Krieg in Kabul gegen den Islamischen Staat, der weite Teile Kabuls zerstörte. 1994 traten die Taliban in der südlichen Stadt Kandahar erstmals in Erscheinung. Die Taliban übernahmen die Macht in verschiedenen südlichen und westlichen Provinzen Afghanistans. Ende 1994 gelang es dem afghanischen Verteidigungsminister Ahmad Schah Massoud, Hekmatyār und die verschiedenen Milizen militärisch in Kabul zu besiegen. Massoud initiierte einen landesweiten politischen Prozess mit dem Ziel nationaler Konsolidierung und demokratischer Wahlen. Massoud lud die Taliban ein, sich diesem Prozess anzuschließen. Die Taliban lehnten ab. Statt einer Demokratie wollten sie ein diktatorisches Emirat errichten. Bis März 1995 hatten die Taliban sechs Provinzen eingenommen und Kabul erreicht. Am 27. September 1996 marschierten die Taliban in Kabul ein und errichteten das Islamische Emirat Afghanistan, das lediglich von Pakistan, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten anerkannt wurde.

(wird fortgesetzt)

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