„Wenn er das Papierl doch nicht unterschrieben hätte …“

Gedanken zum heutigen Geburtstag des Kaisers (Franz Joseph I.)

Meine Mutter (geboren 1905) sagte immer: am 18. August ist der Sommer zu Ende. Heute, 2021, trifft das ja fast zu, es ist einfach kalt!  Naja, der 18. August war der Geburtstag des Kaisers – und das Ende der „Saison“ in Ischl.

„Des Kaisers“: für Menschen der Generation meiner Mutter war „der Kaiser“ noch immer Franz Joseph I., auch wenn er 2016 gestorben – nach 68 Regierungsjahren – ist und kurzfristig auch noch einen Nachfolger hatte.

Neulich, in einem Gespräch meinte ein Bekannter: „wenn er das Papierl doch nicht unterschrieben hätte“. Er meinte damit die österreichisch-ungarische Kriegserklärung an Serbien, vom 28. Juli 1914. Das berühmte „Ultimatum“ hatte den Zweck, der internationalen Staatengemeinschaft vor Augen zu führen, dass die Schuld des Kriegsausbruchs bei Serbien läge. Das war zwar die Absicht, aber gelungen ist diese „Überzeugungsarbeit“ aber nicht. Zwei Tage später also lang vor seinem Geburtstag) kehrte der Kaisernach Wien zurück und sah Ischl dann nicht mehr wieder.

Nach der Ermordung des Thronfolgerehepaares am 28. Juni 1914 in Sarajevo war  fast ein Monat verstrichen, bis am 23. Juli 1914 die offizielle Reaktion Österreich-Ungarns erfolgte: Das für den Anschlag auf Erzherzog Franz Ferdinand verantwortlich gemachte Königreich Serbien wurde mittels einer diplomatischen Note ultimativ dazu aufgefordert, binnen 48 Stunden nach Überreichung durch den k. u. k. Gesandten in Belgrad die ihm darin gestellten Bedingungen, insbesondere betreffend das Vorgehen gegen die Hintermänner des Attentates auf serbischem Territorium, uneingeschränkt anzunehmen; jeglicher Vorbehalt würde als Kriegsgrund betrachtet. Die Note an Belgrad war in französischer Sprache gehalten und war am 19. Juli in einer Sitzung des gemeinsamen Ministerrates beschlossen worden und sollte vom Gesandten Giesl am 23. Juli nachmittags übergeben werden.

Die serbische Antwort erfolgte in letzter Minute und enthielt Einschränkungen, was die geforderte Mitwirkung österreichischer Amtsorgane an den Untersuchungen in Serbien betraf. Somit hatte Giesl weisungsgemäß die diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Staaten abzubrechen und aus Belgrad abzureisen.

In Wien hatte man gar nicht mit der Annahme der Bedingung gerechnet. Seit der als letzten, besonders empörenden Demütigung empfundenen Attentat glaubte man seitens der österreichisch-ungarischen Diplomatie, die Balkanfrage ein für alle Mal auf militärischem Wege, in einem isolierten Krieg gegen Serbien, lösen zu können. Freilich unterschätze man am Wiener Ballhausplatz dabei sträflich die Bereitschaft Russlands, auf Seiten seines serbischen Verbündeten in den Krieg einzutreten, wodurch der Große Krieg tatsächlich unvermeidbar wurde.

In seinem am 27. Juli 1914 an Kaiser Franz Joseph gerichteten schriftlichen Vortrag legte Außenminister Berchtold die jüngsten Ereignisse sowie deren angemessene politische Einschätzung dar. Als nötige Konsequenz schlug er dem Kaiser die sofortige Kriegserklärung an Serbien vor und ersuchte um dessen Ermächtigung, diese am nächsten Tag (28. Juli 1914) per Telegramm an das serbische Außenministerium abzusenden. Der zu genehmigende Textentwurf des Telegramms lag dem Vortrag bei. Mittels „Allerhöchster Entschließung“, deren Wortlaut auf den Referatsbogen des Vortrags gesetzt wurde und durch seine Unterschrift genehmigte Kaiser Franz Joseph die Absendung der Kriegserklärung an Serbien, was letztlich zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges führte.

Angesichts des Vortrages Berchtolds entsteht der Eindruck, dass man seitens des Außenministeriums auf eine rasche Herstellung des Kriegszustandes mit Serbien hinarbeitete und dabei auch nicht die von den Entente Mächten, insbesondere Großbritannien, angebotenen Vermittlungsversuche abwarten wollte. Durchaus gelegen kam dabei die Nachricht eines bewaffneten Geplänkels, das durch den Beschuss österreichisch-ungarischer Truppen von serbischen Dampfern aus bei Temes Kubin (Kovin) an der Donau ausgelöst worden sei. Interpretiert als tatsächlich bereits vollzogene Eröffnung der Kampfhandlungen durch Serbien wurde das Gefecht in dem Kaiser Franz Joseph zur Unterschrift vorgelegten Entwurf der Kriegserklärung ausdrücklich erwähnt. Spätestens am 28. Juli, und jedenfalls noch bevor die Kriegserklärung abgeschickt wurde, erwies sich die Nachricht von diesem Gefecht als Falschmeldung. Die Temes Kubin betreffende Textpassage des Telegramms wurde daraufhin von Berchtold kurzerhand gestrichen, die Kriegserklärung an Serbien jedoch trotzdem, „in Anhoffung der nachträglichen Allergnädigsten Genehmigung“, also ohne den Kaiser weiter zu unterrichten, abgesandt.

So begann dieser „Große Krieg“, die Urkatastrophe des Zwanzigsten Jahrhunderts eigentlich auch aufgrund eines Irrtums.

So, und jetzt geh‘ ich in den Burggarten und schau, ob anlässlich dieses Tages jemand Blumen am Denkmal von Franz Joseph niedergelegt hat.

„Wenn er das Papierl doch nicht unterschrieben hätte …“

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